Obwohl die heutige Band Wolf Parade genau am entgegengesetzten Ende Kanadas aktiv ist, nämlich in Montréal, lässt sich hier zumindest ein Muster erkennen, das auch die gestern vorgestellten New Pornographers sowie Black Mountain prägt: hinter der Band steht eine sehr viel größere Gemeinschaft von Musikern und Künstlern, was sich auch in zahlreichen Nebenprojekten ausdrückt. Wolf Parade gäbe es heute vermutlich gar nicht, wenn nicht Spencer Krug, Sänger, Songwriter und Keyboarder bei Frog Eyes, im Jahr 2003 gefragt worden wäre, ob er nicht im Vorprogramm von Arcade Fire auftreten wolle.
Vielleicht um seine Musikerbiographie genügend zu verästeln, veröffentlichte Krug 2005 als Sunset Rubdown (vgl. auch hier) ein weiteres Album. 2006 wurde Sunset Rubdown dann wiederbelebt, aber nicht mehr als Soloprojekt, sondern als Band, in der neben Krug auch noch Camilla Wynn Ingr von Pony Up! (siehe auch hier), Jordan Robson-Cramer von XY Lover und Magic Weapon sowie Michael Doerksen mitwirkten. Bislang haben Sunset Rubdown zwei Alben und eine EP veröffentlicht. Außerdem hat Spencer Krug in dem Instrumentaltrio Fifths of Seven (MySpace) gespielt, zusammen mit Beckie Foon, die wiederum den Bands A Silver Mt. Zion (eine der Godspeed-Nachfolgeprojekte), Set Fire to Flames und Esmerine angehörte, sowie Rachel Levine von Cakelk. Aber Spencer Krug wäre kein Kanadischer-Superindiemusiker, wenn er nicht auch in mindestens einer kanadischen Indie-Supergruppe mitspielen würde: Swan Lake. In diesem Projekt sind auch der gestern bereits erwähnte Dan Bejar dabei sowie Carey Mercer aus Krug’s erster Band Frog Eyes.
Wie ging es mit dem Arcade Fire-Konzert 2003 weiter (wie gut die Band heute live klingt, kann man hier erleben)? Spencer Krug rief seinen Freund Dan Boeckner an, der Sänger, Songwriter und Gitarrist bei Atlas Strategic war und später zusammen mit seiner Frau die Handsome Furs (siehe auch hier) begründete (außerdem spielte er zeitweise bei den Islands mit): “He called Dan Boeckner. “I heard you play guitar,” he said, “I heard you go twang twang real good. And sing. Squawk squawk, mumble mumble. Come make a band with me. We have a show in three weeks.” Krug und Boeckner schrieben also einige Songs für den Gig, zunächst mit einem Drumcomputer. Schließlich entschieden sie sich aber dafür, das Gerät durch Arlen Thompson zu ersetzen, der immerhin auch einmal bei einem Song von Arcade Fire getrommelt hatte. 2004 kam auch noch Hadji Bakara hinzu und 2005 Dante DeCaro (zuvor bei Hot Hot Heat) als zweiter Gitarrist. Kompliziert genug? Ich denke schon. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, dieses Netzwerk einmal mit Paint (womit denn sonst) aufzumalen, so dass das Muster deutlicher wird:
Die erste EP “Wolf Parade” nahmen sie noch als Trio in Eigenregie auf, bei der zweiten EP “Wolf Parade” war Hadji Bakara schon dabei. Isaac Brock (Modest Mouse) ließ sich von der Band überzeugen und brachte Sub Pop dazu, Wolf Parade unter Vertrag zu nehmen. Er produzierte dann zunächst noch eine weitere (Promo-)EP mit dem Titel “Wolf Parade” und schließlich das erste Album der Band, “Apologies to the Queen Mary“, das 2005 veröffentlicht wurde. Besonders faszinierend ist, wie die beiden Songwriter Krug und Boeckner auf diesem Album zusammenwirken. Zum einen wechseln sich Krug-Songs und Boeckner-Songs einigermaßen gleichmäßig ab, aber auch in den einzelnen Songs bekommt man nach mehrmaligem Anhören den Eindruck, als würden sie sich gegenseitig kommentieren (wenn sie sich nicht sowieso dabei sind, sich gegenseitig Textzeilen an den Kopf zu werfen, respektive zu schreien). Musikalisch bewegt sich das Album zwischen 70er Artrock à la David Bowie/Brian Eno, den wohl unvermeidlichen Modest Mouse-Inspirationen sowie dem Postrock-/Postpunkidiom des beginnenden 21. Jahrhunderts.
Nach den beiden ersten Songs, dem metallisch schroffen, ziemlich harten “You Are a Runner and I Am My Father’s Son” (mp3) und dem folkigen “Modern World” mit seinen akustischen Gitarren und der melancholischen Stimmung, nimmt die Platte mit “Grounds for Divorce”, einem der besten Songs mit dem typisch exaltiert-abgehackten Gesang Krugs und vielen übereinandergelegten singenden Gitarren- und Keyboard-Melodien wieder Fahrt auf. Zudem findet man hier textliche Highlights wie “Said you hate the sound / Of the busses on the ground / Said you hate the way they scrape their brakes all over town / Said pretend it’s wales / And keeping their voices down / Such were the grounds for divorce i know”. An anderen Stellen erinnern Wolf Parade an Suede (”Fancy Claps”) oder sogar etwas an Nirvana (”It’s A Curse”). Durch das ganze Album zieht sich das Thema der Geister, die zum Beispiel in der von einem heulend-pfeifenden Theremin begleiteten Ballade “Same Ghost Every Night” mit dem lyrischen Ich auf merkwürdige Weise sprechen: “When you’re on your own / Spread out on the mat / Dead”. “Shine A Light” (mp3), eine hymnische Erinnerung an das Spannungsfeld zwischen verpassten Möglichkeiten und dem Pulsieren in den Adern, das einen daran erinnert, dass man noch lebt (”we’re chain chain chain chain, chained to the life”), gehört sicher zu den besten Liedern des Albums und vielleicht sogar zu dem Besten, was in den letzten Jahren im kanadischen Indiepop entstanden ist. Aber auch mit “I’ll Believe In Anything” ist der Band ein moderner Klassiker gelungen, der mit wilden Drums, Spielzeugsynths eine hypnotische Macht über den Zuhörer gewinnt.
Gerade hat die Band die Aufnahmen zu ihrem zweiten Album abgeschlossen; ein konkreter Veröffentlichungstermin wurde jedoch noch nicht genannt. Hier kann man zumindest drei neue Songs schon einmal als Livemitschnitte anhören. Aber mittlerweile ist man sich gar nichtmehrsicher, ob zum Beispiel Sunset Rubdown ein Wolf Parade-Nebenprojekt darstellt, oder ob es sich vielleicht schon umgekehrt verhält und Wolf Parade nur ein Anhängsel von Sunset Rubdown ist. Am 9. Oktober erscheint jedenfalls das dritte Album der Band, “Random Spirit Lover“. Den Track “Up on Your Leopard, Upon the End of Your Feral Days” kann man sich bereits jetzt herunterladen und anhören.
Die Plattenfirma Universal, die bislang, sieht man von der Parteinahme Tim Renners für das mp3-Format einmal ab, in der Diskussion um Digital Rights Management (technische Verfahren zur Nutzungskontrolle digitaler Inhalte) eher als Hardliner bekannt war, hat gestern verkündet, von ab jetzt (erst einmal bis Januar 2008) alle Songs der eigenen Künstler ohne DRM zu verkaufen: als unbehandelte mp3s. Warum diese Entscheidung? Die Musikindustrie hat im Prinzip zwei Möglichkeiten: entweder sie verkauft ihre Songs über den Marktführer iTunes in dem proprietären Apple-Format AAC, das sich zunächst einmal vor allem zum Abspielen in Apples iPod eignet. Oder aber man macht es wie Universal und verkauft über andere Vertriebswege (RealNetworks, Wal-Mart, Amazon.com, später auch Google sowie die Seiten der Musiker selbst) mp3-Dateien ohne Kopierschutz, die dann in jedem handelsüblichen mp3-Player abgespielt werden können (denn DRM ist eigentlich weniger ein Kopier-, denn ein Abspielschutz). Aber in Wahrheit ist der wirklich gefährliche Wettbewerber gar nicht Apple, sondern das P2P-Netz. BoingBoing dazu:
People who don’t want to pay for music just download it from P2P, where all the music is already available for free, without DRM. If you want to convince people to buy your music, you can’t start by making it worse than the free stuff.
Wie es der Zufall will, bleiben wir noch eine Nacht in Vancouver und befassen uns mit der Band The NewPornographers. Manchmal wird die Band auch als kanadische Indie-Supergroup bezeichnet, nicht nur weil in dieser Band so viele Musiker beteiligt sind, sondern auch, weil die Bandmitglieder alle auch in anderen Bands oder Projekten tätig sind: Dan Bejar bei Destroyer und Swan Lake, Kathryn Calder bei Immaculate Machine, Neko Case als Solokünstlerin und bei der Punkband Maow and Cub, John Collins bei The Evaporators, Kurt Dahle bei Limblifter und Age of Electric, Todd Fancey solo als Fancey (bitte nicht verwechseln mit Fancy) sowie ebenfalls bei Limblifter, Carl Newman solo als A.C. Newman sowie bei Superconductor und Zumpano, Nora O’Connor bei The Blacks und Andrew Bird’s Bowl of Fire. Blaine Thurier schließlich ist auch noch Independent-Filmer. Obwohl es hier eigentlich vor allem um die Pornographen gehen sollte, lohnt es sich natürlich auch, die Seiten der genannten Bands einmal anzusehen und in die dort produzierte Musik einmal hineinzuhören, zum Beispiel in die folgenden Tracks (via, via, via, via, via, via, via, via):
Nanu? Jetzt ist bald der ganze Platz vollgeschrieben, ohne dass die New Pornographers selbst zu Wort gekommen sind. Wahrscheinlich erzähle ich euch aber auch nichts neues, wenn ich sage, dass sie ein absolut hörenswerten und dabei höchst vielfältiges musikalisches Universum geschaffen haben, das sich grob zwischen Shoegazer-Anleihen (allein diese nach nach My Bloody Valentine klingenden Slidegitarren in “The Bones of an Idol”), Neofolk-Lagerfeuerpop und Britpop (vgl. zum Beispiel den an die Charlatans oder die Telescopes erinnernden Ohrwurm “Stacked Crooked”, das anscheinend von Damon Albarn inspirierte “Three Or Four” oder das wunderbare “Star Bodies”, ein klassischer Indietrack mit E-Piano, gelungen Chorusgesängen, der mich sehr stark an Pulp denken lässt) verorten lässt. Natürlich dürfen in diesem Repertoire auch Post-Rock-Stampfer wie “Twin Cinema” oder meditative Hippie-Kirtansongs wie “The Bleeding Heart Show” nicht fehlen. Mit den beiden bereits als mp3 veröffentlichten Tracks des kommenden Albums “Challengers” (”Myriad Harbour” - was für eine Gitarrenmelodie! - und “My Right Versus Yours”) scheinen sie sich etwas stärker in Richtung durchkomponierter, intelligenter Popsongs zu orientieren (andere nennen dies Softporno-Musik). Aber hört und urteilt selbst (via):
In wenigen Tagen (24. August) werden die New Pornographers (für uliuli die “superbste[ ] aller kanadischen Supergruppen”) jedenfalls ihre Challengers veröffentlichen und bislang habe ich eigentlich nur begeisterte Stimmen gehört. Marius Mayer zum Beispiel gibt nach dem Hören dieses ausgereiften “Indie-Pop, der perfekt zur Jahreszeit passt” eine “ausdrückliche Empfehlung” ab. Und wer sich jetzt ganz gewissenhaft durch die ganzen Songs gearbeitet hat, der kann wahrscheinlich auch nachvollziehen, warum diese Band (beziehungsweise: diese Supergruppe) bei mir unbedingt auf Platz sieben landen musste.
PS: Genießt den Aufenthalt in Vancouver noch ein bisschen, morgen werden wir die Stadt in Richtung Montréal verlassen.
UPDATE: Jetzt hatte ich ganz vergessen zu sagen, dass man sich das neue Album “Challengers” auf dem NP-MySpace als Stream anhören kann (via).
Heute geht es in die dritte Runde unserer virtuellen Kanadareise. Und praktischerweise können wir gleich in der pulsierenden Metropole Vancouver bleiben, der wir einen derart düsteren und sensiblen Künstler wie Circlesquare zu verdanken haben. Heute geht es aber sehr viel lebenslustiger weiter. Obwohl: drogenlastig bleibt es auch weiterhin, denn die heute zu besprechende Band ist nicht nur bekannt für ihren sehr an die 60s und 70s erinnernden Rocksound, sondern sie haben ihrem Debüt mit “Druganaut” auch noch einen recht eindeutigen Titel gegeben (und leiten ihren Bandnamen ab von “a Mountain full of hash”). Interessanterweise ist die Band Black Mountain, die aus Amber Webber (Gesang), Matt Camirand (Bass), Jeremy Schmidt (Keyboards), Joshua Wells (Schlagzeug) und Stephen McBean (Gesang und Gitarre) besteht, nur ein Teil eines viel umfassenderen Musiker- und Künstlerkollektivs, das sich Black Mountain Army nennt und aus dem zum Beispiel auch die avantgardistischen Pink Mountaintops, die Indiefolkband Jerk With A Bomb oder das Duo Amber & Josh hervorgegangen sind. Matt beschreibt die BMA als: “a bunch of drunks in Vancouver who live within two blocks of each other and are creative and try and include each other in their creativity”.
Doch nun zur Musik ihres Albums “Black Mountain” (2005; der Nachfolger soll Anfang 2008 erscheinen). Eines ist klar: wir befinden uns hier ein gutes Stück entfernt von den kalten Großstadtsounds eines Circlesquare oder den unerwarteten Drum-and-Bass-Beats und ausgefeilten rhythmischen Konstellationen von The Most Serene Republic. Bei Black Mountain geht es konservativ zur Sache: der Maßstab sind die großen Rockbands der späten 60er und 70er Jahre. So erinnert “Modern Music” immer wieder an Velvet Underground, leitet dann aber über in einen Bulldozer-schweren Black-Sabbath-Riffrock. Aber der wohl wichtigste Einfluss scheint die Band Ten Years After zu sein, die immer wieder schwebende und leicht bekömmliche Orgelpassagen mit energetischem Bluesrock vermischt haben. Ganz deutlich meine ich diesen Einfluss in “Don’t Run Our Hearts Around” herauszuhören. Manchmal knüpfen sie dann auch an die psychedelische Tradition von Pink Floyd an und reduzieren den Sound nur noch auf leise Orgelklänge im Hintergrund (”Set Us Free”). Trotzdem verwenden sie ein avantgardistisches Element dann doch hin und wieder: ein sehr frei intonierendes Saxophon, mit dem sie zum Beispiel in “No Hits” an den frühen Freejazz des ESP-Labels erinnern. Das erwähnte “Druganaut” (hier als mp3) nimmt dagegen Funk- und Soul-Einflüsse (Curtis Mayfield) in sich auf, die dann mit schrägen Gitarrensoli und nostalgisch aus der Vergangenheit gegriffenen Led Zeppelin-Riffs kombiniert werden. Doch Black Mountain beziehen sich nicht einfach nur auf die Woodstock-Seeligkeit, sondern spielen eine Musik, in der das Altamont-Desaster und die Schattenseiten der Hippieära mitgedacht sind: “The most interesting part of the albums are certain touches that seem un-sinister turned druggy and sinister, such as hand claps and tasteful female backing vocals” (Song of the Day).
Besonders gelungen ist die hauptsächlich von Amber gesungene Gitarrenballade “Heart of Snow” (hier als mp3), die aus mehrmaligen Wechseln zwischen ruhigen Folkpassagen und rockigen Instrumentalteilen besteht. Fast am besten gefällt mir aber immer noch “No Satisfaction”, weil die Idee zunächst allzu frech bei den Rolling Stones geklaut wirkt, dann aber deutlich wird, dass dieser einfach gestrickte Song mit seinem Chorgesang, der etwas schiefen Flötenmelodie, dem hämmernden Klavier und dem stampfenden Beat eine sehr warme, ehrliche und runde Angelegenheit ist. Aber halt, bevor es jetzt Rockismus-Vorwürfe hagelt: in der ersten Nummer zeigen Black Mountain mit ironischen Textzeilen wie “1 2 3 - another pop explosion / 1 2 3 - another hit recording” wie sehr sie sich dann doch trotz aller musikalischen Nähen zum Blut-Schweiß-und-Tränen-Rock der 70er in der Gegenwart verorten und immer die Möglichkeit offen lassen, ihre Songs als Kommentar zu den Erwartungen an eine Rockband im 21. Jahrtausend zu lesen. So etwas weiß ich zu schätzen und setze diese Band deshalb auf Platz acht meiner Top Ten.
Zum Abschluss hier noch das Druganaut-Video (via):
Worin liegt die Magie der Indiebands, die seit einigen Jahren von Kanada aus die Welt des Indiepop tüchtig umkrempeln. Es scheint, als könnten Musiker, die im Norden Amerikas aufgewachsen sind, besonders schwerelos, gleichsam en passant die Koordinaten des Indiesystems neu ausrichten. Ich möchte mich im POPLOG die nächsten zehn Tage auf eine Entdeckungsfahrt durch dieses Land begeben, dessen Fabelwesen vom neunköpfigen Musikerkommune bis zum Geigenrocker mittlerweile auch im fernen Deutschland immer bekannter werden, dessen grundlegende Geographie jedoch noch nicht vermessen scheint. Was ist kanadischer Indierock? Gibt es das überhaupt? Worin unterscheidet er sich von seinen südlichen oder europäischen Schwestern? Lässt sich eine derartige popmusikalische Kulturkreislehre überhaupt an so unterschiedliche Bands wie Arcade Fire und Death From Above 1979 anlegen? Oder muss man den genialen Individuen Respekt zollen, die sich hier rein zufällig eingefunden haben? Sind es gar Labels wie Arts&Craft oder Maple Music, die durch ihre Nachwuchsarbeit ihren Beitrag zu einer vibrierenden Szene leisten? Oder vielleicht sogar Organisationen wie die CIRPA? Wahrscheinlich werden am Ende gar keine Antworten auf diese Fragen stehen, sondern nur viele weitere Fragen. Aber ein Anfang ist dann vielleicht gemacht.
Nun aber zur heutigen Band, die ich auf Platz 10 meiner höchst subjektiven und wahrscheinlich viel zu spontan hingekritzelten Top Ten-Liste gesetzt habe: The Most Serene Republic aus Milton, Ontario. Die Stadt zählt gut 50.000 Einwohner und liegt eine gute halbe Autostunde westlich der Provinzhauptstadt Toronto, also ziemlich im Westen des Landes, am Rande des Niagara Escarpment (siehe Karte). Obwohl die Stadt Anfang des 21. Jahrhunderts dadurch Aufmerksamkeit erregen konnte, die am stärksten wachsende Gemeinde Kanadas zu sein, scheint in der Stadt gerade so viel los zu sein, dass The Most Serene Republic es im Miltoner Wikipedia-Eintrag unter die 14 wichtigsten Persönlichkeiten gebracht hat (u.a. neben Ron Featherstone, dem ersten Heizungselektriker Ontarios). Die Band trat 2004 mit ihrem Debütalbum “Underwater Cinematographer” in Erscheinung, das dann 2005 neu abgemischt und auf dem Arts & Craft-Label neu veröffentlicht wurde (auf der Homepage kann man alle Tracks anhören). Bei den Kritikern fand das Album überwiegend Lob, obwohl es für ein Debüt bisweilen als “too complex, too inquisitive, and too ambitious” (allmusic) wahrgenommen wurde. Aber zugleich als wohlwollender nerdiger Kontrast zu den anderen, eher hippiesquen A&C-Band: welche Indieband stattet ihre Platte schon mit Prolog und Epilog aus? Ryan Dombal bemerkt für Pitchfork treffend, dass “lead singer and trombonist Adrian Jewett has a thin, high-pitched delivery that sounds like an uber-stereotypical Trekkie singing latter-day Flaming Lips after one and a half Amstel Lights at the local suburban Toronto karaoke night.” 2006 erschied dann eine weitere EP (”Phages”), die sie während ihreren Tourneen mit Broken Social Scene, den Stars, Feist und The Strokes aufgenommen hatten, und am 2. Oktober soll mit “Population” das lang ersehnte zweite Album erscheinen. Die Musik der Band setzt zwar auf breite Gitarrenmauern, die aber immer wieder durch jazzige Passagen, Bläser oder ein kanonartiges Gewirr von Gesangslinien, wie es auch Animal Collective gerne einsetzen, durchbrochen werden. Aber sofort erkennt man The Most Serene Republic an ihrem Schlagzeuger, der mit hyperschnellen, an Drum and Bass oder IDB erinnernden Beats in die Lieder kracht und mit unregelmäßigen Takten und wechselnden Tempi die Komplexität der Musik steigert.
Immer wieder tauchen bei ihnen Referenzen auf ihre Heimatstadt auf: nicht nur spielen sie regelmäßig dort (zum Teil auch umsonst), sondern sie behaupten auch noch, dass ihre Musik von den “sprawling suburbs” in Milton beeinflusst sei. Und ab und zu meint man tatsächlich, diese Flachheit aus ihrer Musik herauszuhören, in der immer wieder neue Ideen ausprobiert, neue Wege eingeschlagen werden. “Sherry and her Butterfly Net”, der erste Track des neuen Albums (kann auf MySpace angehört werden oder hier als mp3, via), beginnt mit den immer wieder gern gehörten Orchesterprobensounds, darauf folgt ein verhalltes Pianointro und endlich der eigentliche Beat, eine recht schnelle Rocknummer mit Gitarrenwänden, die an Oasis erinnern. Aber diese straighten Elemente werden immer wieder unterbrochen durch synkopische Rhythmen und volksliedhaft deklamierte Gesangssequenzen. Man benötigt eine ganze Weile, um die Beziehungen der einzelnen Teile zueinander zu entschlüsseln. Erst mit etwas Abstand sieht man die gar nicht zufällige, sondern brilliant durchdachte Architektur dieses Songs. Das gefällt mir so gut, dass ich dieser Band unbedingt einen Platz in den Top Ten geben musste.
Auch meine Blogger-KollegInnen können die Ankunft des neuen Albums kaum mehr erwarten: PJ schwärmt von diesem “hug rush”, den ihm der Track gibt, während Matt zu dem Ergebnis kommt “well, it’s completely awesome” und auch The Sky Was Candy kann nur noch feststellen: “Whoa this is good!” Kate fasst in The Glorious Hum zusammen: “So direct, unfolding, the first sung words are “Play this song.” The result is breathtaking, but I can’t describe it, hearing it is a must. I can’t wait for the album.”
Zum Abschluss noch ein paar bunte Bilder aus dem Video zu “Content Was Always My Favorite Color” von ihrem ersten Album:
Wie cool ist das? Eine Band, die ein Blog als Homepage hat. Und dann nicht ein gewöhnliches Text-Video-Undsoweiterblog, sondern so ein richtig altmodisches Fotoblog, wie sie seit dem Aufkommen von Flickr zur Rarität geworden sind. Aber davon ganz abgesehen machen The Cave Singers aus Seattle richtig spannenden Postfolk (”They are 4 kinds of awesome” beschreibt Dawn das ganz richtig), bei dem die sich immer wieder wiederholenden Melodiefragmente nach einer Weile eine wunderbar einlullende Wirkung entfalten (”A song that requires only a few moments before sweeping you away“). Ein Soundtrack zum Cocooning. Die Assoziation drängt sich auch Chris auf, der vermutet, “that this song will end up on an indie film soundtrack at some point in 2008″. Die aktuelle Single “Seeds of Night” gibt es auf der Seite des Labels zum kostenlosen Download in voller Länge und Qualität oder für 3 US-Dollar als 7″, das Album “Invitation Songs” steht ab 25. September in den Plattenläden.
Ich hatte ja bereits von Devendra Banharts nächsten Album berichtet. In der Zwischenzeit ist seine neue Homepage fertig geworden, auf der man sich das Menu erst einmal freischaufeln muss - typisch Messie. Dort angekommen, kann man nicht nur zwei neue Tracks von “Smokey Rolls Down Thunder Canyon” ansehen (es handelt sich um das Tropicana-inspirierte “So Long Old Bean” und die schlichte dylanesque Folkballade “Seahorse” mit der Anfangszeile “I’m high, I’m happy and I’m free”, das sich nach zwei Minuten in “Golden Brown” von den Stranglers verwandelt und später noch in einem Doorslastigen Improvisationsteil mündet), sondern auch ein Video zu dem acht Minuten langen “Seahorse”. Die Anmerkung “This is not a music video” lässt sich auch als Warnung verstehen, denn was den Betrachter auf dem Video erwartet, ist einigermaßen merkwürdig (Messerwerfen, Löten, Herumalbern mit der Schrotflinte, Superstar in Unterhose spielen) und vor allem: sehr bartlastig (wie wär’s mit einem Devendra-Bart, Julie?) Erinnert etwas an Laurel Canyon, das Setting, ist aber sehr viel überzeugender. Auch der Rest der Blogosphäre zeigt sich begeistert über den “Weird shit, great song“, den diese “langhaarigen hippies” da geschaffen haben. Besonders groß ist die Begeisterungdarüber, dass anscheinend auch der mexikanische Schauspieler Gael García Bernal mit von der Partie ist. So indie it hurts fasst auch meine Erwartungen an das Album gut zusammen: “These songs are so good by themselves and in crappy myspace compressed quality, I can’t imagine how phenomenal this record is going to be as a whole.”
Naja, seht selbst:
In den meisten Fällen dauert es nicht lange, bis ein neues Album in den diversen P2P-Netzwerken, Blogs, Mikroblogging- und Filedownloadseiten auftaucht. Wer auf illegale Methoden setzt, hat die Tracks sogar in der Regel vor dem legalen Downloader oder Musikkäufer auf seinem MP3-Player. Aber wie kommen die Platten überhaupt dorthin? Sind die Studioangestellten, die Musikkritiker oder gar die Musiker selbst die undichte Stelle an der musikalischen Werkbank? Im aktuellen SPIN-Magazin (via) ist eine Story, die einiges Licht auf diese Frage wirft (und erfreulicherweise vollkommen auf der Höhe der Zeit ist). Eine wichtige Erkenntnis liegt in der doppelten Wirklichkeit der Musikindustrie, die sich stellenweise fast schon komisch liest:
There used to be a sort of gentleman’s agreement about new records: On the announced release date, they’d appear in stores, and magazines, newspapers, and radio stations would pretend that they’d suddenly sprung into existence on that particular Tuesday morning (or, in the case of a few big names, Monday at midnight).
Fraglich ist dennoch, wie lange diese Fassade noch aufrechterhalten werden kann. Erste Anzeichen für einen neuen Realismus in der Musikindustrie gab es ja kürzlich erst bei den kanadischen Stars. Offen bleibt zudem, das stellt Idolator fest, auf welche Weise denn Miniplattenfirmen von Lecks betroffen sind, deren Künstler sonst vielleicht gar nicht in der Öffentlichkeit stattfinden würden? Zudem ist das Problem nicht neu. Für Computerspiele und -software ist das von Anbeginn der Status quo. Für die Musik hätte man das alles wahrscheinlich nur vermeiden können, wenn man bei analogen Medien geblieben wäre. Das wäre aber das Letzte gewesen, was die Industrie gewollt hätte.
Doowop-Croonerpop der allergänsehautigsten Sorte mit wunderbaren TingeltangelJinglejangle-Passagen, hippeligen Bassläufen und immer wieder subtilen oder nicht-so-subtilen Reminiszenzen an Morissey und James könnt ihr euch mit Cass McCombs neuem Track “That’s That” ins Wohnzimmer holen. Am 9. Oktober kommt dann das ganze Album “Dropping the Writ” und das wird wohl zur herbstlichen Pflichtausstattung gehören, oder (auch wenn man sowenig Platten kauft wie Freerk)? Und bis dahin klappt es vielleicht auch mit einer ordentlichen Webseite, Herr Combs.
So, und jetzt bitte alle man raten, an welchem Tag Telepolis auf meine Seite verlinkt hat (und das, kurz nachdem der Berechnungsmodus für die blogscout-Toplistegeändertverbessert wurde, was für manchen eine freudige Überraschung bedeutete)
Hier gibt’s alte Demobänder der beiden Blursongs “Parklife” und “Boys & Girls” lange her, aber die Songs klingen immer noch frisch (wobei sie heute einen leichten ziegenkäsigen Nachgeschmack haben).
Ganz neu und ganz innovativ ist dagegen Seeqpod, eine Suchmaschine für mp3-Dateien im Netz. Martin Weigert ist begeistert; für ihn ist es neben Mediamaster “der aus Usersicht bisher innovativste Web-2.0-Dienst dieses Jahres”.
Aufgewärmt wird zur Zeit (und da beteilige ich mich gerne) das 90er-Genre des Shoegazer-Pop. Jetzt hat sich aber herausgestellt, dass My Bloody Valentine gar nicht ernst gemeint war, sondern nur ein harmloser Ulk. D’oh, alles umsonst.
Kein Revival, sondern neu ist der Song “Run Away” von den Super Furry Animals, die sich mit ihrem Album “Hey Venus!” für den Scheußlichstes-Albumcover-des-Jahres-Preis bewerben. Etwas älter, aber sehr schön ist die Liveversion von “Fake Empire”, die The National in der Lettermanshow spielten. Ebenso das Video zu “Hold Music” von Architecture in Helsinki.
Die Musikindustrie dürfte allerdings angesichts dieses Urteils mal wieder ins Schwitzen kommen. Für Udo Vetter ist das immerhin “ein erster Ansatz, um die unsägliche Verfolgungsmaschinerie auszubremsen.”
Außerdem noch ein interessantes Weblog (”Architecture of Control”) zu asozialem Design, zum Beispiel über Sitzgelegenheiten, die durch ihre Gestalt Herumlungerer, Liebespaare und andere Ärgernisse unmöglich machen. Dazu nostalgische Geburtstagsgrüße zu 20 Jahren Nethack und japanische Smileys, die nicht horizontal, sondern vertikal angeordnet sind (oder war’s genau umgekehrt?). Und am Ende bekommt MC Winkel für den Gebrauch eines gebrauchten Spitznamens eine Abmahnung. Und ich hab einen Ohrwurm.
Alle Kurzmitteilungen wie immer ohne Anspruch auf Zusammenhang.
Noch ein Mashup-Projekt: Simon Iddol (zuvor René aufgefallen durch “Stuck in the Eighties” oder durch “Superseven” - was für eine Produktivität!) entdeckte im Netz das obskure Werk “Hot Boppin’ Instrumentals“, auf dem 27 Instrumentaloldies versammelt sind - Northern Sound bis Popcorn-Soul überwiegend aus den 60s. Einige der Stücke gefielen ihm dann so gut, dass er Lust bekam, sie mit zeitgenössischen Melodien und Rhythmen zu mischen. Das Ergebnis ist die Compilation “Forgotten Hits“, an der neben Iddol selbst zehn weitere Mashup-Künstler mitwirkten: Apollo Zero, ToToM, Electro Sound, LDM101, Zamali, DJ Earlybird, Lobsterdust, Copycat, RIAA sowie der World Famous Audio Hacker. Die Vorlagen reichen von Depeche Mode über Christina Aguilera bis zu Rick James. Ein Mashupalbum, das auch den Großeltern gefallen dürfte. Wer damit immer noch nicht genug Mashup-Klänge hat oder grundlegendere Informationen über das Geschäft des Mashuppens braucht, kann sich auch noch hier bedienen.
René hat ein absolut unglaubliches Mashup-Projekt entdeckt: CCC und Ill Chemist haben zusammen das Sgt.-Pepper-Album der Beatles komplett aus Samples bekannter Songs nachgestellt, aber im Unterschied zu Sample-Künstlern wie Girl Talk nicht danach klingt. Die Songs hören sich an wie fertige Produktionen, nur beschleicht einen dann immer wieder ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man die Bestandteile in diesem ungewohnten Kontext wiederentdeckt. Letztlich das ja nichts ungewöhnliches, denn Popmusik besteht sowieso zu einem großen Teil aus Zitaten. Insofern ist es CCC und Ill Chemist hoch anzurechnen, diese Wahrheit so deutlich und dennoch so anhörbar zu demonstrieren. Subversion at its best. Wahrscheinlich werden sie damit rechtliche Probleme bekommen und die Songs früher oder später von ihrer Homepage nehmen müssen.