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Kanadaserie, Platz 6: Wolf Parade

Add comment August 10th, 2007

kanada_6.pngObwohl die heutige Band Wolf Parade genau am entgegengesetzten Ende Kanadas aktiv ist, nämlich in Montréal, lässt sich hier zumindest ein Muster erkennen, das auch die gestern vorgestellten New Pornographers sowie Black Mountain prägt: hinter der Band steht eine sehr viel größere Gemeinschaft von Musikern und Künstlern, was sich auch in zahlreichen Nebenprojekten ausdrückt. Wolf Parade gäbe es heute vermutlich gar nicht, wenn nicht Spencer Krug, Sänger, Songwriter und Keyboarder bei Frog Eyes, im Jahr 2003 gefragt worden wäre, ob er nicht im Vorprogramm von Arcade Fire auftreten wolle.

wp1.pngVielleicht um seine Musikerbiographie genügend zu verästeln, veröffentlichte Krug 2005 als Sunset Rubdown (vgl. auch hier) ein weiteres Album. 2006 wurde Sunset Rubdown dann wiederbelebt, aber nicht mehr als Soloprojekt, sondern als Band, in der neben Krug auch noch Camilla Wynn Ingr von Pony Up! (siehe auch hier), Jordan Robson-Cramer von XY Lover und Magic Weapon sowie Michael Doerksen mitwirkten. Bislang haben Sunset Rubdown zwei Alben und eine EP veröffentlicht. Außerdem hat Spencer Krug in dem Instrumentaltrio Fifths of Seven (MySpace) gespielt, zusammen mit Beckie Foon, die wiederum den Bands A Silver Mt. Zion (eine der Godspeed-Nachfolgeprojekte), Set Fire to Flames und Esmerine angehörte, sowie Rachel Levine von Cakelk. Aber Spencer Krug wäre kein Kanadischer-Superindiemusiker, wenn er nicht auch in mindestens einer kanadischen Indie-Supergruppe mitspielen würde: Swan Lake. In diesem Projekt sind auch der gestern bereits erwähnte Dan Bejar dabei sowie Carey Mercer aus Krug’s erster Band Frog Eyes.

Wie ging es mit dem Arcade Fire-Konzert 2003 weiter (wie gut die Band heute live klingt, kann man hier erleben)? Spencer Krug rief seinen Freund Dan Boeckner an, der Sänger, Songwriter und Gitarrist bei Atlas Strategic war und später zusammen mit seiner Frau die Handsome Furs (siehe auch hier) begründete (außerdem spielte er zeitweise bei den Islands mit): “He called Dan Boeckner. “I heard you play guitar,” he said, “I heard you go twang twang real good. And sing. Squawk squawk, mumble mumble. Come make a band with me. We have a show in three weeks.” Krug und Boeckner schrieben also einige Songs für den Gig, zunächst mit einem Drumcomputer. Schließlich entschieden sie sich aber dafür, das Gerät durch Arlen Thompson zu ersetzen, der immerhin auch einmal bei einem Song von Arcade Fire getrommelt hatte. 2004 kam auch noch Hadji Bakara hinzu und 2005 Dante DeCaro (zuvor bei Hot Hot Heat) als zweiter Gitarrist. Kompliziert genug? Ich denke schon. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, dieses Netzwerk einmal mit Paint (womit denn sonst) aufzumalen, so dass das Muster deutlicher wird:
Landkarte
Die erste EP “Wolf Parade” nahmen sie noch als Trio in Eigenregie auf, bei der zweiten EP “Wolf Parade” war Hadji Bakara schon dabei. Isaac Brock (Modest Mouse) ließ sich von der Band überzeugen und brachte Sub Pop dazu, Wolf Parade unter Vertrag zu nehmen. Er produzierte dann zunächst noch eine weitere (Promo-)EP mit dem Titel “Wolf Parade” und schließlich das erste Album der Band, “Apologies to the Queen Mary“, das 2005 veröffentlicht wurde. Besonders faszinierend ist, wie die beiden Songwriter Krug und Boeckner auf diesem Album zusammenwirken. Zum einen wechseln sich Krug-Songs und Boeckner-Songs einigermaßen gleichmäßig ab, aber auch in den einzelnen Songs bekommt man nach mehrmaligem Anhören den Eindruck, als würden sie sich gegenseitig kommentieren (wenn sie sich nicht sowieso dabei sind, sich gegenseitig Textzeilen an den Kopf zu werfen, respektive zu schreien). Musikalisch bewegt sich das Album zwischen 70er Artrock à la David Bowie/Brian Eno, den wohl unvermeidlichen Modest Mouse-Inspirationen sowie dem Postrock-/Postpunkidiom des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Nach den beiden ersten Songs, dem metallisch schroffen, ziemlich harten “You Are a Runner and I Am My Father’s Son” (mp3) und dem folkigen “Modern World” mit seinen akustischen Gitarren und der melancholischen Stimmung, nimmt die Platte mit “Grounds for Divorce”, einem der besten Songs mit dem typisch exaltiert-abgehackten Gesang Krugs und vielen übereinandergelegten singenden Gitarren- und Keyboard-Melodien wieder Fahrt auf. Zudem findet man hier textliche Highlights wie “Said you hate the sound / Of the busses on the ground / Said you hate the way they scrape their brakes all over town / Said pretend it’s wales / And keeping their voices down / Such were the grounds for divorce i know”. An anderen Stellen erinnern Wolf Parade an Suede (”Fancy Claps”) oder sogar etwas an Nirvana (”It’s A Curse”). Durch das ganze Album zieht sich das Thema der Geister, die zum Beispiel in der von einem heulend-pfeifenden Theremin begleiteten Ballade “Same Ghost Every Night” mit dem lyrischen Ich auf merkwürdige Weise sprechen: “When you’re on your own / Spread out on the mat / Dead”. “Shine A Light” (mp3), eine hymnische Erinnerung an das Spannungsfeld zwischen verpassten Möglichkeiten und dem Pulsieren in den Adern, das einen daran erinnert, dass man noch lebt (”we’re chain chain chain chain, chained to the life”), gehört sicher zu den besten Liedern des Albums und vielleicht sogar zu dem Besten, was in den letzten Jahren im kanadischen Indiepop entstanden ist. Aber auch mit “I’ll Believe In Anything” ist der Band ein moderner Klassiker gelungen, der mit wilden Drums, Spielzeugsynths eine hypnotische Macht über den Zuhörer gewinnt.

Gerade hat die Band die Aufnahmen zu ihrem zweiten Album abgeschlossen; ein konkreter Veröffentlichungstermin wurde jedoch noch nicht genannt. Hier kann man zumindest drei neue Songs schon einmal als Livemitschnitte anhören. Aber mittlerweile ist man sich gar nicht mehr sicher, ob zum Beispiel Sunset Rubdown ein Wolf Parade-Nebenprojekt darstellt, oder ob es sich vielleicht schon umgekehrt verhält und Wolf Parade nur ein Anhängsel von Sunset Rubdown ist. Am 9. Oktober erscheint jedenfalls das dritte Album der Band, “Random Spirit Lover“. Den Track “Up on Your Leopard, Upon the End of Your Feral Days” kann man sich bereits jetzt herunterladen und anhören.

Kanadaserie, Platz 8: Black Mountain

Add comment August 8th, 2007

kanada_8.pngHeute geht es in die dritte Runde unserer virtuellen Kanadareise. Und praktischerweise können wir gleich in der pulsierenden Metropole Vancouver bleiben, der wir einen derart düsteren und sensiblen Künstler wie Circlesquare zu verdanken haben. Heute geht es aber sehr viel lebenslustiger weiter. Obwohl: drogenlastig bleibt es auch weiterhin, denn die heute zu besprechende Band ist nicht nur bekannt für ihren sehr an die 60s und 70s erinnernden Rocksound, sondern sie haben ihrem Debüt mit “Druganaut” auch noch einen recht eindeutigen Titel gegeben (und leiten ihren Bandnamen ab von “a Mountain full of hash”). Interessanterweise ist die Band Black Mountain, die aus Amber Webber (Gesang), Matt Camirand (Bass), Jeremy Schmidt (Keyboards), Joshua Wells (Schlagzeug) und Stephen McBean (Gesang und Gitarre) besteht, nur ein Teil eines viel umfassenderen Musiker- und Künstlerkollektivs, das sich Black Mountain Army nennt und aus dem zum Beispiel auch die avantgardistischen Pink Mountaintops, die Indiefolkband Jerk With A Bomb oder das Duo Amber & Josh hervorgegangen sind. Matt beschreibt die BMA als: “a bunch of drunks in Vancouver who live within two blocks of each other and are creative and try and include each other in their creativity”.

bm1.pngDoch nun zur Musik ihres Albums “Black Mountain” (2005; der Nachfolger soll Anfang 2008 erscheinen). Eines ist klar: wir befinden uns hier ein gutes Stück entfernt von den kalten Großstadtsounds eines Circlesquare oder den unerwarteten Drum-and-Bass-Beats und ausgefeilten rhythmischen Konstellationen von The Most Serene Republic. Bei Black Mountain geht es konservativ zur Sache: der Maßstab sind die großen Rockbands der späten 60er und 70er Jahre. So erinnert “Modern Music” immer wieder an Velvet Underground, leitet dann aber über in einen Bulldozer-schweren Black-Sabbath-Riffrock. Aber der wohl wichtigste Einfluss scheint die Band Ten Years After zu sein, die immer wieder schwebende und leicht bekömmliche Orgelpassagen mit energetischem Bluesrock vermischt haben. Ganz deutlich meine ich diesen Einfluss in “Don’t Run Our Hearts Around” herauszuhören. Manchmal knüpfen sie dann auch an die psychedelische Tradition von Pink Floyd an und reduzieren den Sound nur noch auf leise Orgelklänge im Hintergrund (”Set Us Free”). Trotzdem verwenden sie ein avantgardistisches Element dann doch hin und wieder: ein sehr frei intonierendes Saxophon, mit dem sie zum Beispiel in “No Hits” an den frühen Freejazz des ESP-Labels erinnern. Das erwähnte “Druganaut” (hier als mp3) nimmt dagegen Funk- und Soul-Einflüsse (Curtis Mayfield) in sich auf, die dann mit schrägen Gitarrensoli und nostalgisch aus der Vergangenheit gegriffenen Led Zeppelin-Riffs kombiniert werden. Doch Black Mountain beziehen sich nicht einfach nur auf die Woodstock-Seeligkeit, sondern spielen eine Musik, in der das Altamont-Desaster und die Schattenseiten der Hippieära mitgedacht sind: “The most interesting part of the albums are certain touches that seem un-sinister turned druggy and sinister, such as hand claps and tasteful female backing vocals” (Song of the Day).

Besonders gelungen ist die hauptsächlich von Amber gesungene Gitarrenballade “Heart of Snow” (hier als mp3), die aus mehrmaligen Wechseln zwischen ruhigen Folkpassagen und rockigen Instrumentalteilen besteht. Fast am besten gefällt mir aber immer noch “No Satisfaction”, weil die Idee zunächst allzu frech bei den Rolling Stones geklaut wirkt, dann aber deutlich wird, dass dieser einfach gestrickte Song mit seinem Chorgesang, der etwas schiefen Flötenmelodie, dem hämmernden Klavier und dem stampfenden Beat eine sehr warme, ehrliche und runde Angelegenheit ist. Aber halt, bevor es jetzt Rockismus-Vorwürfe hagelt: in der ersten Nummer zeigen Black Mountain mit ironischen Textzeilen wie “1 2 3 - another pop explosion / 1 2 3 - another hit recording” wie sehr sie sich dann doch trotz aller musikalischen Nähen zum Blut-Schweiß-und-Tränen-Rock der 70er in der Gegenwart verorten und immer die Möglichkeit offen lassen, ihre Songs als Kommentar zu den Erwartungen an eine Rockband im 21. Jahrtausend zu lesen. So etwas weiß ich zu schätzen und setze diese Band deshalb auf Platz acht meiner Top Ten.

Zum Abschluss hier noch das Druganaut-Video (via):

Wir nennen es Oh-oh-ooh-oh! (Apples in Stereo)

Add comment March 30th, 2007

Im Herzen des Pop ist Leere. Deshalb bleibt ihm nur die Flucht in die Selbstreferentialität. Und das klingt so: Oh-oh-ooh-oh! Turn Up the Stereo-oh! Zu Anfang: Sinuswellen, Vocoder und dann E-Gitarren. Can you feel it - die Musik? Den mehrstimmigen Gesang im Chorus und den Groove der Cowbell? Makes you feel good. Schon der erste Track auf “New Magnetic Wonder”, dem sechsten Album der US-Band Apples in Stereo, zeigt, in welche Richtung es gehen soll. In die richtige.

Allein der Moment in “Can You Feel It”, in dem das erste Gitarrensolo abhebt, ist ein klassischer Alles-ist-klar-Moment. Manche nennen es Erleuchtung, wir nennen es Oh-oh-ooh-oh! Ob das Vibrieren der Lautsprecher oder das Rauschen auf dem FM-Sender - die Musik der Apples handelt, natürlich, von nichts anderem als der Nebensächlichkeit von Musik. Es geht hier nicht um passende Akkorde, neue Hooklines, Kunst oder Kommerz. Gefeiert wird die Musik als Begleitung eines Lebens. Das Album spendet diesem Zweck mit 24 Tracks und gut 50 Minuten Klangkulisse.

You follow the skyway - de-dip-dip-dip-di-dip - hat noch etwas schwer an seinen monotonen Gitarrenriffs und Klavierakkorden zu tragen. Dann aber die erste Single, “Energy”. Hier darf das Roland Space Echo auf dem Gesang von Robert Schneider endlich eine Hauptrolle spielen. Nur noch ein kurzes it’s gonna be alright nach Art der Beach Boys und dann ist da wieder dieses ewige Versprechen des Pop: And we’re gonna see the sunlight, uh uh yeah. Und die Welt ist Elektrizität. Gesungen wie von jemandem, der das erste Mal die Freuden des intimen Beieinanderseins entdeckt: es gibt ein Licht in dir und es gibt ein Licht in mir - Beischlaf-Pop at its best.

Mit “Same Old Drag” und einem dominierenden E-Piano sind wir dann mitten in der Schwedendisko inklusive Ba-ba-bah-Abba-Backgroundgesang. Aber das ist nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft: Joanie don’t you worry, there is so much you have yet to see! Mit dem von Hilarie Sidney, der alten Drummerin der Band, gesungenen “Sundall Song”, einer Mischung aus Barbiegirl und The Only Ones - it’s such a perfect night - erreicht die Platte dann einen ersten Höhepunkt, bei dem sogar der Mond vergessen darf zu scheinen.

Der nächste Track, “Play Tough”, klingt dann ein bisschen so als wäre Roy Orbison endlich bei Pavement eingestiegen. Aber schließlich wurde das Album von Bryce Goggin mitproduziert, der nicht nur Crooked Rain, Crooked Rain gemischt hat, sondern auch auf Range Life, dem besten aller Pavementsongs, Klavier gespielt hat. Saturday is not the ideal day to break up ist dann schließlich doch noch eine alltagstaugliche Wahrheit, die man auf jeden Fall noch mitnehmen kann. Und in der Tat sind die Apples in Stereo wohl eine der untoughsten Bands, die einem spontan einfallen. Aber das Tough-Spielen haben sie drauf.

Doch jetzt endlich: “7 Stars”. 7 Stars? 7 Stars! Mit der wunderbar rollenden Rhythmussektion inmitten eines Meeres aus Overdubs kommt man vielleicht nicht ganz bis zu den Sternen. Aber dennoch ganz schön weit. Und dann ist es kein Problem, wenn man von den Namen der Sternbilder nicht den Hauch einer Ahnung hat. So eine schwebende Einfachheit braucht keine Namen. Und sie bietet Entschädigung für die nicht immer passenden aber dafür halbwegs ironischen Zwischenschnipsel aus Sinuswellen, Vocoder und Fieldrecordings, die Titel wie “Vocoder Ba Ba” oder “Non-Pythagorean Composition 3″ tragen und auf neuartigen, von Schneider erfundenen Tonskalen beruhen, die sich nicht nach der herkömmlichen Algebra richten. Das macht aber nichts.

Gar nichts, denn auf “Sunday Sounds” singt Hilarie wieder und macht den Song zum Geheimfavoriten für die Happy Hours studentischer Indiedancefloors zwischen Bielefeld und Augsburg. “Open Eyes” bringt dann genau die richtige Gitarrenriff- und Tamburin-Kombination, um wie eine vergessene Nummer aus der heißen Phase des Battle of Britpop zu wirken. What do you feel when you are inside a star? Vermutlich ziemlich heiß. Bleibt die Frage, ob das wirklich der richtige Ort ist, an dem man seine Liebe entführen sollte.

Bei “Radiation” zwitschert und fiept es dann wieder ordentlich in der Leitung. Besungen wird die Rückkehr zu einem Ort in your head, an dem man frei sein kann und seine Freunde wiedertreffen kann, ba bap ba, wo sonst. Ins Rollen kommt die Angelegenheit dann wieder mit der ersten von vier Beautiful Machines. Obwohl in Reihenschaltung entfalten sie genug Spannung und Energie - and the world is energy - um dem Schluss des Albums entgegenzumarschieren.

Turn off the bullshit on the FM radio: Wenn Pop tot ist, dann ist das wahrscheinlich die schönste Leiche des Frühjahrs 2007.

The Apples in Stereo: New Magnetic Wonder (Yep Roc Records, 16.02.2007).


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