Am Dienstag hat David Gahan (Depeche Mode) im New Yorker Apple Store ein paar Lieder aus seiner neuen CD “Kingdom” präsentiert (hier gibt’s ein paar Fotos dazu). Die Setlist für den Abend sah so aus:
Saw Something
Kingdom
Deeper And Deeper
Use You
Endless
A Little Lie
Miracles
Da das Ganze in einem Apfelladen stattgefunden hat, darf man wohl davon ausgehen, dass dieses Konzert früher oder später auch auf iTunes verfügbar sein wird. Damit kann sich Gahan aber Zeit lassen, denn zunächst will schließlich das am Montag veröffentlichte Album “Kingdom” sorgfältig durchgehört werden. Zum Beispiel der Titeltrack:
Ganz gleich ob Math-Rock oder Prog-Groove, dieser Clip zu der neuen Single “Tonto” der Battles überzeugt mich. So muss Musik von Außerirdischen klingen, die von dem langen Hyperraumflug noch völlig spacelagged sind und trotzdem auf die Bühne müssen. (via)
Der “Chartbattle” ist eines der älteren Rituale der Musikindustrie. Zwei in der Masse der Musikhörer bekannte Musiker oder Bands treten gegeneinander an und veröffentlichen am selben Tag ihr neues Album. Gewonnen hat derjenige, der am meisten Exemplare verkaufen kann. Am Montag werden die beiden Hiphopper Kanye West und 50 Cent in den Ring steigen (in Deutschland ist dieses lächerliche Minidrama zum Glück schon am Freitag gelaufen), um es zwischen sich “auszumachen”. Letzterer hat sogar damit gedroht, seine Karriere zu beenden, falls Herr West in den Verkaufszahlen vorne liegt. Wobei: es gibt sicher genügend Rechentricks, um diese Drohung nicht wahr machen zu müssen. Mitleid verdient allerdings, wer dieses Spektakel ernst nimmt oder gar mit dem Begriff “Ehre” atavistisch aufzuladen versucht.
Doch nun zu dem was zählt: zur Musik. 50 Cents drittes Album “Curtis” (hier kann man einmal hineinhören) wirkt wie der verzeifelte (und damit nicht mehr witzige) Versuch, seine alten Erfolgsthemen noch einmal in den Mittelpunkt zu stellen: Waffen, Frauen und Geld. Obwohl mit Justin Timberlake, Timbaland, Mary J. Blige oder Eminem zahlreiche prominente Gastmusiker mit dabei sind (was daran ein Zeichen von Erweiterung des Horizonts sein soll, bleibt mir unerklärlich), steckt nicht mehr in diesem Album als eine klebrig-nostalgische Verklärung des Ghettothemas in einer banalen und eindimensionalen musikalischen Aufmachung. Vielleicht lag dem Album sogar noch die Hoffnung zugrunde, dem dramatisch an Bedeutung verlierenden Gangstarismus noch einmal eine neue Wendung oder vielleicht auch nur ein paar neue Hooks zu verpassen - an dieser Aufgabe ist der Multimillionär Curtis James Jackson III jedoch ziemlich eindrucksvoll gescheitert (merke: es überleben natürlich nicht immer nur die Guten). Man kann das höflich formulieren wie Herr Merkt: “Man müsste lügen, wenn man leugnen wollte, dass hierbei einige amtliche Stücke heraussprangen, aber gemessen an den Ansprüchen, die nicht zuletzt “Curtis” selbst an seiner Musik weckt, ist das einfach zu wenig.” Man kann aber auch einfach feststellen, dass man die Erwartungen für das nächste 50 Cent-Album getrost ein in den Boden rammen darf, wenn man überhaupt noch darauf warten sollte.
Obwohl die neuen Stücke der New Yorker Singer-Songwriterin Nina Nastasia (MySpace) auf “You Follow Me” aufgrund ihrer Instrumentierung zunächst recht einfach und transparent klingen (zu hören sind in erster Linie Gesang, gezupfte Gitarre und Schlagzeug), verbergen sich hinter dieser Einfachheit unglaublich komplexe Arrangements. Schlagzeuger Jim White, bekannt durch seine Arbeit in der australischen Experimentalband Dirty Three oder zusammen mit weirden Country/Folk-Künstlern wie Will Oldham oder Smog, ist nicht nur Begleitung, sondern neben dem an manchen Stellen atemberaubenden Gesang von Nastasia eigentlich als Solist anzusehen (”he alternately sounds like rolling thunder, fluttering birds’ wings, and everything in between” schreibt Brandon Lichtinger dazu). Er verschafft den Stücken immer wieder die nötige Tiefe, um aus schönen Folksongs merkwürdig ernste Folk-Kraut-Psychedelika zu formen. Dieser Kontrast ist ein Erlebnis: “Ausdrucksstark wirbelt, schleicht und stolpert Jim White um Nina Nastasia herum” beschreibt die Wirkung recht treffend. Martin Büsser bezeichnet das Werk als “Eine wirklich bewegende, aber wohl auch zum Geheimtipp verdammte Veröffentlichung.” Wer sich bewegen lassen möchte, kann sich “I Write Down Lists” schon einmal als mp3 herunterladen (via).
Ist der Song “What My Baby Said” in Wirklichkeit eine Interpol-Persiflage? Oder doch nur der Versuch, sich an den Erfolg der New Yorker Pathosgruppe zu hängen? Auf jeden Fall klingt “Did I Tell You What My Baby Said?” von Murder Mystery (ebenfalls aus New York) dem Interpol-Hit “The Heinrich Maneuver” zunächst in Rhythmus und Harmonie sehr ähnlich, statt den bedeutungsschwangeren Zeilen von Paul Banks gibt es hier jedoch flockigste Girl-meets-Boy-Rock’n'Roll-Lyrik. Auch die anderen Songs des kommenden Debüts “Are You Ready For The Heartache Cause Here It Comes” sind hörenswert: die entfernt an die Inspiral Carpets erinnernde Synthnummer “Love Astronaut” (mp3) sowie das swingende “Honey Come Home” (mp3).
Diese ganz simple, aber dennoch unglaublich wirkungsvolle Gitarrenmelodie in “Myriad Harbour” von den New Pornographers habe ich bereits erwähnt. Aber überhaupt wird dieser Song nicht nur bei jedem Hören noch ein Stück besser, sondern ist auch inhaltlich (den Text hat Dan Bejar verfasst) als Kommentar über die alt.folk-Szene New Yorks sehr interessant, die in den Zeilen “All the boys with their homemade microphones / have very interesting sound” lebendig wird. Wenn diese Zeilen nicht so verständlich wären, könnte man hier fast an Stephen Malkmus denken. Marc Hogan liest den Text und vor allem den Satz “All I ever wanted help with was you” als Antwort auf die Frage “Is there anything in particular I can help you with?” eines New Yorker Verkäufers als Kritik an der falschen und materialistischen Kundenorientierungsmentalität der Großstadt, die den Blick auf die Wahrheit verstellt, dass die Stadt aus Menschen besteht: “I said to John, do you think the girls here / Ever wonder how they got so pretty / Well, I do”. Man kann in dem Song aber auch ein gewisses Maß eines “Euro-Snobismus” finden, wie Kate meint, vor allem in den Zeilen: “I walked into the local record store / and asked for an American music anthology / It sounds fun.” Aber trotz ihrer Schwächen bleibt die (nordamerikanische Groß-)Stadt ein Gravitationszentrum, dem man sich kaum entziehen kann: “I took a plane, I took a train / Ah, who cares, you always end up in the city”. Alle Wege führen in die Urbs. Wer jetzt die Gitarre nehmen und sich einmal an dem Song probieren möchte, findet hier das dafür notwendigen Notenblatt hier. (Foto: “Bleecker Street”, Wikipedia)