Als ich heute meinen Broken Social Scene-Beitrag fertiggeschrieben habe, bin ich über den Bandnamen Len gestolpert (Broken Social Scenes Brendan Canning hatte damit etwas zu tun). Da war doch irgendetwas, oder? Diesmal kein Ehepaar, sondern Geschwister: Marc und Sharon Constanzo, genau. Langsam ist dann die Erinnerung zurückgekehrt, schließlich ist “Steal My Sunshine” (1999) nach wie vor einer der Sommersongs überhaupt (wenn man nicht im Sinne eines Freudschen Verhörers den Refrain als “still bisexual” missversteht). Vielleicht traut sich der Sommer tatsächlich noch einmal her, wenn wir alle nur laut genug singen:
I know it's up for me
If you steal my sunshine
Making sure I'm not in too deep
If you steal my sunshine
Keeping versed and on my feet
Nach einer kurzen Verschnaufpause findet die sommerliche Kanadaserie nun ihren Abschluss mit dem Spitzenreiter meiner Top Ten: Broken Social Scene. Im Vergleich zu den bisherigen Musikerkollektiven haben wir es mit dieser Supergruppe aus Toronto mit der “mother of them all” zu tun. Kaum vorstellbar, dass die Band einmal als Duo begann: 2001 nahmen Kevin Drew (zuvor bei KC Accidental) und Brendan Canning (aktiv unter anderem in den Bands By Divine Right, Blurtonia, Valley of the Giants, hHead und Len), allerdings mit zahlreichen Gastmusikern wie Justin Peroff (Junior Blue) oder Charles Spearin (Do Make Say Think, KC Accidental und Valley of the Giants), die später in Broken Social Scene eingemeindet werden sollten, ihr Debüt “Feel Good Lost” auf. Auf dem Album wird nur selten gesungen (”Passport Radio”) oder gesprochen (”Stomach Song”), es dominieren orchestrale Flächen, kunstvoll miteinander verwobende Jingle-Jangle-Gitarrenmelodien, Drones und ab und zu einmal ein Beat.
Um dieses Werk live aufführen zu können, holten sich die beiden weitere Musiker wie Andrew Whiteman (Que Vida und Apostle of Hustle), Jason Collett (Andrew Cash Band und Bird), Leslie Feist (Feist) und Emily Haines (Metric). Später kamen dann auch noch James Shaw (Metric), Evan Cranley (Stars und Gypsy Sol), Justin Peroff, John Crossingham, Amy Millan (Stars), Ohad Benchetrit (Do Make Say Think und The Hidden Camera, Sphyr), Martin Davis Kinack (Hayden und Transistor Sound & Lighting Co.), Jo-Ann Goldsmith, Torquil Campbell (Stars, Memphis), John Crossingham (Raising the Fawn), Lisa Lobsinger (Reverie Sound Revue) und Julie Penner (The FemBots, Do Make Say Think, Hylozoists und The Weakerthans) dazu und fertig war die 19-köpfige Unternehmung, die den kanadischen Indiepop mit dem Nachfolgewerk “You Forgot It in People” (2002/2003) eine neue Bedeutung geben sollte.
Wahrlich eine merkwürdige Dialektik, die hier am Werk ist: zunächst entsteht ein brilliantes und glasklares Album des Duos. Danach holen sie sich eine ganze Meute von Musikern, um die Stücke aufzuführen und stehen in diesem Moment vor dem ganz neuen Problem, wie man mit einem derart großen und multiinstrumentalischen Kollektiv umgeht, wie man es in die verhältnismäßig simplen und verständlichen Formen presst, die nach wie vor das Grundgerüst der Popmusik sind. An dieser Herausforderung sind Broken Social Scene gewachsen (und wachsen weiter), woraus dann letztlich ihre seltsame populär-avantgardistische Rolle entstanden ist. Klangschicht über Klangschicht sind in diesen Songs aufgetürmt, so dass der Hörer zum einen herausgefordert ist, will er die dahinterliegenden und sinngebenden Strukturen entschlüsseln, zum anderen wirkt diese muntere Genremischung dennoch an keiner Stelle gesucht oder allzu verkopft.
Das zweite Album der Band bedeutete den Durchbruch der Band, sowohl in den Augen der Kritiker als auch, was die Vermarktung betrifft. Nicht nur wurde es von vielen Kritikern als Album des Jahres gesehen, sondern es ist einer der seltenen Belege für einen plötzlichen Entwicklungssprung - nicht nur einer Band, sondern der Popmusik selbst. In dieser Hinsicht gehört dieses Album in eine Reihe mit Radioheads “OK Computer”, Pavements “Crooked Rain Crooked Rain” oder Sonic Youths “Daydream Nation”. Dass hier musikalisch eine echte Entwicklung geschehen ist, wird spätestens dann deutlich, wenn man versucht, die Musik von “You Forgot It in People” zu beschreiben: Folkiger Progrock? Athmosphärischer Postrock? Hippiesque Postelectronica? Experimenteller Dronepop? Krautrockiger Easy Listening-Sound? Charakteristisch für diese Musik sind nicht nur die langen Instrumentalpassagen, die feinen Bläserarrangements oder das pulsierende Schlagzeug, sondern ebenso der sphärische, oftmals unverständlich gelassene Gesang, dessen primäre Aufgabe nicht darin zu liegen scheint, dem Zuhörer die Songtexte zu vermitteln, sondern eher eine ganz spezifische Stimmung zu evozieren. Das Besondere an diesem Album ist, dass die Band nun einen Weg gefunden hat, das, was sie in ihrem Debüt an experimentellen Visionen skizziert hatte, mit den Mitteln des (mehr oder weniger) klassischen Songwritings und Orchestrierens auf eine ganz neue Weise ausdrücken. Eine Synthese, die überzeugt.
Mittlerweile haben sie mit ihrem dritte Album “Broken Social Scene” (2005) eindrucksvoll demonstriert, dass sie nicht zu denjenigen Bands gehören, die aus dem Nichts heraus eine geniale Platte zaubern und dann ebenso schnell wieder verglühen - dass sie auf ihren Tourneen nicht auseinandergefallen sind, will bei dieser Gruppengröße wirklich etwas bedeuten. Aber was sag ich, selbst übertroffen haben sie sich mit diesem Album. Schon wieder. Nicht nur die RezensentIn in der Spex ist sich “so sicher wie selten, eine bedeutsame Platte gehört zu haben, dass ich es kaum in Worte fassen kann”, sondern auch Martin Büsser (vgl. auch seine interessante Analyse des neuen Kollektivdenkens in der Independent-Musik) erwähnt schwärmerisch “magische Momente, wie man sie vielleicht nur von einer Band wie Can her kennt, nämlich Passagen, bei denen man wesentlich mehr zu hören glaubt, als es tatsächlich zu hören gibt, bei denen sich die Summe aller Teile eben nicht mehr auf jene reduzieren lässt” bevor er zu seinem Gesamturteil kommt: “Faszinierende Platte”. Auch die Blogosphäre lobt dieses “FANTASTIC, yes, FANTASTIC, chaotic, beautiful, swirling, production-wise absolutely-spot-on, self-titled album” und Konzertbesucher wundern sich, dass “not even the magnitude of that show prepared me for how great this album is”. Und damit ist noch gar nichts gesagt über die diversen Soloprojekte der Bandmitglieder, die Zusammenarbeit mit anderen Musikgrößen wie J. Mascis oder über kunstvollen Neuinterpretationen von Kinderliedern.
Ich muss sagen, ich habe richtig Angst vor dem nächsten Album der Broken Social Scene. Wenn man die bisherige Entwicklung interpoliert, kann nicht weniger dabei herauskommen als eine Grenouillesche Musik, die so schön und gelungen ist, dass man sie gar nicht mehr anhören kann. Weil es lange nicht mehr vorgekommen ist, dass mir eine Band Angst macht, ist es mir nicht schwergefallen, diese Gruppe auf den ersten Platz zu setzen.
Es ist ein wichtiges Datum im immerwährenden Popkalender, so wichtig, dass es auch an den diversen Werbeleinwänden in den U-Bahnhöfen immer wieder eingeblendet wird: heute vor 30 Jahren ist Elvis Aaron Presley in Memphis gestorben. Jenseits der üblichen hochkulturellen Würdigungen des zweiten großen Popstars nach Enrico Caruso - die Tagesschau skizziert die verschiedenen Elvis-Fantypen, die FAZ sieht Elvis eher als ersten Punk denn als Messias, die Welt lobt die “deutsche” Elvis-Comicanthologie von Reinhard Kleist und Titus Ackermann und die taz widmet sich dem philippinischen Elvis sowie den chinesischen Vorbehalte gegen den obszönen Amerikaner - wird Elvis aber auch in der Blogosphäre gefeiert: So erinnert sich zum Beispiel Diddy Wah daran, wie er Elvis auf einer Klassenfahrt in Australien kennengelernt und als echte Alternative zu den New Kids on the Block empfunden hat. Zur Feier des Tages stellt er außerdem sechs Elvis-Interviews vor. 500Beine ruft sich die Fahrt im grün-weißen Bus zum Heartbreak-Hotel ins Gedächtnis, während René einen Quarter in die YouTubebox wirft und für uns alle Elvis mit seiner Version von “My Way” spielt. The Big Leather Couch postet ein paar Elvis-Songs und außerdem eine Liste all seiner Veröffentlichungen. Nur 11 Songs nennt Roman. Aber die haben es in sich, denn es sind Lieder, “welche ad hoc die Liebe zu diesem Künstler auszulösen vermögen”. Eine Elvis-Miniserie gibt es beim Schockwellenreiter (”Elvis lebt”, siehe auch hier) und hier ein original Elvis-Piano zum Ersteigern (Anfangsgebot 250.000 USD). Lokale Elvis-Veranstaltungshinweise hat der Münchenblogger. Besonders hervorzuheben ist das Gedenkangebot von Julia, die sich die Mühe gemacht hat, einige Elvissongs ins Deutsche zu übersetzen. Außerdem gibt es, wie sollte es anders sein, eine Blogparade zum Thema Elvis. Fröhliches Gedenken! (Bild: “Elvis Presley”, Wikipedia)
Wer hat es auf den ersten Platz meiner kanadischen Indie-Top-Ten geschafft? In wenigen Stunden wird dieses Rätsel aufgelöst (komme jetzt leider nicht mehr dazu). Aber zuvor möchte ich noch einmal kurz auf die vielen anderen kanadischen Indie-Bands hinweisen, die ebenfalls sehr hörenswerte Musik machen, es aber wegen der Beschränkung auf zehn Bands nicht in meine Liste geschafft haben. Da wären zum Beispiel:
The Besnard Lakes, eine wundervolle Neo-Shoegazer-Band, denen mit “The Besnard Lakes are the Dark Horse” nicht nur ein sehr fantasievoller Albumtitel eingefallen ist, sondern die mit “Disaster” einen der düstersten Beach-Boys-Tracks aller Zeiten produziert haben. Auch diese Band gruppiert sich um ein Ehepaar: Jace Lasek und Olga Goreas. Und auch hier sind zahllose Verbindungen zu Bands wie den Stars, den Dears oder Godspeed You! Black Emperor auszumachen, die allesamt auch auf dem Album mitgespielt haben.
Young Galaxy, eine weitere Band aus dem Stars-Umfeld, die mit “Swing Your Heartache” eine großartige Kombination aus Herzschmerzcountry und Spacepop à la Air geschaffen haben (die restlichen Songs ihres Debüt-Albums “Young Galaxy” sind gut, aber nicht überragend). Im Mittelpunkt steht wieder ein Paar: Stephen Ramsay und Catherine McCandless und auch hier haben Musiker aus anderen Bands wie etwa den Besnard Lakes mitgewirkt.
The Dears, deren Musikstil mit dem Titel ihrer ersten EP aus dem Jahr 1995 ganz gut umschrieben ist: “Orchestral Pop Noir Romantique” und die wie so viele kanadische Bands eine schwer zu durchschauende und immer wieder wechselnde Mitgliederliste besitzen.
Death from Above 1979, einer der härteren Bands aus Toronto, die weniger orchestral und romantisch klingen, sondern stattdessen eine wilde Mischung aus Dancefloor und Postpunk spielen. Leider haben sich DFA1979 vor ziemlich genau einem Jahr aufgelöst.
Aber das sind noch längst nicht alle interessanten Bands der canadian invasion, sondern es gibt auch noch Malajube, You Say Party! We Say Die!, Final Fantasy oder Metric.
Soviel erstmal für den Moment, morgen gibt es dann wie versprochen die Nummer 1! Wahrscheinlich wisst ihr sowieso schon, wer das sein wird. Oder?
Bühne frei für den Zweitplatzierten meiner kanadischen Indie-Top-Ten: die phänomenalen Arcade Fire. Wie unsere beidenvorangegangenen Bands stammt auch dieses siebenköpfige Rockorchester - Sänger Win Butler, seine Frau Régine Chassagne, Richard Reed Parry, der Bruder des Sängers William Butler, Tim Kingsbury, Sarah Neufeld und Jeremy Gara - aus Montréal in der französischsprachigen Provinz Québec. Eigentlich gibt es über diese Band gar nicht mehr viel zu erzählen, galten sie doch als Speerspitze der “canadian invasion” und veröffentlichten Anfang März dieses Jahres mit “Neon Bible” das absolute Konsensalbum des modernen Indierock. So zierten sie dann auch die Cover der einschlägigen Musikzeitschriften und erreichten dadurch sogar bei den musikalisch eher unbedarften frappacinoschlürfenden Bahnhofskiosksbesuchern zumindest einen unterbewussten Bekanntheitsgrad.
Die große Leistung von Arcade Fire kann man eigentlich gar nicht genug würdigen, denn sie haben es mit diesem Album geschafft, trotz der hohen Erwartungen, die sich nach dem Vorgänger “Funeral” bei den Kritikern angesammelt hatten, wieder eine Platte herauszubringen, die von einer großen, wirklichüberwältigendenZahl von RezensentenLobeshymnen auszulösen. Dazu gehört natürlich auch die immer wieder von der Band demonstrierte Haltung, sich nicht ausverkaufen zu wollen, sondern der U2isierung des Indiepop irgendwie auszuweichen:
I don’t know if U2 started it, or The Stones or Oasis but a lot of bands think in terms of: ‘I’m going to be the biggest band in the world. Fuck all those bands who’ve got no ambition’. I think that’s a total crock of shit. (zitiert nach Intro)
Normalerweise müssten bei solchen Äußerungen spätestens seit der Kommerzialisierung von Kurt Cobain selig die Alarmglocken läuten. Nicht so bei Arcade Fire. Denn ihre Musik ist einfach so brilliant, dass man ihnen wahrscheinlich alles verzeihen würde. Bei anderen Künstlern gibt es manchmal so eine Art Beißhemmung. Man sagt: Klar, die Ablehnung des Kunstbetriebs, die sich hier zeigt, ist genau die raffinierte Version der Ausbeutung durch die Industrie. Aber jemanden, der es so gut meint und selbst nicht die Fähigkeiten hat, seine eigene Situation zu theoretisieren, darf man nicht auch noch in die Pfanne hauen. Genau dieses Muster gilt für Arcade Fire nicht. Aber was ist es dann, was Arcade Fire ausstrahlen, das sie auf diese Weise imprägniert?
Ich glaube, dass es möglicherweise so eine Art “neutrale Zone” ist, die sie mit ihrer Musik schaffen - mit den romantischen Songstrukturen, den an Kammermusikabende erinnernden Streichern, der immer etwas zittrigen Stimme von Win Butler, den Momenten, in denen sie im hämmernden Staccato durch die jüngste Popgeschichte sausen, aber immer wieder zurückfinden in die scheinbare Einfachheit einer gezupften Folkgitarre. In dieser neutralen Zone haben die Kritiker die Möglichkeit, sich für ein paar Songs ihrer gesellschaftlichen Funktion entledigen: müssen nicht mehr Kritiker sein, sondern können gemäß der kommunistischen Utopie auch einmal den Handwerker spielen, der von seinem Tagwerk heimkommt und zum Abschluss des Tages das Radio aufdreht, um sich an dem Zauber des Zusammenspiels der Instrumente zu erfreuen (es kann natürlich auch der frappacinoschlürfende Bahnhofskioskbesucher sein) und zuhört, wie diese Band aus dem fernen Kanada ihre Stücke spielt, bei denen es in immer neuen Variationen um “singularisierte Identitäten in der globalisierten Welt, um Intimes, vorgeführt in einem stets leicht skurrilen Zirkuszelt” (Kai Klintworth in Intro) geht. Entspannung ohne Erschlaffung. Man hat das Gefühl, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, muss sich aber ausnahmesweise einmal nicht dazu überwinden, sie in Worte zu fassen, sondern kann sie dunkel lassen.
Die Musik selbst wechselt immer wieder zwischen nostalgischen Beschwörungen einer unmöglichen Zukunft und der drastischen Darstellung des drohenden Untergangs (”Wenn uns das 21. Jahrhundert schon fressen wird, stolzieren wir eben als Marchingband in seinen schwarzen Rachen”, schreibt Dana Bönisch über das “Endzeit-Manifest” Neon Bible) - das alles aber gegossen in hymnische Formen, bei denen es mich nicht besonders wundern würde, wenn sie in fünfzig Jahren zusammen mit Bach und Buxtehude im Rahmen der Lübecker Kirchenmusikwochen gespielt würden (passend dazu schwört Oliver: “wenn ‘Intervention’ zu Beginn und zum Schluß gespielt wird, gehe ich auch wieder regelmäßig in die Kirche, großes Indianer-Ehrenwort!”). Manchmal sind es nur ganz kleine Verschiebungen, Wechsel zwischen Dur und Moll oder eine Melodie, die auf einmal in einem ganz anderen harmonischen Kontext auftaucht und einen von da an nie mehr loslässt. Um nur ein Beispiel zu geben: mich packt es immer wieder bei der zweite Hälfte des Refrains von “Rebellion (Lies)”, wenn der harmonische Hintergrund der Zeile “Every time you close your eyes” auf einmal nicht mehr auf dem Wechsel von Bb - Eb aufsitzt, sondern nun auf Bbm - Gb - Db - Ab. Die Mittel sind subtil, die Wirkung wundervoll (ein ähnliches Ding, freilich mit ganz anderer Bedeutung, haben die Doors in ihrer “Love Street” unternommen):
Wer keine Lust hat, sich ans Klavier zu setzen und den Refrain nachzuspielen, kann sich hier das Original noch einmal ansehen und anhören (mp3-Stream, noch mehr Streams hier, außerdem einige B-Seiten):
Ach ja, bevor ich’s vergesse: Im August und November sind sie endlich wieder einmal in Deutschland auf Tour, nachdem die letzten Konzerte wegen einer Erkrankung des Sängers abgesagt wurde (Tickets 22-24 EUR zzgl. VVK):
22. August 2007: Köln, Palladium (Support: Herman Düne)
8. November 2007: Berlin, Columbiahalle
11. November 2007: München, TonHalle
Wir sehen uns in der neutralen Zone. (Bild: “Arcade Fire”, Wikipedia)
“I can’t listen to it now without getting all dewy-eyed. And if I play it on the radio, I have to segue it into the front of another record because I can’t speak after I’ve heard it” sagte der großartige John Peel. Jetzt ist Feargal Sharkey, der vor knapp dreißig Jahren mit seinen Undertones den Song “Teenage Kicks” aufgenommen hat, 49 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch (via).
Für die heutige Band, die ich auf den dritten Platz meiner Kanada-Top-Ten gesetzt habe, bleiben wir noch einmal in Montréal. Wahrscheinlich ist es von allen in dieser Liste aufgeführten Bands diejenige, deren Einfluss am weitesten reicht. Nicht nur Nordamerika steht unter ihrem Einfluss, sondern auch in Europa, Australien und Asien gibt es Bands, die sich dieser Schule zurechnen würden. Trotz dieser enormen Reichweite ist sie fast überall eine Art Geheimtipp geblieben; ein Name, den man sich hinter vorgehaltener Hand zuraunt, wenn eine Band besonders abgefahrene Feedback- und Droneorgien veranstaltet: Godspeed You! Black Emperor.
Hier haben wir es mit einer Band der Extreme zu tun. Nicht nur sind ihre Songs mitunter so lang, dass gerade einer davon auf eine LP-Seite passt, sondern es kann bei ihnen schon einmal vorkommen, dass sie einen Songtext von Iron Maidens “Virus” zitieren. Und gegen die Verästelungen und den Gestaltwandel, der einem hier begegnet, sind die bisher beschriebenen Musikerkollektive kleine Wanderzirkusse. Aber zunächst ein kurzer Rückblick auf 10 Jahre Godspeed. Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er Jahre, als sich Efrim, Mauro und Mike Moya zusammentun und als Trio eine Kassette aufnehmen. Von der ursprünglichen Auflage von 33 Stück ist Gerüchten zufolge noch das ein oder andere zu bekommen: wer also eine handbeschriftete Godspeed-Kassette auf dem Flohmarkt findet, sollte auf jeden Fall zuschlagen. In den Jahren 1995 bis 1996 erweiterte die Band sich dann zeitweise zu einem 14köpfigen Indie-Progrockorchester, bis sie 1998 einen stabilen Zustand mit neun ständigen Mitglieder erreichten: die beiden Schlagzeuger Aidan Girt und Bruce Cawdron, die beiden Bassisten Thierry Amar und Mauro Pezzente, die drei Gitarristen Efrim Menuck, David Bryant und Roger-Tellier Craig, die Cellistin Norsola Johnson und die Violinistin Sophie Trudeau. Eigentlich müsst man auch noch den ein oder anderen 16mm-Projektor mit dazu rechnen, denn die Visuals sind von Anfang an ein wichtiger Bestandteil ihrer Shows gewesen.
Wenn man sich die Veröffentlichungsliste dieser Band ansieht, könnte man zunächst der Täuschung erliegen, dass diese Band für ihre Größe in den knapp zehn Jahren ihres Bestehens (1994 bis 2003) nicht besonders produktiv gewesen sei. Insgesamt wurden nur 12 Songs der Band jemals auf Vinyl gepresst. Das Debüt “F#A# ∞“, das drei Tracks enthält, hat die Band 1997 auf einem gemieteten 16-Spurgerät aufgenommen und später noch mit Fieldrecordings ergänzt. Darauf folgte 1999 die EP “Slow Riot For New Zero Kanada“, auf der sich zwei Songs befinden - einer von den beiden mit dem erwähnten Iron Maiden-Text. 2000 erschien dann das Doppelalbum “Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“, das insgesamt nur vier “Songs” enthält, mit denen die Band nun aber auch in einer etwas breiteren Indie-Öffentlichkeit international bekannt wurde. Außerdem enthält dieses Album mit “Storm” einen Track, der sich in epischer Breite in himmlische Sphären hocharbeitet und meiner Ansicht nach zu einem der besten Indieinstrumentals gehört, die je geschrieben wurden (ähnlicher Meinung ist Robosexual, der diesen Song zun zweitbesten Opener aller Zeiten zählt). Das letzte Album, Godspeed düsteres Spätwerk “Yanqui U.X.O.” (produziert von Steve Albini), erschien 2002. Im darauf folgenden Jahr erklärte die Band zwar nicht ihr Ende, aber eine Ruhepause von unbestimmter Dauer und die neun Musiker arbeiteten in ihren diversen irrealen Neben- und Soloprojekten weiter, darunter: Gybe!, Silver Mt. Zion/Tra La La Band, Bottleskup Flenkenkenmike, Bakunin’s Bum, 1-Speed Bike, Exhaust, Fly Pan Am, Et Sans, Set Fire to Flames, Hrsta, Molasses, Esmerine, Balai Mécanique, ‘Gypt Gore, Sam Shalabi und Shalabi Effect.
Leider wird allzu oft der politische Gehalt von Godspeed ausgeblendet, obwohl es sich dabei um einen der spannendsten Aspekte der Band handelt. Die langen, hypnotischen Songs der Artrockband sollen schließlich nicht allein dem Geschmack der Indieszene entsprechen, sondern immer wieder auch als Kommentare zur aktuellen Lage in Wirtschaft und Politik gelesen werden - wenn nicht gar als Aufforderung zum Widerstand gegen den neoliberalen Kapitalismus. Wahrscheinlich sind Godspeed außerdem eine der ganz wenigen Pop-Bands in der Tradition zum Beispiel der Fugs, die darauf zielen, Gesellschaftskritik und die Vision einer besseren Welt allein mit musikalischen Mitteln auszudrücken (sieht man einmal von den eindeutigen Referenzen auf anarchosyndikalistisches Denken im Artwork der Band ab, also von dem Molotovcocktail auf “Slow Riot”, dem Bomber auf dem Cover von “Yanqui” oder der Skizze der Verflechtungen zwischen den großen Musik- und Medienkonzernenauf der Rückseite). Denn bis auf Sprachsamples aus Alltagssituationen oder obskuren Filmen besteht das Werk der Band allein aus Instrumentalstücken. DJErnesto (Intro) stellt dazu fest: “Zwischen den Tönen schimmern Nuancen von einer besseren Welt, erzählt der getragene Gestus mit einer Gänsehaut fabrizierenden Eindringlichkeit von den Möglichkeiten der individuellen Handhabe und auch von Gesellschaft”.
Genau in diesem Schweigen der Worte kann allerdings auch eine unvermutete Stärke liegen. So vermutet etwa der Independent in seiner Rezension von “Lift Your Skinny Fists …”, dass “their wordlessness embodies a greater political statement than all the proselyti sing of Gillespie or Bono”. Der NME dagegen vermisst eine optimistische Vision und zeichnet Godspeed als tragische Idealisten, deren mythische (oder nach Felix Klopotek kryptisch-dumpfe) Vision einer anderen Welt zwangsläufig in depressiven, wenn nicht sogar apokalyptischen Tönen untergeht (vor denen man dann schon einmal “ehrfürchtig niederknien” oder gar eine Gotteserfahrung haben kann). Brad Weslake befasst sich in einem längeren lesenswerten Essay mit dem politischen Gehalt der Band und beschreibt dieselbe Beobachtung als nahezu zwangsläufig sich ergebendes Dilemma der anarchistischen Politik des Chaos. Möglicherweise liegt jedoch gerade in diesem merkwürdigen Untergangsoptimismus der Godspeed-spezifische Ausweg aus der Zwickmühle “of creating a positive force that doesn’t reproduce the structures (and therefore failings) of the institutions that are being opposed”: hinter dem Chaos die Hoffnung. Doch es ist nicht nur (Bakunin’sche) Theorie, was von der Band kommt, denn sie sind auch auf Grassrootsebene als Aktivisten tätig, ob es um den G7-Protest geht oder um die Bekämpfung der Armut vor Ort.
Glücklicherweise existieren mittlerweile auch digitale Versionen der ursprünglich nur auf Vinyl veröffentlichten Alben und EPs. Und einige Stücke und Livekonzerte sind im Netz verfügbar, so dass ich abschließend noch ein paar Links auflisten kann, die das Erlebnis Godspeed et al. zumindest akustisch spürbar machen:
Langsam wird die Luft dünner, bald kommen die Top Three dieser höchst subjektiven Top Ten-Liste der kanadischen Independentbands. Für die heutige Band müssen wir die Route des letzten Tages wieder zurückfahren, obwohl die im Folgenden zu behandelnde Band mehrmals ihren Standort gewechselt hat: angefangen haben sie in Toronto, dann war die Band eine Zeit lang in New York zu Hause, bis sie dann wieder nach Kanada, diesmal nach Montréal gezogen sind. Die Rede ist, natürlich, von den Stars (MySpace). Auch hier sind die Grenzen zu anderen Bands wieder fließend, denn Mitglieder der Stars sind bzw. waren unter anderem auch aktiv in den folgenden Bands: Broken Social Scene, Memphis, Gypsy Sol, Young Galaxy (vgl. auch meine ausführliche Rezension dazu) - ganz abgesehen von weiteren Soloprojekten.
Im Mittelpunkt der Band steht sicherlich Sänger, Trompetenspieler und Schauspieler (unter anderem bei Sex and the City) Torquil Campbell, der in Wirklichkeit gar kein Kanadier ist, sondern die Britisch-US-amerikanische Doppelstaatsangehörigkeit besitzt. Zusammen mit Keyboarder Chris Seligman bildete er den historischen Kern der Stars, aus dem 2001 das erste Album “Night Songs” hervorging. Bei der nächsten Platte, “Heart“, die 2003 erschien, waren Sängerin und Gitarristin Amy Millan sowie Bassist Evan Cranley als feste Mitglieder zur Band gestoßen. Und die Platte, mit der Stars zu einer der wichtigsten Indiebands Kanadas wurden, “Set Yourself on Fire” (2004), haben sie dann endlich auch einen richtigen Schlagzeuger in ihren Reihen: Pat McGee.
Was genau macht die Musik der Stars aus? Welche Koordinaten der musikalischen Welt dieser Band sind trotz aller Veränderungen (der Band wie auch ihres Kontextes) seit dem ersten Album beibehalten worden?
der abwechselnde Gesang zwischen Torquil Campbell und Amy Millan sowie immer wieder auch im Duett gesungene Refrains
das stellenweise orchestrale Arrangement mit Streichern (sehr viel auf den Nightsongs), anfangs auch noch mit Trompete
die Verwendung von Drumcomputer und samplebasierten (Hiphop-)Beats (vor allem in der Zeit, bevor Pat McGee in die Band kam)
die Jingle-Jangle-Gitarren, die am Anfang stellenweise nach Ibiza oder nach folkiger Ambientmusik à la Dan Ar Braz klingen
das große Gefühlskino, das dafür sorgt, dass die Lieder niemals vollständig fröhlich wirken, sondern immer etwas nach Regentagen klingen
atmosphärisch schwebende Stimmen und gehauchte Passagen
Songtexte, die zwar gerne von Nacht und Sterne handeln, aber niemals Naturlyrik sind, sondern von Natur als Projektionsfläche für menschliche Wünsche, Gefühle und Ängste erzählen
Daneben gab es natürlich auch Veränderungen zu beobachten. Während die erste Platte im Grunde eine Electropopangelegenheit gewesen ist, klingt die Musik mittlerweile viel stärker nach (Rock-)Band. Außerdem ist der Gesang, der am Anfang sehr reduziert, erzählend und überwiegend gehaucht gewesen ist, über die Zeit energievoller und impulsiver geworden. Obwohl die Stars auch auf ihrer aktuellen Platte “In Our Bedroom After the War” (mp3 der Vorabsingle “The Night Starts Here”, via) nach wie vor eine der besten Indiebands sind, haben sie im Vergleich mit ihrem Erstling “Nightsongs” eine Sache verloren: dieses Album war vor allem von einer fast schon unheimlichen “Zeitgemäßheit” geprägt. Ich halte es für die präziseste Antwort auf die Frage, wie sich Indiepop am Anfang des 21. Jahrhunderts anhören musste und auch tatsächlich anhörte. Diese Aktualisierung der Synthpoptradition mit Hiphopbeats, Folkgitarren und romantischen Blechbläsern bringt das Ende der postmodernen Epoche in der Popularmusik wunderbar auf den Punkt. Zugleich sind Songs wie “My Radio” eine letzte Würdigung der Radio-Ära, in der nicht die selbst- oder computerselektierte Playlist des iPods den Soundtrack zum eigenen Leben abgibt, sondern der FM/AM-Kasten auf dem Badehandtuch am Seeufer: “All I want is my radio … He speaks in a voice I know / Sounds like sand when the tide is low / We kissed to that voice each night / Bathed in bare reactor light” (My Radio).
Da sie mit dem monumentalen, “Set Yourself on Fire” nicht nur großen Erfolg, sondern einen “career defining moment” erlebten (gerade eben erschien unter dem Titel “Do You Trust Your Friends?” sogar eine Remix-Version, in denen andere kanadische Künstler die Songs des Albums neu interpretierten), sind natürlich die Rezeptionsbedingungen für ihr neuestes Album ganz andere als 2001. Wiesengrund hat Recht: hier kann man tatsächlich davon sprechen, dass die kanadische Invasion vorbei ist. Der Sound hat sich durchgesetzt, ist zum Allgemeinen geworden. Nicht nur im unmittelbaren Umfeld von Bands wie den Stars (aber dies gilt auch für die gestern besprochene Leslie Feist) gibt es zahllose Epigonen, für die diese musikalische Sprache zur Normalität geworden ist und die gar nicht mehr bewusst erkennen können, an wem sie sich da bei jedem zweiten Akkordwechsel orientieren oder vergreifen. Aber die Stars gehen mit dieser Problematik mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit um (gehen sogar einige Risiken ein), was aber nicht allzu sehr überrascht, wenn man sich den Text ihres 2001er Songs “Write What You Know” näher betrachtet, der sich über die Rezepthaftigkeit der kulturellen Produktion mokiert: “Write what you know / Keep that story funny / Have a happy ending / Make the female sexy … This ending is so sexy”.
Auch wenn “In Our Bedroom after the War” hoffentlich noch nicht das Ende der Stars einläutet, in puncto Sexappeal kann den Stars kaum jemand etwas vormachen. So sexy wie in “Take Me to the Riot” war die Revolution wahrscheinlich seit Che Guevara nicht mehr, und bei den Sprechgesängen in der düsteren Hooligan-Lovestory “Barricade” bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut: “”Oh, how could anyone not love the terrible things you do? / Oh, how could anyone not love your cold black heart / I’ll be at the barricade, the love died but the hate can’t fade.” (Bild: “Stars (band)”, Wikipedia)
Für alle diejenigen, die noch etwas angeschlagen von dem gestrigen Partyfreitag sind: wir müssen (zumindest für amerikanische Verhältnisse) keine allzu lange Strecke zurücklegen, um zu unserer heutigen Künstlerin zu gelangen. Wir verlassen Montréal in Richtung Südwesten und stoßen auf die Autoroute 720. Nach gut 70 Kilometern lassen wir die Provinz Québec hinter uns. In Ontario geht es auf dem Highway 401 weiter und wir fahren eine ziemlich lange Strecke genau die US-kanadische Grenze entlang zwischen Ottawa auf der Rechten und den Adirondack Mountains auf der Linken. Bei Kingston stoßen wir dann schon auf den Ontariosee. Nach insgesamt 540 Kilometern haben wir schließlich unser heutiges Etappenziel Toronto erreicht. Dort ist “la belle Canadienne” Leslie Feist, die ursprünglich aus Amherst in Nova Scotia (einem kleinen Ort nahe der kanadischen Ostküste) stammt, zur Zeit zu Hause. Und nicht nur sie alleine. Toronto ist neben Vancouver und Montréal die dritte Musikergroßstadt in Kanada: in der Horseshoe Tavern, dem Sneaky Dee’s sowie dem Gladstone Hotel trifft sich die pulsierende Indieszene der 2,5-Millionenstadt. Auch hier sind es nicht einzelne, von einander klar abgrenzbare Bands, die die Szene prägen, sondern ein lose gekoppeltes und in immer wieder neuen Konstellationen an die Öffentlichkeit tretendes “Gemenge”. Was in Vancouver die Black Mountain Army ist und in Montréal das New Pornographers-Netzwerk, heißt in Toronto Broken Social Scene.
Doch über Broken Social Scene muss ich an dieser Stelle nicht ausführlich berichten, dafür gibt es womöglich an einer anderen Stelle dieser Kanadaserie noch Gelegenheit. Deshalb zu Leslie Feist. Geboren 1976, hat sie - wie es sich für die Tochter zweier Künstler gehört - sehr schnell zur Musik gefunden. Die Stationen sind die Üblichen: Kirchenchor in der frühen Jugend, dann 15jährig Leadsängerin ihrer ersten Punkband mit dem verwechslungsanfälligen Namen Placebo. Nach zahlreichen Konzerten, darunter sogar ein Auftritt im Vorprogramm der Ramones, war das Stimmband hinüber und Leslie wechselte zur Gitarre und den Wohnsitz gleich mit: von Calgary ging 1998 es nach Toronto. Ihre neue Band hieß By Divine Right. Außerdem fand sie nebenher auch noch Zeit, ihr erstes Soloalbum “Monarch (Lay Your Jewelled Head Down)” aufzunehmen, dass im Jahr 1999 erschien. Schon in diesem Album spürt man ihre Vorliebe für schwerelose Träumereien wie zum Beispiel in “Sirena” (aber nicht nur ihre Musik wird so charakterisiert, sondern auch ihr Äußeres, was zum Beispiel bei Olivia Stren deutlich wird, wenn sie von Feists “dreamy, hard-living alt-rock sex appeal” schwärmt). 2000 zog sie dann in eine neue Wohnung über einem Sexshop - ihre Mitbewohnerin Merrill Nisker dürfte unter ihrem Künstlernamen Peaches dem/der ein oder anderen ein Begriff sein. Leslie Feist wirkte immer wieder im Hintergrund ihrer Freundin mit und so kam es wohl, dass die beiden zusammen mit Gonzales (Jason Beck) für eine Weile nach Berlin zogen und dort fleißig an neuen Songs arbeiteten, die auf ihrem Album “Let It Die” erscheinen sollten.
Aber nicht nur in eigener Mission war sie unterwegs, sondern auch an den beiden Alben “Feel Good Lost” und “You Forgot It in People” der bereits erwähnten Torontoer Indiesupergruppe Broken Social Scene beteiligt und außerdem als Gastsängerin an “Riot on an Empty Street” von den Kings of Convenience, “Gone Gone Gone” von The New Deal sowie “Folkloric Feel” von Apostle of Hustle. Ihre zweites Album “Let It Die” nahm Feist 2002 und 2003 in Paris auf. Drei Jahre später war sie wieder in Europa, um ihr drittes Album “The Reminder” aufzunehmen (hier kann man einen Eindruck von der Musik bekommen), das April 2007 veröffentlicht wurde. Danach zog sie wieder nach Kanada zu ihrem Freund Kevin Drew, Mitglied bei - wie sollte es anders sein - Broken Social Scene.
Dieses Jahr ist sie neben Arcade Fire und weiteren Bands für den renommierten kanadischen Musikpreis “Polaris Award” nominiert, den letztes Jahr Owen Pallett alias Final Fantasy gewonnen hat (vgl. die höchst lesenswerte Darstellung hier). Vielleicht bringt dieser Medienrummel Feist den, vermutlich auch von ihr, vor allem aber von ihrem Label heiß ersehnten Schritt von der “reigning indie-music princess” hin zur Queen Elizabeth II des englischsprachigen Indiepop. Mit der Musik, die zwischen Bossa Nova, Nina Simone, Sade, Joni Mitchell und schrammligen Postfolk anzusiedeln ist, aber durch ihre einmalige Stimme und das charakteristische Gitarrenspiel dennoch unverwechselbar bleibt, könnte es jedenfalls klappen, nicht nur die Indieszene zu begeistern. Auch das loungig-entspannte Starbuckspublikum, das ansonsten Katie Melua, Diana Krall oder Norah Jones hört, muss sich nicht besonders überwinden, diese “warm, relaxing, chilled out and light” Klänge gutzufinden. Die Frage ist nur, ob sie diesen Sprung - “bis zur H&M Filiale in der Provinz” - schafft, ohne damit ihre Bewunderer in der Indieszene zu vergraulen, die ihr bereits den Verkauf des Songs “Mushaboom” für eine Lacoste-Werbekampagne übelgenommen haben. Spannend ist diese Position, “ein wenig zu sperrig, um Pop zu sein, aber ein wenig zu gefällig, um reiner Indie zu sein“, allemal. Sebastian Ingenhoff (Intro) plädiert jedenfalls dafür, es Feist nicht vorzuwerfen, wenn auch “der oder die SupermarktkassiererIn ohne Checker-Pop-Background” mit ihren Songs etwas anfangen kann. Allerdings: die Verteidigungshaltung ist in den einschlägigen Kritiken herauszuhören - das klingt heute ganz anders als noch zu Let It Die-Zeiten.
Will Oldham, auch bekannt als Palace Brothers, Palace Songs, Palace Music und Bonnie ‘Prince’ Billy, ist vermutlich eine der schillerndsten Persönlichkeiten der amerikanischen alt-country-Szene. Er bezieht sich immer wieder auf Country und Folk, verarbeitet diese Einflüsse jedoch auf seine ganz eigene Art, deren Grundlage die scheinbar einfache und ehrliche, aber dennoch unberechenbare Ästhetik des Do-It-Yourself liefert, die jedoch selbst vor dem Hintergrund der Popindustrie stattfindet und insofern eine Ehrlichkeit inszeniert, die immer schon Reaktion und Gegenentwurf ist. Mittlerweile hat er bereits zehn Alben aufgenommen, einer seiner Songs wurde von Johnny Cash gespielt, Björk zählt zu seinen Fans und vor kurzem ist Oldham sogar, man rätselt immer noch, wie es dazu kam, in dem Video zu “Can’t Tell Me Nothing” von Kanye West aufgetreten (für ein unterhaltsames Interview mit Oldham vgl. diesen Beitrag).
Jetzt hat er unter dem Namen Bonnie ‘Prince’ Billy an die Aufgabe gewagt, “Can’t Take That Away” von Mariah Carey in einer schlicht-elektronischen Karaokeversion zu covern (mp3 gibt’s hier, hier oder hier). Je öfter ich den Song anhöre, desto stärker habe ich das Gefühl, dass es absolut stimmig ist, was Oldham hier durchzieht. Mit dünner Stimme, Drumcomputerbeats, Pizzicatostreichern aus dem Synth gegen die Stimmgewalt und geballte Marketingmaschine einer Mariah Carey anzutreten (unterstützt durch Studioflügel und Symphonieorchester) - eine herrliche Idee. Aber zugleich erweist er Mariah Carey damit auch noch einen Dienst, indem er demonstriert, dass in der von ihr (mit-)geschriebenen Schnulze, wenn man sie bis auf die wesentlichen Bestandteile entkleidet, ein wunderbarer Song steckt. Und dass kann ihr tatsächlich niemand wegnehmen.
Wie es der Zufall will, bleiben wir noch eine Nacht in Vancouver und befassen uns mit der Band The NewPornographers. Manchmal wird die Band auch als kanadische Indie-Supergroup bezeichnet, nicht nur weil in dieser Band so viele Musiker beteiligt sind, sondern auch, weil die Bandmitglieder alle auch in anderen Bands oder Projekten tätig sind: Dan Bejar bei Destroyer und Swan Lake, Kathryn Calder bei Immaculate Machine, Neko Case als Solokünstlerin und bei der Punkband Maow and Cub, John Collins bei The Evaporators, Kurt Dahle bei Limblifter und Age of Electric, Todd Fancey solo als Fancey (bitte nicht verwechseln mit Fancy) sowie ebenfalls bei Limblifter, Carl Newman solo als A.C. Newman sowie bei Superconductor und Zumpano, Nora O’Connor bei The Blacks und Andrew Bird’s Bowl of Fire. Blaine Thurier schließlich ist auch noch Independent-Filmer. Obwohl es hier eigentlich vor allem um die Pornographen gehen sollte, lohnt es sich natürlich auch, die Seiten der genannten Bands einmal anzusehen und in die dort produzierte Musik einmal hineinzuhören, zum Beispiel in die folgenden Tracks (via, via, via, via, via, via, via, via):
Nanu? Jetzt ist bald der ganze Platz vollgeschrieben, ohne dass die New Pornographers selbst zu Wort gekommen sind. Wahrscheinlich erzähle ich euch aber auch nichts neues, wenn ich sage, dass sie ein absolut hörenswerten und dabei höchst vielfältiges musikalisches Universum geschaffen haben, das sich grob zwischen Shoegazer-Anleihen (allein diese nach nach My Bloody Valentine klingenden Slidegitarren in “The Bones of an Idol”), Neofolk-Lagerfeuerpop und Britpop (vgl. zum Beispiel den an die Charlatans oder die Telescopes erinnernden Ohrwurm “Stacked Crooked”, das anscheinend von Damon Albarn inspirierte “Three Or Four” oder das wunderbare “Star Bodies”, ein klassischer Indietrack mit E-Piano, gelungen Chorusgesängen, der mich sehr stark an Pulp denken lässt) verorten lässt. Natürlich dürfen in diesem Repertoire auch Post-Rock-Stampfer wie “Twin Cinema” oder meditative Hippie-Kirtansongs wie “The Bleeding Heart Show” nicht fehlen. Mit den beiden bereits als mp3 veröffentlichten Tracks des kommenden Albums “Challengers” (”Myriad Harbour” - was für eine Gitarrenmelodie! - und “My Right Versus Yours”) scheinen sie sich etwas stärker in Richtung durchkomponierter, intelligenter Popsongs zu orientieren (andere nennen dies Softporno-Musik). Aber hört und urteilt selbst (via):
In wenigen Tagen (24. August) werden die New Pornographers (für uliuli die “superbste[ ] aller kanadischen Supergruppen”) jedenfalls ihre Challengers veröffentlichen und bislang habe ich eigentlich nur begeisterte Stimmen gehört. Marius Mayer zum Beispiel gibt nach dem Hören dieses ausgereiften “Indie-Pop, der perfekt zur Jahreszeit passt” eine “ausdrückliche Empfehlung” ab. Und wer sich jetzt ganz gewissenhaft durch die ganzen Songs gearbeitet hat, der kann wahrscheinlich auch nachvollziehen, warum diese Band (beziehungsweise: diese Supergruppe) bei mir unbedingt auf Platz sieben landen musste.
PS: Genießt den Aufenthalt in Vancouver noch ein bisschen, morgen werden wir die Stadt in Richtung Montréal verlassen.
UPDATE: Jetzt hatte ich ganz vergessen zu sagen, dass man sich das neue Album “Challengers” auf dem NP-MySpace als Stream anhören kann (via).
Worin liegt die Magie der Indiebands, die seit einigen Jahren von Kanada aus die Welt des Indiepop tüchtig umkrempeln. Es scheint, als könnten Musiker, die im Norden Amerikas aufgewachsen sind, besonders schwerelos, gleichsam en passant die Koordinaten des Indiesystems neu ausrichten. Ich möchte mich im POPLOG die nächsten zehn Tage auf eine Entdeckungsfahrt durch dieses Land begeben, dessen Fabelwesen vom neunköpfigen Musikerkommune bis zum Geigenrocker mittlerweile auch im fernen Deutschland immer bekannter werden, dessen grundlegende Geographie jedoch noch nicht vermessen scheint. Was ist kanadischer Indierock? Gibt es das überhaupt? Worin unterscheidet er sich von seinen südlichen oder europäischen Schwestern? Lässt sich eine derartige popmusikalische Kulturkreislehre überhaupt an so unterschiedliche Bands wie Arcade Fire und Death From Above 1979 anlegen? Oder muss man den genialen Individuen Respekt zollen, die sich hier rein zufällig eingefunden haben? Sind es gar Labels wie Arts&Craft oder Maple Music, die durch ihre Nachwuchsarbeit ihren Beitrag zu einer vibrierenden Szene leisten? Oder vielleicht sogar Organisationen wie die CIRPA? Wahrscheinlich werden am Ende gar keine Antworten auf diese Fragen stehen, sondern nur viele weitere Fragen. Aber ein Anfang ist dann vielleicht gemacht.
Nun aber zur heutigen Band, die ich auf Platz 10 meiner höchst subjektiven und wahrscheinlich viel zu spontan hingekritzelten Top Ten-Liste gesetzt habe: The Most Serene Republic aus Milton, Ontario. Die Stadt zählt gut 50.000 Einwohner und liegt eine gute halbe Autostunde westlich der Provinzhauptstadt Toronto, also ziemlich im Westen des Landes, am Rande des Niagara Escarpment (siehe Karte). Obwohl die Stadt Anfang des 21. Jahrhunderts dadurch Aufmerksamkeit erregen konnte, die am stärksten wachsende Gemeinde Kanadas zu sein, scheint in der Stadt gerade so viel los zu sein, dass The Most Serene Republic es im Miltoner Wikipedia-Eintrag unter die 14 wichtigsten Persönlichkeiten gebracht hat (u.a. neben Ron Featherstone, dem ersten Heizungselektriker Ontarios). Die Band trat 2004 mit ihrem Debütalbum “Underwater Cinematographer” in Erscheinung, das dann 2005 neu abgemischt und auf dem Arts & Craft-Label neu veröffentlicht wurde (auf der Homepage kann man alle Tracks anhören). Bei den Kritikern fand das Album überwiegend Lob, obwohl es für ein Debüt bisweilen als “too complex, too inquisitive, and too ambitious” (allmusic) wahrgenommen wurde. Aber zugleich als wohlwollender nerdiger Kontrast zu den anderen, eher hippiesquen A&C-Band: welche Indieband stattet ihre Platte schon mit Prolog und Epilog aus? Ryan Dombal bemerkt für Pitchfork treffend, dass “lead singer and trombonist Adrian Jewett has a thin, high-pitched delivery that sounds like an uber-stereotypical Trekkie singing latter-day Flaming Lips after one and a half Amstel Lights at the local suburban Toronto karaoke night.” 2006 erschied dann eine weitere EP (”Phages”), die sie während ihreren Tourneen mit Broken Social Scene, den Stars, Feist und The Strokes aufgenommen hatten, und am 2. Oktober soll mit “Population” das lang ersehnte zweite Album erscheinen. Die Musik der Band setzt zwar auf breite Gitarrenmauern, die aber immer wieder durch jazzige Passagen, Bläser oder ein kanonartiges Gewirr von Gesangslinien, wie es auch Animal Collective gerne einsetzen, durchbrochen werden. Aber sofort erkennt man The Most Serene Republic an ihrem Schlagzeuger, der mit hyperschnellen, an Drum and Bass oder IDB erinnernden Beats in die Lieder kracht und mit unregelmäßigen Takten und wechselnden Tempi die Komplexität der Musik steigert.
Immer wieder tauchen bei ihnen Referenzen auf ihre Heimatstadt auf: nicht nur spielen sie regelmäßig dort (zum Teil auch umsonst), sondern sie behaupten auch noch, dass ihre Musik von den “sprawling suburbs” in Milton beeinflusst sei. Und ab und zu meint man tatsächlich, diese Flachheit aus ihrer Musik herauszuhören, in der immer wieder neue Ideen ausprobiert, neue Wege eingeschlagen werden. “Sherry and her Butterfly Net”, der erste Track des neuen Albums (kann auf MySpace angehört werden oder hier als mp3, via), beginnt mit den immer wieder gern gehörten Orchesterprobensounds, darauf folgt ein verhalltes Pianointro und endlich der eigentliche Beat, eine recht schnelle Rocknummer mit Gitarrenwänden, die an Oasis erinnern. Aber diese straighten Elemente werden immer wieder unterbrochen durch synkopische Rhythmen und volksliedhaft deklamierte Gesangssequenzen. Man benötigt eine ganze Weile, um die Beziehungen der einzelnen Teile zueinander zu entschlüsseln. Erst mit etwas Abstand sieht man die gar nicht zufällige, sondern brilliant durchdachte Architektur dieses Songs. Das gefällt mir so gut, dass ich dieser Band unbedingt einen Platz in den Top Ten geben musste.
Auch meine Blogger-KollegInnen können die Ankunft des neuen Albums kaum mehr erwarten: PJ schwärmt von diesem “hug rush”, den ihm der Track gibt, während Matt zu dem Ergebnis kommt “well, it’s completely awesome” und auch The Sky Was Candy kann nur noch feststellen: “Whoa this is good!” Kate fasst in The Glorious Hum zusammen: “So direct, unfolding, the first sung words are “Play this song.” The result is breathtaking, but I can’t describe it, hearing it is a must. I can’t wait for the album.”
Zum Abschluss noch ein paar bunte Bilder aus dem Video zu “Content Was Always My Favorite Color” von ihrem ersten Album: