“I can’t listen to it now without getting all dewy-eyed. And if I play it on the radio, I have to segue it into the front of another record because I can’t speak after I’ve heard it” sagte der großartige John Peel. Jetzt ist Feargal Sharkey, der vor knapp dreißig Jahren mit seinen Undertones den Song “Teenage Kicks” aufgenommen hat, 49 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch (via).
Für die heutige Band, die ich auf den dritten Platz meiner Kanada-Top-Ten gesetzt habe, bleiben wir noch einmal in Montréal. Wahrscheinlich ist es von allen in dieser Liste aufgeführten Bands diejenige, deren Einfluss am weitesten reicht. Nicht nur Nordamerika steht unter ihrem Einfluss, sondern auch in Europa, Australien und Asien gibt es Bands, die sich dieser Schule zurechnen würden. Trotz dieser enormen Reichweite ist sie fast überall eine Art Geheimtipp geblieben; ein Name, den man sich hinter vorgehaltener Hand zuraunt, wenn eine Band besonders abgefahrene Feedback- und Droneorgien veranstaltet: Godspeed You! Black Emperor.
Hier haben wir es mit einer Band der Extreme zu tun. Nicht nur sind ihre Songs mitunter so lang, dass gerade einer davon auf eine LP-Seite passt, sondern es kann bei ihnen schon einmal vorkommen, dass sie einen Songtext von Iron Maidens “Virus” zitieren. Und gegen die Verästelungen und den Gestaltwandel, der einem hier begegnet, sind die bisher beschriebenen Musikerkollektive kleine Wanderzirkusse. Aber zunächst ein kurzer Rückblick auf 10 Jahre Godspeed. Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er Jahre, als sich Efrim, Mauro und Mike Moya zusammentun und als Trio eine Kassette aufnehmen. Von der ursprünglichen Auflage von 33 Stück ist Gerüchten zufolge noch das ein oder andere zu bekommen: wer also eine handbeschriftete Godspeed-Kassette auf dem Flohmarkt findet, sollte auf jeden Fall zuschlagen. In den Jahren 1995 bis 1996 erweiterte die Band sich dann zeitweise zu einem 14köpfigen Indie-Progrockorchester, bis sie 1998 einen stabilen Zustand mit neun ständigen Mitglieder erreichten: die beiden Schlagzeuger Aidan Girt und Bruce Cawdron, die beiden Bassisten Thierry Amar und Mauro Pezzente, die drei Gitarristen Efrim Menuck, David Bryant und Roger-Tellier Craig, die Cellistin Norsola Johnson und die Violinistin Sophie Trudeau. Eigentlich müsst man auch noch den ein oder anderen 16mm-Projektor mit dazu rechnen, denn die Visuals sind von Anfang an ein wichtiger Bestandteil ihrer Shows gewesen.
Wenn man sich die Veröffentlichungsliste dieser Band ansieht, könnte man zunächst der Täuschung erliegen, dass diese Band für ihre Größe in den knapp zehn Jahren ihres Bestehens (1994 bis 2003) nicht besonders produktiv gewesen sei. Insgesamt wurden nur 12 Songs der Band jemals auf Vinyl gepresst. Das Debüt “F#A# ∞“, das drei Tracks enthält, hat die Band 1997 auf einem gemieteten 16-Spurgerät aufgenommen und später noch mit Fieldrecordings ergänzt. Darauf folgte 1999 die EP “Slow Riot For New Zero Kanada“, auf der sich zwei Songs befinden - einer von den beiden mit dem erwähnten Iron Maiden-Text. 2000 erschien dann das Doppelalbum “Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“, das insgesamt nur vier “Songs” enthält, mit denen die Band nun aber auch in einer etwas breiteren Indie-Öffentlichkeit international bekannt wurde. Außerdem enthält dieses Album mit “Storm” einen Track, der sich in epischer Breite in himmlische Sphären hocharbeitet und meiner Ansicht nach zu einem der besten Indieinstrumentals gehört, die je geschrieben wurden (ähnlicher Meinung ist Robosexual, der diesen Song zun zweitbesten Opener aller Zeiten zählt). Das letzte Album, Godspeed düsteres Spätwerk “Yanqui U.X.O.” (produziert von Steve Albini), erschien 2002. Im darauf folgenden Jahr erklärte die Band zwar nicht ihr Ende, aber eine Ruhepause von unbestimmter Dauer und die neun Musiker arbeiteten in ihren diversen irrealen Neben- und Soloprojekten weiter, darunter: Gybe!, Silver Mt. Zion/Tra La La Band, Bottleskup Flenkenkenmike, Bakunin’s Bum, 1-Speed Bike, Exhaust, Fly Pan Am, Et Sans, Set Fire to Flames, Hrsta, Molasses, Esmerine, Balai Mécanique, ‘Gypt Gore, Sam Shalabi und Shalabi Effect.
Leider wird allzu oft der politische Gehalt von Godspeed ausgeblendet, obwohl es sich dabei um einen der spannendsten Aspekte der Band handelt. Die langen, hypnotischen Songs der Artrockband sollen schließlich nicht allein dem Geschmack der Indieszene entsprechen, sondern immer wieder auch als Kommentare zur aktuellen Lage in Wirtschaft und Politik gelesen werden - wenn nicht gar als Aufforderung zum Widerstand gegen den neoliberalen Kapitalismus. Wahrscheinlich sind Godspeed außerdem eine der ganz wenigen Pop-Bands in der Tradition zum Beispiel der Fugs, die darauf zielen, Gesellschaftskritik und die Vision einer besseren Welt allein mit musikalischen Mitteln auszudrücken (sieht man einmal von den eindeutigen Referenzen auf anarchosyndikalistisches Denken im Artwork der Band ab, also von dem Molotovcocktail auf “Slow Riot”, dem Bomber auf dem Cover von “Yanqui” oder der Skizze der Verflechtungen zwischen den großen Musik- und Medienkonzernenauf der Rückseite). Denn bis auf Sprachsamples aus Alltagssituationen oder obskuren Filmen besteht das Werk der Band allein aus Instrumentalstücken. DJErnesto (Intro) stellt dazu fest: “Zwischen den Tönen schimmern Nuancen von einer besseren Welt, erzählt der getragene Gestus mit einer Gänsehaut fabrizierenden Eindringlichkeit von den Möglichkeiten der individuellen Handhabe und auch von Gesellschaft”.
Genau in diesem Schweigen der Worte kann allerdings auch eine unvermutete Stärke liegen. So vermutet etwa der Independent in seiner Rezension von “Lift Your Skinny Fists …”, dass “their wordlessness embodies a greater political statement than all the proselyti sing of Gillespie or Bono”. Der NME dagegen vermisst eine optimistische Vision und zeichnet Godspeed als tragische Idealisten, deren mythische (oder nach Felix Klopotek kryptisch-dumpfe) Vision einer anderen Welt zwangsläufig in depressiven, wenn nicht sogar apokalyptischen Tönen untergeht (vor denen man dann schon einmal “ehrfürchtig niederknien” oder gar eine Gotteserfahrung haben kann). Brad Weslake befasst sich in einem längeren lesenswerten Essay mit dem politischen Gehalt der Band und beschreibt dieselbe Beobachtung als nahezu zwangsläufig sich ergebendes Dilemma der anarchistischen Politik des Chaos. Möglicherweise liegt jedoch gerade in diesem merkwürdigen Untergangsoptimismus der Godspeed-spezifische Ausweg aus der Zwickmühle “of creating a positive force that doesn’t reproduce the structures (and therefore failings) of the institutions that are being opposed”: hinter dem Chaos die Hoffnung. Doch es ist nicht nur (Bakunin’sche) Theorie, was von der Band kommt, denn sie sind auch auf Grassrootsebene als Aktivisten tätig, ob es um den G7-Protest geht oder um die Bekämpfung der Armut vor Ort.
Glücklicherweise existieren mittlerweile auch digitale Versionen der ursprünglich nur auf Vinyl veröffentlichten Alben und EPs. Und einige Stücke und Livekonzerte sind im Netz verfügbar, so dass ich abschließend noch ein paar Links auflisten kann, die das Erlebnis Godspeed et al. zumindest akustisch spürbar machen:
Langsam wird die Luft dünner, bald kommen die Top Three dieser höchst subjektiven Top Ten-Liste der kanadischen Independentbands. Für die heutige Band müssen wir die Route des letzten Tages wieder zurückfahren, obwohl die im Folgenden zu behandelnde Band mehrmals ihren Standort gewechselt hat: angefangen haben sie in Toronto, dann war die Band eine Zeit lang in New York zu Hause, bis sie dann wieder nach Kanada, diesmal nach Montréal gezogen sind. Die Rede ist, natürlich, von den Stars (MySpace). Auch hier sind die Grenzen zu anderen Bands wieder fließend, denn Mitglieder der Stars sind bzw. waren unter anderem auch aktiv in den folgenden Bands: Broken Social Scene, Memphis, Gypsy Sol, Young Galaxy (vgl. auch meine ausführliche Rezension dazu) - ganz abgesehen von weiteren Soloprojekten.
Im Mittelpunkt der Band steht sicherlich Sänger, Trompetenspieler und Schauspieler (unter anderem bei Sex and the City) Torquil Campbell, der in Wirklichkeit gar kein Kanadier ist, sondern die Britisch-US-amerikanische Doppelstaatsangehörigkeit besitzt. Zusammen mit Keyboarder Chris Seligman bildete er den historischen Kern der Stars, aus dem 2001 das erste Album “Night Songs” hervorging. Bei der nächsten Platte, “Heart“, die 2003 erschien, waren Sängerin und Gitarristin Amy Millan sowie Bassist Evan Cranley als feste Mitglieder zur Band gestoßen. Und die Platte, mit der Stars zu einer der wichtigsten Indiebands Kanadas wurden, “Set Yourself on Fire” (2004), haben sie dann endlich auch einen richtigen Schlagzeuger in ihren Reihen: Pat McGee.
Was genau macht die Musik der Stars aus? Welche Koordinaten der musikalischen Welt dieser Band sind trotz aller Veränderungen (der Band wie auch ihres Kontextes) seit dem ersten Album beibehalten worden?
der abwechselnde Gesang zwischen Torquil Campbell und Amy Millan sowie immer wieder auch im Duett gesungene Refrains
das stellenweise orchestrale Arrangement mit Streichern (sehr viel auf den Nightsongs), anfangs auch noch mit Trompete
die Verwendung von Drumcomputer und samplebasierten (Hiphop-)Beats (vor allem in der Zeit, bevor Pat McGee in die Band kam)
die Jingle-Jangle-Gitarren, die am Anfang stellenweise nach Ibiza oder nach folkiger Ambientmusik à la Dan Ar Braz klingen
das große Gefühlskino, das dafür sorgt, dass die Lieder niemals vollständig fröhlich wirken, sondern immer etwas nach Regentagen klingen
atmosphärisch schwebende Stimmen und gehauchte Passagen
Songtexte, die zwar gerne von Nacht und Sterne handeln, aber niemals Naturlyrik sind, sondern von Natur als Projektionsfläche für menschliche Wünsche, Gefühle und Ängste erzählen
Daneben gab es natürlich auch Veränderungen zu beobachten. Während die erste Platte im Grunde eine Electropopangelegenheit gewesen ist, klingt die Musik mittlerweile viel stärker nach (Rock-)Band. Außerdem ist der Gesang, der am Anfang sehr reduziert, erzählend und überwiegend gehaucht gewesen ist, über die Zeit energievoller und impulsiver geworden. Obwohl die Stars auch auf ihrer aktuellen Platte “In Our Bedroom After the War” (mp3 der Vorabsingle “The Night Starts Here”, via) nach wie vor eine der besten Indiebands sind, haben sie im Vergleich mit ihrem Erstling “Nightsongs” eine Sache verloren: dieses Album war vor allem von einer fast schon unheimlichen “Zeitgemäßheit” geprägt. Ich halte es für die präziseste Antwort auf die Frage, wie sich Indiepop am Anfang des 21. Jahrhunderts anhören musste und auch tatsächlich anhörte. Diese Aktualisierung der Synthpoptradition mit Hiphopbeats, Folkgitarren und romantischen Blechbläsern bringt das Ende der postmodernen Epoche in der Popularmusik wunderbar auf den Punkt. Zugleich sind Songs wie “My Radio” eine letzte Würdigung der Radio-Ära, in der nicht die selbst- oder computerselektierte Playlist des iPods den Soundtrack zum eigenen Leben abgibt, sondern der FM/AM-Kasten auf dem Badehandtuch am Seeufer: “All I want is my radio … He speaks in a voice I know / Sounds like sand when the tide is low / We kissed to that voice each night / Bathed in bare reactor light” (My Radio).
Da sie mit dem monumentalen, “Set Yourself on Fire” nicht nur großen Erfolg, sondern einen “career defining moment” erlebten (gerade eben erschien unter dem Titel “Do You Trust Your Friends?” sogar eine Remix-Version, in denen andere kanadische Künstler die Songs des Albums neu interpretierten), sind natürlich die Rezeptionsbedingungen für ihr neuestes Album ganz andere als 2001. Wiesengrund hat Recht: hier kann man tatsächlich davon sprechen, dass die kanadische Invasion vorbei ist. Der Sound hat sich durchgesetzt, ist zum Allgemeinen geworden. Nicht nur im unmittelbaren Umfeld von Bands wie den Stars (aber dies gilt auch für die gestern besprochene Leslie Feist) gibt es zahllose Epigonen, für die diese musikalische Sprache zur Normalität geworden ist und die gar nicht mehr bewusst erkennen können, an wem sie sich da bei jedem zweiten Akkordwechsel orientieren oder vergreifen. Aber die Stars gehen mit dieser Problematik mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit um (gehen sogar einige Risiken ein), was aber nicht allzu sehr überrascht, wenn man sich den Text ihres 2001er Songs “Write What You Know” näher betrachtet, der sich über die Rezepthaftigkeit der kulturellen Produktion mokiert: “Write what you know / Keep that story funny / Have a happy ending / Make the female sexy … This ending is so sexy”.
Auch wenn “In Our Bedroom after the War” hoffentlich noch nicht das Ende der Stars einläutet, in puncto Sexappeal kann den Stars kaum jemand etwas vormachen. So sexy wie in “Take Me to the Riot” war die Revolution wahrscheinlich seit Che Guevara nicht mehr, und bei den Sprechgesängen in der düsteren Hooligan-Lovestory “Barricade” bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut: “”Oh, how could anyone not love the terrible things you do? / Oh, how could anyone not love your cold black heart / I’ll be at the barricade, the love died but the hate can’t fade.” (Bild: “Stars (band)”, Wikipedia)
Für alle diejenigen, die noch etwas angeschlagen von dem gestrigen Partyfreitag sind: wir müssen (zumindest für amerikanische Verhältnisse) keine allzu lange Strecke zurücklegen, um zu unserer heutigen Künstlerin zu gelangen. Wir verlassen Montréal in Richtung Südwesten und stoßen auf die Autoroute 720. Nach gut 70 Kilometern lassen wir die Provinz Québec hinter uns. In Ontario geht es auf dem Highway 401 weiter und wir fahren eine ziemlich lange Strecke genau die US-kanadische Grenze entlang zwischen Ottawa auf der Rechten und den Adirondack Mountains auf der Linken. Bei Kingston stoßen wir dann schon auf den Ontariosee. Nach insgesamt 540 Kilometern haben wir schließlich unser heutiges Etappenziel Toronto erreicht. Dort ist “la belle Canadienne” Leslie Feist, die ursprünglich aus Amherst in Nova Scotia (einem kleinen Ort nahe der kanadischen Ostküste) stammt, zur Zeit zu Hause. Und nicht nur sie alleine. Toronto ist neben Vancouver und Montréal die dritte Musikergroßstadt in Kanada: in der Horseshoe Tavern, dem Sneaky Dee’s sowie dem Gladstone Hotel trifft sich die pulsierende Indieszene der 2,5-Millionenstadt. Auch hier sind es nicht einzelne, von einander klar abgrenzbare Bands, die die Szene prägen, sondern ein lose gekoppeltes und in immer wieder neuen Konstellationen an die Öffentlichkeit tretendes “Gemenge”. Was in Vancouver die Black Mountain Army ist und in Montréal das New Pornographers-Netzwerk, heißt in Toronto Broken Social Scene.
Doch über Broken Social Scene muss ich an dieser Stelle nicht ausführlich berichten, dafür gibt es womöglich an einer anderen Stelle dieser Kanadaserie noch Gelegenheit. Deshalb zu Leslie Feist. Geboren 1976, hat sie - wie es sich für die Tochter zweier Künstler gehört - sehr schnell zur Musik gefunden. Die Stationen sind die Üblichen: Kirchenchor in der frühen Jugend, dann 15jährig Leadsängerin ihrer ersten Punkband mit dem verwechslungsanfälligen Namen Placebo. Nach zahlreichen Konzerten, darunter sogar ein Auftritt im Vorprogramm der Ramones, war das Stimmband hinüber und Leslie wechselte zur Gitarre und den Wohnsitz gleich mit: von Calgary ging 1998 es nach Toronto. Ihre neue Band hieß By Divine Right. Außerdem fand sie nebenher auch noch Zeit, ihr erstes Soloalbum “Monarch (Lay Your Jewelled Head Down)” aufzunehmen, dass im Jahr 1999 erschien. Schon in diesem Album spürt man ihre Vorliebe für schwerelose Träumereien wie zum Beispiel in “Sirena” (aber nicht nur ihre Musik wird so charakterisiert, sondern auch ihr Äußeres, was zum Beispiel bei Olivia Stren deutlich wird, wenn sie von Feists “dreamy, hard-living alt-rock sex appeal” schwärmt). 2000 zog sie dann in eine neue Wohnung über einem Sexshop - ihre Mitbewohnerin Merrill Nisker dürfte unter ihrem Künstlernamen Peaches dem/der ein oder anderen ein Begriff sein. Leslie Feist wirkte immer wieder im Hintergrund ihrer Freundin mit und so kam es wohl, dass die beiden zusammen mit Gonzales (Jason Beck) für eine Weile nach Berlin zogen und dort fleißig an neuen Songs arbeiteten, die auf ihrem Album “Let It Die” erscheinen sollten.
Aber nicht nur in eigener Mission war sie unterwegs, sondern auch an den beiden Alben “Feel Good Lost” und “You Forgot It in People” der bereits erwähnten Torontoer Indiesupergruppe Broken Social Scene beteiligt und außerdem als Gastsängerin an “Riot on an Empty Street” von den Kings of Convenience, “Gone Gone Gone” von The New Deal sowie “Folkloric Feel” von Apostle of Hustle. Ihre zweites Album “Let It Die” nahm Feist 2002 und 2003 in Paris auf. Drei Jahre später war sie wieder in Europa, um ihr drittes Album “The Reminder” aufzunehmen (hier kann man einen Eindruck von der Musik bekommen), das April 2007 veröffentlicht wurde. Danach zog sie wieder nach Kanada zu ihrem Freund Kevin Drew, Mitglied bei - wie sollte es anders sein - Broken Social Scene.
Dieses Jahr ist sie neben Arcade Fire und weiteren Bands für den renommierten kanadischen Musikpreis “Polaris Award” nominiert, den letztes Jahr Owen Pallett alias Final Fantasy gewonnen hat (vgl. die höchst lesenswerte Darstellung hier). Vielleicht bringt dieser Medienrummel Feist den, vermutlich auch von ihr, vor allem aber von ihrem Label heiß ersehnten Schritt von der “reigning indie-music princess” hin zur Queen Elizabeth II des englischsprachigen Indiepop. Mit der Musik, die zwischen Bossa Nova, Nina Simone, Sade, Joni Mitchell und schrammligen Postfolk anzusiedeln ist, aber durch ihre einmalige Stimme und das charakteristische Gitarrenspiel dennoch unverwechselbar bleibt, könnte es jedenfalls klappen, nicht nur die Indieszene zu begeistern. Auch das loungig-entspannte Starbuckspublikum, das ansonsten Katie Melua, Diana Krall oder Norah Jones hört, muss sich nicht besonders überwinden, diese “warm, relaxing, chilled out and light” Klänge gutzufinden. Die Frage ist nur, ob sie diesen Sprung - “bis zur H&M Filiale in der Provinz” - schafft, ohne damit ihre Bewunderer in der Indieszene zu vergraulen, die ihr bereits den Verkauf des Songs “Mushaboom” für eine Lacoste-Werbekampagne übelgenommen haben. Spannend ist diese Position, “ein wenig zu sperrig, um Pop zu sein, aber ein wenig zu gefällig, um reiner Indie zu sein“, allemal. Sebastian Ingenhoff (Intro) plädiert jedenfalls dafür, es Feist nicht vorzuwerfen, wenn auch “der oder die SupermarktkassiererIn ohne Checker-Pop-Background” mit ihren Songs etwas anfangen kann. Allerdings: die Verteidigungshaltung ist in den einschlägigen Kritiken herauszuhören - das klingt heute ganz anders als noch zu Let It Die-Zeiten.
Die Musik klingt wie eine Mischung aus dem Bob the Builder-Theme Song - Can we fix it? Yes, we can! (mp3 der Eminem-Mashup-Version) - und Primal Scream in ihrer psychedelischen Phase und dazu noch ein guter Schuss Fatboy Slim-Samplewahnsinn. Do it! Do it! Do it! Endlich sind die “Doing It Right”-Single und das dazugehörige Video von The Go! Team, der Lieblingsband aller Mädchen und Jungen mit Zappelphilippsyndrom, draußen. Jetzt alle: aufdrehen und durch die Wohnung hüpfen, was das Zeug hält (via):
Will Oldham, auch bekannt als Palace Brothers, Palace Songs, Palace Music und Bonnie ‘Prince’ Billy, ist vermutlich eine der schillerndsten Persönlichkeiten der amerikanischen alt-country-Szene. Er bezieht sich immer wieder auf Country und Folk, verarbeitet diese Einflüsse jedoch auf seine ganz eigene Art, deren Grundlage die scheinbar einfache und ehrliche, aber dennoch unberechenbare Ästhetik des Do-It-Yourself liefert, die jedoch selbst vor dem Hintergrund der Popindustrie stattfindet und insofern eine Ehrlichkeit inszeniert, die immer schon Reaktion und Gegenentwurf ist. Mittlerweile hat er bereits zehn Alben aufgenommen, einer seiner Songs wurde von Johnny Cash gespielt, Björk zählt zu seinen Fans und vor kurzem ist Oldham sogar, man rätselt immer noch, wie es dazu kam, in dem Video zu “Can’t Tell Me Nothing” von Kanye West aufgetreten (für ein unterhaltsames Interview mit Oldham vgl. diesen Beitrag).
Jetzt hat er unter dem Namen Bonnie ‘Prince’ Billy an die Aufgabe gewagt, “Can’t Take That Away” von Mariah Carey in einer schlicht-elektronischen Karaokeversion zu covern (mp3 gibt’s hier, hier oder hier). Je öfter ich den Song anhöre, desto stärker habe ich das Gefühl, dass es absolut stimmig ist, was Oldham hier durchzieht. Mit dünner Stimme, Drumcomputerbeats, Pizzicatostreichern aus dem Synth gegen die Stimmgewalt und geballte Marketingmaschine einer Mariah Carey anzutreten (unterstützt durch Studioflügel und Symphonieorchester) - eine herrliche Idee. Aber zugleich erweist er Mariah Carey damit auch noch einen Dienst, indem er demonstriert, dass in der von ihr (mit-)geschriebenen Schnulze, wenn man sie bis auf die wesentlichen Bestandteile entkleidet, ein wunderbarer Song steckt. Und dass kann ihr tatsächlich niemand wegnehmen.
Angela Sandweger unterhält sich für die FAZ mit den White Stripes. Allerdings erfährt man letztlich nicht viel neues über die Band - zum Beispiel, dass Jack (Meg kommt in dem Gespräch kaum zu Wort) die eigene Musik als Blues und nicht als Heavy Metal beschreiben würde, dass man auch im Süden Amerikas nicht jeden Tag mit einem geladenen Gewehr begrüßt wird oder dass die White Stripes nicht mit einem ausgearbeiteten Konzept an das Songwriting herangehen, sondern einfach so loslegen. Gefallen hat mir aber die Passage, in der Jack ein bisschen über die Detroiter-Rockszene ätzt:
Über die dortige Garagenrockszene, aus der wir hervorgegangen waren und mit der wir assoziiert wurden, waren wir hinausgewachsen. Wir waren an einem Punkt angelangt, wo es für uns einfach ungesund wurde. Rock-’n'-Roll-Musiker, vor allem aber erfolglose Musiker, sind keine wirklich großartige Unterstützung.
Ach ja: Vor ein paar Tagen ist Jack White zum zweiten Mal Vater geworden. Der amtliche Geburtsanzeiger weiß auch schon den Namen: Henry Lee. Gratulation.
Ach ja II: Wer 99$ ausgeben will, noch nicht weiß wofür und dann auch noch White Stripes-Fan ist, der kann sich ein Paar USB-Sticks kaufen, die nicht nur aussehen wie die Whites (siehe Abbildung), sondern auch noch das neue Album “Icky Thump” darauf gespeichert haben. (via)
Wie es der Zufall will, bleiben wir noch eine Nacht in Vancouver und befassen uns mit der Band The NewPornographers. Manchmal wird die Band auch als kanadische Indie-Supergroup bezeichnet, nicht nur weil in dieser Band so viele Musiker beteiligt sind, sondern auch, weil die Bandmitglieder alle auch in anderen Bands oder Projekten tätig sind: Dan Bejar bei Destroyer und Swan Lake, Kathryn Calder bei Immaculate Machine, Neko Case als Solokünstlerin und bei der Punkband Maow and Cub, John Collins bei The Evaporators, Kurt Dahle bei Limblifter und Age of Electric, Todd Fancey solo als Fancey (bitte nicht verwechseln mit Fancy) sowie ebenfalls bei Limblifter, Carl Newman solo als A.C. Newman sowie bei Superconductor und Zumpano, Nora O’Connor bei The Blacks und Andrew Bird’s Bowl of Fire. Blaine Thurier schließlich ist auch noch Independent-Filmer. Obwohl es hier eigentlich vor allem um die Pornographen gehen sollte, lohnt es sich natürlich auch, die Seiten der genannten Bands einmal anzusehen und in die dort produzierte Musik einmal hineinzuhören, zum Beispiel in die folgenden Tracks (via, via, via, via, via, via, via, via):
Nanu? Jetzt ist bald der ganze Platz vollgeschrieben, ohne dass die New Pornographers selbst zu Wort gekommen sind. Wahrscheinlich erzähle ich euch aber auch nichts neues, wenn ich sage, dass sie ein absolut hörenswerten und dabei höchst vielfältiges musikalisches Universum geschaffen haben, das sich grob zwischen Shoegazer-Anleihen (allein diese nach nach My Bloody Valentine klingenden Slidegitarren in “The Bones of an Idol”), Neofolk-Lagerfeuerpop und Britpop (vgl. zum Beispiel den an die Charlatans oder die Telescopes erinnernden Ohrwurm “Stacked Crooked”, das anscheinend von Damon Albarn inspirierte “Three Or Four” oder das wunderbare “Star Bodies”, ein klassischer Indietrack mit E-Piano, gelungen Chorusgesängen, der mich sehr stark an Pulp denken lässt) verorten lässt. Natürlich dürfen in diesem Repertoire auch Post-Rock-Stampfer wie “Twin Cinema” oder meditative Hippie-Kirtansongs wie “The Bleeding Heart Show” nicht fehlen. Mit den beiden bereits als mp3 veröffentlichten Tracks des kommenden Albums “Challengers” (”Myriad Harbour” - was für eine Gitarrenmelodie! - und “My Right Versus Yours”) scheinen sie sich etwas stärker in Richtung durchkomponierter, intelligenter Popsongs zu orientieren (andere nennen dies Softporno-Musik). Aber hört und urteilt selbst (via):
In wenigen Tagen (24. August) werden die New Pornographers (für uliuli die “superbste[ ] aller kanadischen Supergruppen”) jedenfalls ihre Challengers veröffentlichen und bislang habe ich eigentlich nur begeisterte Stimmen gehört. Marius Mayer zum Beispiel gibt nach dem Hören dieses ausgereiften “Indie-Pop, der perfekt zur Jahreszeit passt” eine “ausdrückliche Empfehlung” ab. Und wer sich jetzt ganz gewissenhaft durch die ganzen Songs gearbeitet hat, der kann wahrscheinlich auch nachvollziehen, warum diese Band (beziehungsweise: diese Supergruppe) bei mir unbedingt auf Platz sieben landen musste.
PS: Genießt den Aufenthalt in Vancouver noch ein bisschen, morgen werden wir die Stadt in Richtung Montréal verlassen.
UPDATE: Jetzt hatte ich ganz vergessen zu sagen, dass man sich das neue Album “Challengers” auf dem NP-MySpace als Stream anhören kann (via).
Die nächste Single der New Yorker Animal Collective wird “Peacebone” heißen und am 21. August erscheinen. Und wer bereits einmal das Cover gesehen hat (siehe Bild), der wird sich vermutlich fragen, wie denn bloß das dazugehörige Video aussehen könnte. Plötzlich sind auf YouTube zumindest schon einmal ein paar Making-Of-Filmchen aufgetaucht, in denen man zumindest einen ersten Eindruck davon bekommen kann, um was es in dem von Timothy Saccenti (u.a. tätig für The Battles, TV on the Radio, LCD Soundsystem, Peaches) gedrehten Video grob gehen wird (via).
[Videos leider nicht mehr auf YouTube]
Mein Fazit nach mehrmaligem Sichten des Materials: Wenn es um das gruseligsteMusikvideo geht, können die Herren Tare, Bear, Deakin und Geologist künftig ein Wort mitreden. Wenn auch gruselig auf eine andere Art.
Heute geht es in die dritte Runde unserer virtuellen Kanadareise. Und praktischerweise können wir gleich in der pulsierenden Metropole Vancouver bleiben, der wir einen derart düsteren und sensiblen Künstler wie Circlesquare zu verdanken haben. Heute geht es aber sehr viel lebenslustiger weiter. Obwohl: drogenlastig bleibt es auch weiterhin, denn die heute zu besprechende Band ist nicht nur bekannt für ihren sehr an die 60s und 70s erinnernden Rocksound, sondern sie haben ihrem Debüt mit “Druganaut” auch noch einen recht eindeutigen Titel gegeben (und leiten ihren Bandnamen ab von “a Mountain full of hash”). Interessanterweise ist die Band Black Mountain, die aus Amber Webber (Gesang), Matt Camirand (Bass), Jeremy Schmidt (Keyboards), Joshua Wells (Schlagzeug) und Stephen McBean (Gesang und Gitarre) besteht, nur ein Teil eines viel umfassenderen Musiker- und Künstlerkollektivs, das sich Black Mountain Army nennt und aus dem zum Beispiel auch die avantgardistischen Pink Mountaintops, die Indiefolkband Jerk With A Bomb oder das Duo Amber & Josh hervorgegangen sind. Matt beschreibt die BMA als: “a bunch of drunks in Vancouver who live within two blocks of each other and are creative and try and include each other in their creativity”.
Doch nun zur Musik ihres Albums “Black Mountain” (2005; der Nachfolger soll Anfang 2008 erscheinen). Eines ist klar: wir befinden uns hier ein gutes Stück entfernt von den kalten Großstadtsounds eines Circlesquare oder den unerwarteten Drum-and-Bass-Beats und ausgefeilten rhythmischen Konstellationen von The Most Serene Republic. Bei Black Mountain geht es konservativ zur Sache: der Maßstab sind die großen Rockbands der späten 60er und 70er Jahre. So erinnert “Modern Music” immer wieder an Velvet Underground, leitet dann aber über in einen Bulldozer-schweren Black-Sabbath-Riffrock. Aber der wohl wichtigste Einfluss scheint die Band Ten Years After zu sein, die immer wieder schwebende und leicht bekömmliche Orgelpassagen mit energetischem Bluesrock vermischt haben. Ganz deutlich meine ich diesen Einfluss in “Don’t Run Our Hearts Around” herauszuhören. Manchmal knüpfen sie dann auch an die psychedelische Tradition von Pink Floyd an und reduzieren den Sound nur noch auf leise Orgelklänge im Hintergrund (”Set Us Free”). Trotzdem verwenden sie ein avantgardistisches Element dann doch hin und wieder: ein sehr frei intonierendes Saxophon, mit dem sie zum Beispiel in “No Hits” an den frühen Freejazz des ESP-Labels erinnern. Das erwähnte “Druganaut” (hier als mp3) nimmt dagegen Funk- und Soul-Einflüsse (Curtis Mayfield) in sich auf, die dann mit schrägen Gitarrensoli und nostalgisch aus der Vergangenheit gegriffenen Led Zeppelin-Riffs kombiniert werden. Doch Black Mountain beziehen sich nicht einfach nur auf die Woodstock-Seeligkeit, sondern spielen eine Musik, in der das Altamont-Desaster und die Schattenseiten der Hippieära mitgedacht sind: “The most interesting part of the albums are certain touches that seem un-sinister turned druggy and sinister, such as hand claps and tasteful female backing vocals” (Song of the Day).
Besonders gelungen ist die hauptsächlich von Amber gesungene Gitarrenballade “Heart of Snow” (hier als mp3), die aus mehrmaligen Wechseln zwischen ruhigen Folkpassagen und rockigen Instrumentalteilen besteht. Fast am besten gefällt mir aber immer noch “No Satisfaction”, weil die Idee zunächst allzu frech bei den Rolling Stones geklaut wirkt, dann aber deutlich wird, dass dieser einfach gestrickte Song mit seinem Chorgesang, der etwas schiefen Flötenmelodie, dem hämmernden Klavier und dem stampfenden Beat eine sehr warme, ehrliche und runde Angelegenheit ist. Aber halt, bevor es jetzt Rockismus-Vorwürfe hagelt: in der ersten Nummer zeigen Black Mountain mit ironischen Textzeilen wie “1 2 3 - another pop explosion / 1 2 3 - another hit recording” wie sehr sie sich dann doch trotz aller musikalischen Nähen zum Blut-Schweiß-und-Tränen-Rock der 70er in der Gegenwart verorten und immer die Möglichkeit offen lassen, ihre Songs als Kommentar zu den Erwartungen an eine Rockband im 21. Jahrtausend zu lesen. So etwas weiß ich zu schätzen und setze diese Band deshalb auf Platz acht meiner Top Ten.
Zum Abschluss hier noch das Druganaut-Video (via):
Mit der heutigen Band, dem Platz neun meiner kanadischen Indie Top Ten, geht es weiter in eine Richtung, die auch in einigen Songs von The Most Serene Republic immer wieder anklingt (und die auch aus der drumm-and-bassigen Spielweise des Schlagzeugers herauszuhören ist): mit Circlesquare ab in das Reich der zeitgenössischen elektronischen Musik. Hierzu durchqueren wir das ganze Land von der Niagaragegend bis hin zur ehemaligen Goldgräbersiedlung und heutigen multikulturellen Großstadt Vancouver an der kanadischen Westküste - eine Stadt die zu den drei lebenswertesten Städten der Welt gezählt wird.
Ausgerechnet hier (oder gerade hier?) findet man einen Künstler, der nicht nur einen sehr düsteren Elektrosound produziert, sondern seine Stücke dann auch noch mit endzeitlich-aggressiven Titeln versieht: Die erste EP 1999 hieß “The Distance After”, 2003 folgte dann das Album “Pre-Earthquake Anthem” und 2005 eine weitere EP mit dem Titel “Fight Sounds” - eine Auswahl von vier Songs gibt es wie so oft auf MySpace zum Anhören. Mich erinnern diese militärisch schweren Downbeats und kalten Sprechgesänge (”just how long will these days take waiting for an earthquake” heißt es zum Beispiel auf “7 Minutes”, dem Track, der es immerhin in die US-Serie “Queer as Folk” geschafft hat) sehr an die letzten Veröffentlichungen der Two Lone Swordsmen. Aber die depressiv-paranoiden Synthlinien könnten auch in das klangliche Universum von Joy Division oder vielleicht sogar Depeche Mode passen. Circlesquare wurde 1995 von dem damals 25jährigen Skater Jeremy Shaw alias March 21 ins Leben gerufen, mit der expliziten Intention, Unruhe zu stiften: “Circlesquare’s primary interests lie in inciting slow-motion riots in imaginary suburban landscapes where all the electric buses are white and a nation of detached romantics feel very much at home. Best heard from the floor.” schreibt er über seine Musik. Daneben arbeitet Shaw auch als Multimediakünstler und hat zum Beispiel eine Videoinstallation mit dem Titel “DMT” (eine halluzinogene Droge, die Vorstellungen von “Reisen zu anderen Planeten, mystischen Gotteserfahrungen und außerkörperlichen Erfahrungen”, aber auch Durchfall hervorrufen kann) ausgestellt, die aus acht Videos von Personen, die sich gerade auf ebendieser Droge befinden, besteht.
Besonders eindrucksvoll finde ich das Video zu “Fight Songs Pt. 1″ (”Baby turn the lights down / This is strictly fight sounds”). Der Film ist schlicht, gar minimalistisch in Schwarz-Weiß gehalten und verzichtet weitgehend auf äußere Handlung oder eine Kulisse. Man sieht nur eine Person (vermutlich Jeremy Shaw) das Lied singen und sich zur Musik bewegen in wechselndem Licht und Schatten. Das Zusammenspiel des “synchronized stuttering edit to the syncopated beat” (Cliptip) ist hier hervorragend gelungen. Dann plötzlich stehen dort drei, vier Kopien von ihm und singen den stupiden Chorus “Na-na-na. Na-na-na-na”. Mit dem schwebenden Gitarrenteil in der Mitte explodiert dann ein Feuerwerk nach dem anderen auf dem Bildschirm, so dass der Kontrast zum dem folgenden Teil, in dem wieder nur die Person zu sehen ist, umso stärker ausfällt. Wie gesagt: äußerlich passiert nicht viel, aber die Leere einer enttäuschten Freundschaft habe ich selten besser dargestellt gesehen. Oder mit Travis’ Worten: “This is one of those rare occasions when the video actually takes the song to a whole different level” (Big Stereo).
Aber diese düsteren Songs sind nur eine Facette von Circlesquare. Daneben zeigt er immer wieder auch, dass er wunderbare klassische Indiehymnen schreiben kann, die sich ganz in der Nähe der frühen Verve und Sonic Youth bewegen. Dann mischt sich schon einmal die sphärisch verhallte Slidegitarre in den elektronischen Grime (zum Beispiel in “All Sleapers”). Diese Vielseitigkeit hat es mir wirklich angetan und deshalb landet Circlesquare bei mir auf Platz neun.
Worin liegt die Magie der Indiebands, die seit einigen Jahren von Kanada aus die Welt des Indiepop tüchtig umkrempeln. Es scheint, als könnten Musiker, die im Norden Amerikas aufgewachsen sind, besonders schwerelos, gleichsam en passant die Koordinaten des Indiesystems neu ausrichten. Ich möchte mich im POPLOG die nächsten zehn Tage auf eine Entdeckungsfahrt durch dieses Land begeben, dessen Fabelwesen vom neunköpfigen Musikerkommune bis zum Geigenrocker mittlerweile auch im fernen Deutschland immer bekannter werden, dessen grundlegende Geographie jedoch noch nicht vermessen scheint. Was ist kanadischer Indierock? Gibt es das überhaupt? Worin unterscheidet er sich von seinen südlichen oder europäischen Schwestern? Lässt sich eine derartige popmusikalische Kulturkreislehre überhaupt an so unterschiedliche Bands wie Arcade Fire und Death From Above 1979 anlegen? Oder muss man den genialen Individuen Respekt zollen, die sich hier rein zufällig eingefunden haben? Sind es gar Labels wie Arts&Craft oder Maple Music, die durch ihre Nachwuchsarbeit ihren Beitrag zu einer vibrierenden Szene leisten? Oder vielleicht sogar Organisationen wie die CIRPA? Wahrscheinlich werden am Ende gar keine Antworten auf diese Fragen stehen, sondern nur viele weitere Fragen. Aber ein Anfang ist dann vielleicht gemacht.
Nun aber zur heutigen Band, die ich auf Platz 10 meiner höchst subjektiven und wahrscheinlich viel zu spontan hingekritzelten Top Ten-Liste gesetzt habe: The Most Serene Republic aus Milton, Ontario. Die Stadt zählt gut 50.000 Einwohner und liegt eine gute halbe Autostunde westlich der Provinzhauptstadt Toronto, also ziemlich im Westen des Landes, am Rande des Niagara Escarpment (siehe Karte). Obwohl die Stadt Anfang des 21. Jahrhunderts dadurch Aufmerksamkeit erregen konnte, die am stärksten wachsende Gemeinde Kanadas zu sein, scheint in der Stadt gerade so viel los zu sein, dass The Most Serene Republic es im Miltoner Wikipedia-Eintrag unter die 14 wichtigsten Persönlichkeiten gebracht hat (u.a. neben Ron Featherstone, dem ersten Heizungselektriker Ontarios). Die Band trat 2004 mit ihrem Debütalbum “Underwater Cinematographer” in Erscheinung, das dann 2005 neu abgemischt und auf dem Arts & Craft-Label neu veröffentlicht wurde (auf der Homepage kann man alle Tracks anhören). Bei den Kritikern fand das Album überwiegend Lob, obwohl es für ein Debüt bisweilen als “too complex, too inquisitive, and too ambitious” (allmusic) wahrgenommen wurde. Aber zugleich als wohlwollender nerdiger Kontrast zu den anderen, eher hippiesquen A&C-Band: welche Indieband stattet ihre Platte schon mit Prolog und Epilog aus? Ryan Dombal bemerkt für Pitchfork treffend, dass “lead singer and trombonist Adrian Jewett has a thin, high-pitched delivery that sounds like an uber-stereotypical Trekkie singing latter-day Flaming Lips after one and a half Amstel Lights at the local suburban Toronto karaoke night.” 2006 erschied dann eine weitere EP (”Phages”), die sie während ihreren Tourneen mit Broken Social Scene, den Stars, Feist und The Strokes aufgenommen hatten, und am 2. Oktober soll mit “Population” das lang ersehnte zweite Album erscheinen. Die Musik der Band setzt zwar auf breite Gitarrenmauern, die aber immer wieder durch jazzige Passagen, Bläser oder ein kanonartiges Gewirr von Gesangslinien, wie es auch Animal Collective gerne einsetzen, durchbrochen werden. Aber sofort erkennt man The Most Serene Republic an ihrem Schlagzeuger, der mit hyperschnellen, an Drum and Bass oder IDB erinnernden Beats in die Lieder kracht und mit unregelmäßigen Takten und wechselnden Tempi die Komplexität der Musik steigert.
Immer wieder tauchen bei ihnen Referenzen auf ihre Heimatstadt auf: nicht nur spielen sie regelmäßig dort (zum Teil auch umsonst), sondern sie behaupten auch noch, dass ihre Musik von den “sprawling suburbs” in Milton beeinflusst sei. Und ab und zu meint man tatsächlich, diese Flachheit aus ihrer Musik herauszuhören, in der immer wieder neue Ideen ausprobiert, neue Wege eingeschlagen werden. “Sherry and her Butterfly Net”, der erste Track des neuen Albums (kann auf MySpace angehört werden oder hier als mp3, via), beginnt mit den immer wieder gern gehörten Orchesterprobensounds, darauf folgt ein verhalltes Pianointro und endlich der eigentliche Beat, eine recht schnelle Rocknummer mit Gitarrenwänden, die an Oasis erinnern. Aber diese straighten Elemente werden immer wieder unterbrochen durch synkopische Rhythmen und volksliedhaft deklamierte Gesangssequenzen. Man benötigt eine ganze Weile, um die Beziehungen der einzelnen Teile zueinander zu entschlüsseln. Erst mit etwas Abstand sieht man die gar nicht zufällige, sondern brilliant durchdachte Architektur dieses Songs. Das gefällt mir so gut, dass ich dieser Band unbedingt einen Platz in den Top Ten geben musste.
Auch meine Blogger-KollegInnen können die Ankunft des neuen Albums kaum mehr erwarten: PJ schwärmt von diesem “hug rush”, den ihm der Track gibt, während Matt zu dem Ergebnis kommt “well, it’s completely awesome” und auch The Sky Was Candy kann nur noch feststellen: “Whoa this is good!” Kate fasst in The Glorious Hum zusammen: “So direct, unfolding, the first sung words are “Play this song.” The result is breathtaking, but I can’t describe it, hearing it is a must. I can’t wait for the album.”
Zum Abschluss noch ein paar bunte Bilder aus dem Video zu “Content Was Always My Favorite Color” von ihrem ersten Album: