Gefragt danach, wo denn die psychedelische Rockmusik der 1960er und 1970er Jahre ihren Anfang genommen hat, würden wohl die meisten ohne mit der Wimper zu zucken antworten: San Francisco, Height/Ashbury. Tatsächlich waren es jedoch die 13th Floor Elevators aus dem texanischen Austin, die begonnen haben, Popmusik mit Drogenerfahrungen aller Art zu kreuzen und diesen Hybriden namens Psychedelic Rock heranzuzüchten, mit dem Bands wie die Grateful Dead, die Byrds oder Jefferson Airplane in den 1960ern auf diversen Hippiegatherings hausieren gingen. Die Elevators waren sogar die ersten, die ihre Musik als “psychedelisch” bezeichnet haben: Ihr erstes Album aus dem Jahr 1966 hieß “The Psychedelic Sounds Of The 13th Floor Elevators”.
Die Band schaffte es nur bis 1969, da ihre Bandleader, der geniale Roky Erickson, nach einer Verhaftung als psychisch krank (Diagnose: Schizophrenie) im Rusk State Mental Hospital wiederfand. Doch nach seiner Entlassung rappelte Roky sich wieder auf und erfand nebenbei mit dem Punk Rock ein neues Musikgenre. Über die Geschichte dieses Musikers hat Keven McAlester eine Dokumentation mit Titel “You’re Gonna Miss Me” gedreht. Hier der Trailer des Films sowie ein wundervoller Elevators-Song, der 1999 in der Cover-Version von Primal Scream eine Renaissance des Psychedelic Rock eingeleitet hat.
Wer hat es auf den ersten Platz meiner kanadischen Indie-Top-Ten geschafft? In wenigen Stunden wird dieses Rätsel aufgelöst (komme jetzt leider nicht mehr dazu). Aber zuvor möchte ich noch einmal kurz auf die vielen anderen kanadischen Indie-Bands hinweisen, die ebenfalls sehr hörenswerte Musik machen, es aber wegen der Beschränkung auf zehn Bands nicht in meine Liste geschafft haben. Da wären zum Beispiel:
The Besnard Lakes, eine wundervolle Neo-Shoegazer-Band, denen mit “The Besnard Lakes are the Dark Horse” nicht nur ein sehr fantasievoller Albumtitel eingefallen ist, sondern die mit “Disaster” einen der düstersten Beach-Boys-Tracks aller Zeiten produziert haben. Auch diese Band gruppiert sich um ein Ehepaar: Jace Lasek und Olga Goreas. Und auch hier sind zahllose Verbindungen zu Bands wie den Stars, den Dears oder Godspeed You! Black Emperor auszumachen, die allesamt auch auf dem Album mitgespielt haben.
Young Galaxy, eine weitere Band aus dem Stars-Umfeld, die mit “Swing Your Heartache” eine großartige Kombination aus Herzschmerzcountry und Spacepop à la Air geschaffen haben (die restlichen Songs ihres Debüt-Albums “Young Galaxy” sind gut, aber nicht überragend). Im Mittelpunkt steht wieder ein Paar: Stephen Ramsay und Catherine McCandless und auch hier haben Musiker aus anderen Bands wie etwa den Besnard Lakes mitgewirkt.
The Dears, deren Musikstil mit dem Titel ihrer ersten EP aus dem Jahr 1995 ganz gut umschrieben ist: “Orchestral Pop Noir Romantique” und die wie so viele kanadische Bands eine schwer zu durchschauende und immer wieder wechselnde Mitgliederliste besitzen.
Death from Above 1979, einer der härteren Bands aus Toronto, die weniger orchestral und romantisch klingen, sondern stattdessen eine wilde Mischung aus Dancefloor und Postpunk spielen. Leider haben sich DFA1979 vor ziemlich genau einem Jahr aufgelöst.
Aber das sind noch längst nicht alle interessanten Bands der canadian invasion, sondern es gibt auch noch Malajube, You Say Party! We Say Die!, Final Fantasy oder Metric.
Soviel erstmal für den Moment, morgen gibt es dann wie versprochen die Nummer 1! Wahrscheinlich wisst ihr sowieso schon, wer das sein wird. Oder?
“I can’t listen to it now without getting all dewy-eyed. And if I play it on the radio, I have to segue it into the front of another record because I can’t speak after I’ve heard it” sagte der großartige John Peel. Jetzt ist Feargal Sharkey, der vor knapp dreißig Jahren mit seinen Undertones den Song “Teenage Kicks” aufgenommen hat, 49 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch (via).
Für alle diejenigen, die noch etwas angeschlagen von dem gestrigen Partyfreitag sind: wir müssen (zumindest für amerikanische Verhältnisse) keine allzu lange Strecke zurücklegen, um zu unserer heutigen Künstlerin zu gelangen. Wir verlassen Montréal in Richtung Südwesten und stoßen auf die Autoroute 720. Nach gut 70 Kilometern lassen wir die Provinz Québec hinter uns. In Ontario geht es auf dem Highway 401 weiter und wir fahren eine ziemlich lange Strecke genau die US-kanadische Grenze entlang zwischen Ottawa auf der Rechten und den Adirondack Mountains auf der Linken. Bei Kingston stoßen wir dann schon auf den Ontariosee. Nach insgesamt 540 Kilometern haben wir schließlich unser heutiges Etappenziel Toronto erreicht. Dort ist “la belle Canadienne” Leslie Feist, die ursprünglich aus Amherst in Nova Scotia (einem kleinen Ort nahe der kanadischen Ostküste) stammt, zur Zeit zu Hause. Und nicht nur sie alleine. Toronto ist neben Vancouver und Montréal die dritte Musikergroßstadt in Kanada: in der Horseshoe Tavern, dem Sneaky Dee’s sowie dem Gladstone Hotel trifft sich die pulsierende Indieszene der 2,5-Millionenstadt. Auch hier sind es nicht einzelne, von einander klar abgrenzbare Bands, die die Szene prägen, sondern ein lose gekoppeltes und in immer wieder neuen Konstellationen an die Öffentlichkeit tretendes “Gemenge”. Was in Vancouver die Black Mountain Army ist und in Montréal das New Pornographers-Netzwerk, heißt in Toronto Broken Social Scene.
Doch über Broken Social Scene muss ich an dieser Stelle nicht ausführlich berichten, dafür gibt es womöglich an einer anderen Stelle dieser Kanadaserie noch Gelegenheit. Deshalb zu Leslie Feist. Geboren 1976, hat sie - wie es sich für die Tochter zweier Künstler gehört - sehr schnell zur Musik gefunden. Die Stationen sind die Üblichen: Kirchenchor in der frühen Jugend, dann 15jährig Leadsängerin ihrer ersten Punkband mit dem verwechslungsanfälligen Namen Placebo. Nach zahlreichen Konzerten, darunter sogar ein Auftritt im Vorprogramm der Ramones, war das Stimmband hinüber und Leslie wechselte zur Gitarre und den Wohnsitz gleich mit: von Calgary ging 1998 es nach Toronto. Ihre neue Band hieß By Divine Right. Außerdem fand sie nebenher auch noch Zeit, ihr erstes Soloalbum “Monarch (Lay Your Jewelled Head Down)” aufzunehmen, dass im Jahr 1999 erschien. Schon in diesem Album spürt man ihre Vorliebe für schwerelose Träumereien wie zum Beispiel in “Sirena” (aber nicht nur ihre Musik wird so charakterisiert, sondern auch ihr Äußeres, was zum Beispiel bei Olivia Stren deutlich wird, wenn sie von Feists “dreamy, hard-living alt-rock sex appeal” schwärmt). 2000 zog sie dann in eine neue Wohnung über einem Sexshop - ihre Mitbewohnerin Merrill Nisker dürfte unter ihrem Künstlernamen Peaches dem/der ein oder anderen ein Begriff sein. Leslie Feist wirkte immer wieder im Hintergrund ihrer Freundin mit und so kam es wohl, dass die beiden zusammen mit Gonzales (Jason Beck) für eine Weile nach Berlin zogen und dort fleißig an neuen Songs arbeiteten, die auf ihrem Album “Let It Die” erscheinen sollten.
Aber nicht nur in eigener Mission war sie unterwegs, sondern auch an den beiden Alben “Feel Good Lost” und “You Forgot It in People” der bereits erwähnten Torontoer Indiesupergruppe Broken Social Scene beteiligt und außerdem als Gastsängerin an “Riot on an Empty Street” von den Kings of Convenience, “Gone Gone Gone” von The New Deal sowie “Folkloric Feel” von Apostle of Hustle. Ihre zweites Album “Let It Die” nahm Feist 2002 und 2003 in Paris auf. Drei Jahre später war sie wieder in Europa, um ihr drittes Album “The Reminder” aufzunehmen (hier kann man einen Eindruck von der Musik bekommen), das April 2007 veröffentlicht wurde. Danach zog sie wieder nach Kanada zu ihrem Freund Kevin Drew, Mitglied bei - wie sollte es anders sein - Broken Social Scene.
Dieses Jahr ist sie neben Arcade Fire und weiteren Bands für den renommierten kanadischen Musikpreis “Polaris Award” nominiert, den letztes Jahr Owen Pallett alias Final Fantasy gewonnen hat (vgl. die höchst lesenswerte Darstellung hier). Vielleicht bringt dieser Medienrummel Feist den, vermutlich auch von ihr, vor allem aber von ihrem Label heiß ersehnten Schritt von der “reigning indie-music princess” hin zur Queen Elizabeth II des englischsprachigen Indiepop. Mit der Musik, die zwischen Bossa Nova, Nina Simone, Sade, Joni Mitchell und schrammligen Postfolk anzusiedeln ist, aber durch ihre einmalige Stimme und das charakteristische Gitarrenspiel dennoch unverwechselbar bleibt, könnte es jedenfalls klappen, nicht nur die Indieszene zu begeistern. Auch das loungig-entspannte Starbuckspublikum, das ansonsten Katie Melua, Diana Krall oder Norah Jones hört, muss sich nicht besonders überwinden, diese “warm, relaxing, chilled out and light” Klänge gutzufinden. Die Frage ist nur, ob sie diesen Sprung - “bis zur H&M Filiale in der Provinz” - schafft, ohne damit ihre Bewunderer in der Indieszene zu vergraulen, die ihr bereits den Verkauf des Songs “Mushaboom” für eine Lacoste-Werbekampagne übelgenommen haben. Spannend ist diese Position, “ein wenig zu sperrig, um Pop zu sein, aber ein wenig zu gefällig, um reiner Indie zu sein“, allemal. Sebastian Ingenhoff (Intro) plädiert jedenfalls dafür, es Feist nicht vorzuwerfen, wenn auch “der oder die SupermarktkassiererIn ohne Checker-Pop-Background” mit ihren Songs etwas anfangen kann. Allerdings: die Verteidigungshaltung ist in den einschlägigen Kritiken herauszuhören - das klingt heute ganz anders als noch zu Let It Die-Zeiten.
Eeeh-eeeh-eeeh, Oooh-oooh-oooh und Aaah-aaah-aaah heißt es im Refrain der neuen Vorabsingle “Suburban Nights” der Westlondoner (genauer: aus Staines, dem Ort der Unterzeichnung der Magna Charta) Hard-Fi. Eigentlich wollen sie ja nach Wut, Leere, Ödnis und so weiter klingen. Für mich ist der Song eine schöne Demonstration, dass es im musikalischen Nachlass von Frankie goes to Hollywood noch einiges zu holen gibt. Bis zu dem ungeduldig erwarteten Nachfolger des Hitalbums “Stars of CCTV” dauert es zwar noch etwas (31. August), aber mittlerweile sind schon einige Details über das Album ans Licht gekommen: es wird “Once Upon a Time in the West” heißen und anstelle einer teuren Schwarz-weiß-Abbildung der Band nur den orangefarbenen Schriftzug “Expensive Black & White Photo of Band. Not Available” auf einem schlichten schwarzen Hintergrund tragen. Das soll natürlich, wie schon die bis ins äußerste getriebene Überwachungskamerabildwelt auf SOCCTV, subversiv wirken (und falls das mit dem Cover noch nicht klar wird: Richard Archer singt immer wieder von ihrem Vorstadtärger). Zurück zur Musik. Neben dem erwähnten 80s-Postwave-Diskosongs “Suburban Nights” findet sich mit “You and Me” noch eine weitere Nummer auf der Seite, die zunächst an eine Kreuzung aus Blur und The Clash erinnert, dann aber durch einen ordentlichen Kopfstimmenchorus überrascht. Die Reaktionen auf die bisherigen Tracks liegen zwischen “very good“, “Och ja, gar nicht mal so übel“, “big-ass disappointment” und “not as good as their mind-blowing debut album“. Es wird also spannend. UPDATE: Interessanterweise zeigt sich Peter Flore (Intro) ziemlich begeistert von diesem “durchweg überzeugende Album”.
Doch urteilt selbst, nachdem ihr das Video zu Suburban Nights gesehen habt (via kulturni program):
Die Temperatur hier auf dem Balkon ist wohl immer noch hoch genug, um die von Klaus Eck empfohlene Bloggingregel anwenden zu können: “Schreibe kurze Postings”. Deshalb hier nur ein kurzer Hinweis auf das neue Video “Wonderlust King” der Gypsy-PunksGogol Bordello, die mit ihrem Auftritt zusammen mit Madonna sicher einen gewaltigen Karrieresprung hinlegen konnten. Ich würde gerne wissen, wieviel Weltfrieden-Pulver bei diesem Ohne-Rücksicht-auf-Verluste-Herumgehopse im Spiel war. Und mit etwas Phantasie könnte man die Flatterbänder an Eugene Hützens Oberarm auch für einen Papagei halten:
Auf der Webseite von Operation Phoenix Records gibt es ein frei zugängliches Punkzine-Archive, in dem hunderte Ausgaben von Maximumrocknroll, Flipside, Suburban Voice und HeartattaCk aus den 1970ern, 1980ern und 1990ern als PDF-Dateien zum Herunterladen bereitstehen. Jetzt braucht man nur noch ein bisschen Freizeit, um sich da durchzuwühlen.
Die großartige Punkband The Boys zitiert in Sway (Quien sera), der auch auf ihrem 1978′er Debut ist, den Acapulco-Sound. Leider gibt’s von dieser Band kaum Videos auf YouTube. Wo ist First Time? Oder der Klassiker Brickfield Nights?