Kanadaserie, Platz 5: Feist
Add comment August 12th, 2007
Für alle diejenigen, die noch etwas angeschlagen von dem gestrigen Partyfreitag sind: wir müssen (zumindest für amerikanische Verhältnisse) keine allzu lange Strecke zurücklegen, um zu unserer heutigen Künstlerin zu gelangen. Wir verlassen Montréal in Richtung Südwesten und stoßen auf die Autoroute 720. Nach gut 70 Kilometern lassen wir die Provinz Québec hinter uns. In Ontario geht es auf dem Highway 401 weiter und wir fahren eine ziemlich lange Strecke genau die US-kanadische Grenze entlang zwischen Ottawa auf der Rechten und den Adirondack Mountains auf der Linken. Bei Kingston stoßen wir dann schon auf den Ontariosee. Nach insgesamt 540 Kilometern haben wir schließlich unser heutiges Etappenziel Toronto erreicht. Dort ist “la belle Canadienne” Leslie Feist, die ursprünglich aus Amherst in Nova Scotia (einem kleinen Ort nahe der kanadischen Ostküste) stammt, zur Zeit zu Hause. Und nicht nur sie alleine. Toronto ist neben Vancouver und Montréal die dritte Musikergroßstadt in Kanada: in der Horseshoe Tavern, dem Sneaky Dee’s sowie dem Gladstone Hotel trifft sich die pulsierende Indieszene der 2,5-Millionenstadt. Auch hier sind es nicht einzelne, von einander klar abgrenzbare Bands, die die Szene prägen, sondern ein lose gekoppeltes und in immer wieder neuen Konstellationen an die Öffentlichkeit tretendes “Gemenge”. Was in Vancouver die Black Mountain Army ist und in Montréal das New Pornographers-Netzwerk, heißt in Toronto Broken Social Scene.
Doch über Broken Social Scene muss ich an dieser Stelle nicht ausführlich berichten, dafür gibt es womöglich an einer anderen Stelle dieser Kanadaserie noch Gelegenheit. Deshalb zu Leslie Feist. Geboren 1976, hat sie - wie es sich für die Tochter zweier Künstler gehört - sehr schnell zur Musik gefunden. Die Stationen sind die Üblichen: Kirchenchor in der frühen Jugend, dann 15jährig Leadsängerin ihrer ersten Punkband mit dem verwechslungsanfälligen Namen Placebo. Nach zahlreichen Konzerten, darunter sogar ein Auftritt im Vorprogramm der Ramones, war das Stimmband hinüber und Leslie wechselte zur Gitarre und den Wohnsitz gleich mit: von Calgary ging 1998 es nach Toronto. Ihre neue Band hieß By Divine Right. Außerdem fand sie nebenher auch noch Zeit, ihr erstes Soloalbum “Monarch (Lay Your Jewelled Head Down)” aufzunehmen, dass im Jahr 1999 erschien. Schon in diesem Album spürt man ihre Vorliebe für schwerelose Träumereien wie zum Beispiel in “Sirena” (aber nicht nur ihre Musik wird so charakterisiert, sondern auch ihr Äußeres, was zum Beispiel bei Olivia Stren deutlich wird, wenn sie von Feists “dreamy, hard-living alt-rock sex appeal” schwärmt). 2000 zog sie dann in eine neue Wohnung über einem Sexshop - ihre Mitbewohnerin Merrill Nisker dürfte unter ihrem Künstlernamen Peaches dem/der ein oder anderen ein Begriff sein. Leslie Feist wirkte immer wieder im Hintergrund ihrer Freundin mit und so kam es wohl, dass die beiden zusammen mit Gonzales (Jason Beck) für eine Weile nach Berlin zogen und dort fleißig an neuen Songs arbeiteten, die auf ihrem Album “Let It Die” erscheinen sollten.
Aber nicht nur in eigener Mission war sie unterwegs, sondern auch an den beiden Alben “Feel Good Lost” und “You Forgot It in People” der bereits erwähnten Torontoer Indiesupergruppe Broken Social Scene beteiligt und außerdem als Gastsängerin an “Riot on an Empty Street” von den Kings of Convenience, “Gone Gone Gone” von The New Deal sowie “Folkloric Feel” von Apostle of Hustle. Ihre zweites Album “Let It Die” nahm Feist 2002 und 2003 in Paris auf. Drei Jahre später war sie wieder in Europa, um ihr drittes Album “The Reminder” aufzunehmen (hier kann man einen Eindruck von der Musik bekommen), das April 2007 veröffentlicht wurde. Danach zog sie wieder nach Kanada zu ihrem Freund Kevin Drew, Mitglied bei - wie sollte es anders sein - Broken Social Scene.
Dieses Jahr ist sie neben Arcade Fire und weiteren Bands für den renommierten kanadischen Musikpreis “Polaris Award” nominiert, den letztes Jahr Owen Pallett alias Final Fantasy gewonnen hat (vgl. die höchst lesenswerte Darstellung hier). Vielleicht bringt dieser Medienrummel Feist den, vermutlich auch von ihr, vor allem aber von ihrem Label heiß ersehnten Schritt von der “reigning indie-music princess” hin zur Queen Elizabeth II des englischsprachigen Indiepop. Mit der Musik, die zwischen Bossa Nova, Nina Simone, Sade, Joni Mitchell und schrammligen Postfolk anzusiedeln ist, aber durch ihre einmalige Stimme und das charakteristische Gitarrenspiel dennoch unverwechselbar bleibt, könnte es jedenfalls klappen, nicht nur die Indieszene zu begeistern. Auch das loungig-entspannte Starbuckspublikum, das ansonsten Katie Melua, Diana Krall oder Norah Jones hört, muss sich nicht besonders überwinden, diese “warm, relaxing, chilled out and light” Klänge gutzufinden. Die Frage ist nur, ob sie diesen Sprung - “bis zur H&M Filiale in der Provinz” - schafft, ohne damit ihre Bewunderer in der Indieszene zu vergraulen, die ihr bereits den Verkauf des Songs “Mushaboom” für eine Lacoste-Werbekampagne übelgenommen haben. Spannend ist diese Position, “ein wenig zu sperrig, um Pop zu sein, aber ein wenig zu gefällig, um reiner Indie zu sein“, allemal. Sebastian Ingenhoff (Intro) plädiert jedenfalls dafür, es Feist nicht vorzuwerfen, wenn auch “der oder die SupermarktkassiererIn ohne Checker-Pop-Background” mit ihren Songs etwas anfangen kann. Allerdings: die Verteidigungshaltung ist in den einschlägigen Kritiken herauszuhören - das klingt heute ganz anders als noch zu Let It Die-Zeiten.


