September 3rd, 2007
Johannes Boie hat nachgelegt (siehe auch hier) und in den “Netzdepeschen” der Süddeutschen Zeitung wieder einmal die Blogger madig gemacht. Kurz: Blogger sind dann okay, wenn sie in anderen Medien etwas machen (zum Beispiel Niggemeier und Schulteis in der Werbung), ansonsten geht alles den Bach runter: Blogscout wurde geschlossen, Don Alphonso ist genervt und Mister-250-Blogs-im-Feedreader Don Dahlmann macht Pause. Die Diagnose ist für Boie damit klar: “die deutsche Blog-Szene liege in dauerhaften Clinch und deutsche Blogger blieben im Vergleich zu ihren amerikanischen Kollegen zurück”. Komisch nur, dass er sich selbst hier in der indirekten Rede zitiert und auch nicht erwähnt, dass er selbst der Autor “eines Artikels aus dieser Zeitung” gewesen ist. Immerhin muss man sagen, dass Boies Untergangsbeschreibungen fast so aktuell sind wie die Meldungen der Blogger selbst. Aber warum kauft er sich dann nicht einfach ein Blog?
August 13th, 2007
Es ist eines der Gesetze der Blogosphäre: Wenn alte und neue Medien aufeinander losgehen, ist gute Unterhaltung garantiert. Das war schon in der Klowand-Affäre so und ist auch heute noch der Fall, wenn zum Beispiel ein Autor in der SZ über die Irrelevanz der Weblogszene extemporiert (siehe auch hier). Für alle, die erst jetzt hineinschalten, hier eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Geschehens:
- Samstag, 11. August
- irgendwann Julie Paradise gibt bekannt, dass ihre FriseurIn-meets-WLan-Anekdote zum Aufhänger für einen SZ-Artikel geworden ist.
- 9:46 Dorin Popa schimpft über den “typischen halbgaren Artikel, in denen Old-media-Autoren die Blogger zerfleischen”, der zu dieser Zeit noch gar nicht online verfügbar war.
- morgens Christian zufolge hat der Autor “nicht im geringsten verstanden, worum es in der Blogosphäre geht: Der Leser ist heute nicht mehr auf ein umfassendes Nachrichtenangebot wie sueddeutsche.de angewiesen.”
- Sonntag, 12. August
- 12:41 Das Trierer Medienblog kann der Kritik grundsätzlich zustimmen, wehrt sich aber dagegen, die deutsche Blogosphäre auf die “100 prägenden Netztagebücher” zu reduzieren.
- irgendwann Maingold rät der Süddeutschen, ihr “Top 100 Hitparadendenken” aufzugeben und mal wieder nachzuschlagen, was der Begriff “Subkultur” bedeutet.
- ebenfalls irgendwann Die Thüringer Blogzentrale wirft ein schönes Zitat von Paul Klee in den Ring, nach dem es mit der Kunst wie mit dem Arabischen sei: “wenn man es nicht beherrscht, versteht man es auch nicht”.
- 15:23 Retroaktiv wendet sich direkt an die SZ, wirft ihr ihre “wirren Thesen” vor und wirbt für eine friedliche Koexistenz zwischen Feedreader und Printpresse.
- 16:15 Püttagoras meint, auch vier bis fünf Leser seien eine relevante Öffentlichkeit.
- 16:36 “Schulterzuck” ist die erste Reaktion von Robert Basic auf den SZ-Artikel, bevor er dann dann seinerseits einem Teil der Printpresse (besonders dort, wo es um Computer geht) Irrelevanz unterstellt und abschließend der bedrohten Gattung des Journalisten noch ein paar mitfühlende Worte ausspricht.
- 19:00 Die medienlese berichtet in ihrem Wochenrückblick über den Artikel und lobt das “spitzenmäßige” Wortspiel im Titel des Artikels.
- 22:29 Neunzehn72 wirft dem Autor vor, das “Medium Internet und speziell die Blogs” gar nicht zu verstehen.
- Montag, 13. August
- 1:02 Ich bastle einen kleinen SZ-Ehrenbutton.
- 6:09 Peter Hogenkamp erklärt in seinem Artikel ein paar Dinge wie den Long Tail der Blogosphäre oder die chronologische Anordnung in Weblogs, die in dem Artikel fehlen bzw. falsch dargestellt werden.
- 8:27 “Irrevelant und Spaß dabei” wird das Blogmotto für diese Woche, erklärt der Webrocker.
- irgendwann Der in dem Artikel zitierte Soziologe Jan Schmidt fühlt sich missverstanden und unterscheidet zwischen massenmedialen und persönlichen Öffentlichkeiten.
- 9:02 Auch Stefan Niggemeier meldet sich jetzt zu Wort und veröffentlicht einen Brief an den Urheber, muss sich aber bemühen, “nicht polemisch zu werden angesichts der Diskrepanz zwischen der Überheblichkeit und Selbstwahrnehmung der „Süddeutschen Zeitung” und der Realität ihrer Berichterstattung im und über das Internet”.
- 13:52 Thomas Gigold meint in der Blackbox WWW, dass der Artikel ein übliches Beispiel für die deutschen Journalisten sei, die sich immer mal wieder gerne “nach Herzenslust an der kleinen, unbedeutenden Blogwelt Deutschlands” auslassen.
- 14:42 Frank Schrillmeier schweigt wortgewandt, “weil Relevanz zeigt, dass man gewisse Dinge, die generalisiert sind, nicht verhandeln muss.”
August 13th, 2007
Die Süddeutsche Zeitung hat es in dem Artikel “Abgebloggt” mal wieder geschafft, uns BloggerInnen gnadenlos zu durchschauen und unsere tiefsten Wünsche aufzuspüren:
Die deutsche Blog-Szene will eine Alternative zu den etablierten Medien werden.
So eine Meisterleistung muss entsprechend gewürdigt werden, am Besten in Gestalt eines selbstreferentiellen SZ-Ehrenbuttons:

Wer sich diesen Button auf sein Blog klebt, bekennt sich zu diesen acht Grundprinzipien des Bloggens:
- Mein Blog bewegt weniger als man denkt
- In meinem Blog kommt hin und wieder auch mal eine Friseurin vor
- Meinem Blog fehlt jegliche gesellschaftliche Relevanz
- Mein Ziel ist die Vergrößerung des abgeschlossenen Zirkels
- Ich spreche intern stolz von “Blogosphäre”
- Ich beobachte jeglichen Schritt in Richtung Professionalisierung kritisch
- Ich verstehe die “anderen Spielregeln” der Blogosphäre selbst nicht
- Ich will eine Alternative zu den etablierten Medien werden
August 10th, 2007
Angela Sandweger unterhält sich für die FAZ mit den White Stripes. Allerdings erfährt man letztlich nicht viel neues über die Band - zum Beispiel, dass Jack (Meg kommt in dem Gespräch kaum zu Wort) die eigene Musik als Blues und nicht als Heavy Metal beschreiben würde, dass man auch im Süden Amerikas nicht jeden Tag mit einem geladenen Gewehr begrüßt wird oder dass die White Stripes nicht mit einem ausgearbeiteten Konzept an das Songwriting herangehen, sondern einfach so loslegen. Gefallen hat mir aber die Passage, in der Jack ein bisschen über die Detroiter-Rockszene ätzt:
Über die dortige Garagenrockszene, aus der wir hervorgegangen waren und mit der wir assoziiert wurden, waren wir hinausgewachsen. Wir waren an einem Punkt angelangt, wo es für uns einfach ungesund wurde. Rock-’n'-Roll-Musiker, vor allem aber erfolglose Musiker, sind keine wirklich großartige Unterstützung.
Ach ja: Vor ein paar Tagen ist Jack White zum zweiten Mal Vater geworden. Der amtliche Geburtsanzeiger weiß auch schon den Namen: Henry Lee. Gratulation.
Ach ja II: Wer 99$ ausgeben will, noch nicht weiß wofür und dann auch noch White Stripes-Fan ist, der kann sich ein Paar USB-Sticks kaufen, die nicht nur aussehen wie die Whites (siehe Abbildung), sondern auch noch das neue Album “Icky Thump” darauf gespeichert haben. (via)
August 9th, 2007
Der TV-Blogger hat heute mit Hilfe des Internetarchivs in die Vergangenheit der Fernsehsenderhomepages geblickt. Das hat mich inspiriert, auch einmal die Jugendsünden der Musikmagazine unter die Lupe zu nehmen.
Beginnen wir bei Intro. Die allererste Seite lässt bei mir schon einmal den Browser einfrieren: irgendein Java-Fehler. Aber diese hier von April 1998 funktioniert. Ich weiß nicht, ob dieser rote Hintergrund tatsächlich so gedacht ist (wenn ja: mutige Farbgebung), oder ob hier nur eine Grafik fehlt, aber die Marmorimitation (METAL70.GIF) der Navigationsleisten ist (ebenso wie das Frame-basierte Layout) schon einmal ein ganz typisches Element aus einer Zeit, in der man auch seine Worddokumente und Emails mit raffinierten mehr oder weniger fotorealistischen Hintergründen versehen hat (ich sage nur: Stationary). Wahrscheinlich haben bei den oberen Navigationsbuttons auch noch die kleinen Lämpchen beim Klicken geleuchtet.
Die Spex-Seite lässt sich sogar bis zum Oktober 1997 zurückverfolgen. Allerdings zeigt sich die erste Homepage doch eher etwas abweisend. Statt Poptheorie gibt es unter dem roten Spex-Logo nur einen banalen Satz in bestem Hausmeisterdeutsch “Bis auf weiteres hat die Redaktion diese Web-Site geschlossen.” Das bleibt dann auch eine ganze Weile so, bis die Seite dann 1999 ein Flash-Intro bekam, das jedoch leider für das Archiv verloren gegangen ist. Auf der eigentlichen Seite begrüßt die Redaktion ihre Leser mit der wunderbaren Dathschen Grußformel:
“Anstelle des üblichen nichtssagenden Webseiten-Opener-Vorgeplänkels, das uns, wie wir erfahren haben, unsere treuesten und wertvollsten Leser zu kosten droht, weil sie sogar an den Stellen, die einfach nur Grußformeln bringen sollen, Informationen über Tourneen und T-Shirt-Preise verlangen und sich ärgern, wenn da, wo “hallo” steht, bloß “hallo” steht …”
Leider sind die Grafiken nicht im Internetarchiv, so dass kein Urteil über Farben, Formen etc. möglich ist.
Zuletzt noch ein Blick auf den Musikexpress: Die früheste Seite von Januar 1999 besteht aus Frames. Mehr kann man nicht sagen, da die eigentlichen Seiten nicht im Archiv sind. Den Jahrtausendwechsel feierte die Seite mit dem Satz “Diese Webpräsenz ist noch im Aufbau”. 2001 tut sich dann wieder etwas: mehrere Monate lang werden die Inhalte der kommenden Printausgaben angekündigt, jeweils mit der Einleitung: “Hier entsteht der Online-Auftritt von MUSIKEXPRESS” (perpetual beta, schon damals?) Die Seite ist schlicht: wenig Grafiken, wenig Farben; könnte auch heute so irgendwo im Netz stehen.
Ich denke, die These, früher sei alles besser gewesen, kann damit zumindest für diese Beispiele als widerlegt gelten. Oder?