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Irrelevanz und Selbstreferentialität - Chronologie einer Debatte

13 comments August 13th, 2007

Es ist eines der Gesetze der Blogosphäre: Wenn alte und neue Medien aufeinander losgehen, ist gute Unterhaltung garantiert. Das war schon in der Klowand-Affäre so und ist auch heute noch der Fall, wenn zum Beispiel ein Autor in der SZ über die Irrelevanz der Weblogszene extemporiert (siehe auch hier). Für alle, die erst jetzt hineinschalten, hier eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Geschehens:

  • Samstag, 11. August
  • irgendwann Julie Paradise gibt bekannt, dass ihre FriseurIn-meets-WLan-Anekdote zum Aufhänger für einen SZ-Artikel geworden ist.
  • 9:46 Dorin Popa schimpft über den “typischen halbgaren Artikel, in denen Old-media-Autoren die Blogger zerfleischen”, der zu dieser Zeit noch gar nicht online verfügbar war.
  • morgens Christian zufolge hat der Autor “nicht im geringsten verstanden, worum es in der Blogosphäre geht: Der Leser ist heute nicht mehr auf ein umfassendes Nachrichtenangebot wie sueddeutsche.de angewiesen.”
  • Sonntag, 12. August
  • 12:41 Das Trierer Medienblog kann der Kritik grundsätzlich zustimmen, wehrt sich aber dagegen, die deutsche Blogosphäre auf die “100 prägenden Netztagebücher” zu reduzieren.
  • irgendwann Maingold rät der Süddeutschen, ihr “Top 100 Hitparadendenken” aufzugeben und mal wieder nachzuschlagen, was der Begriff “Subkultur” bedeutet.
  • ebenfalls irgendwann Die Thüringer Blogzentrale wirft ein schönes Zitat von Paul Klee in den Ring, nach dem es mit der Kunst wie mit dem Arabischen sei: “wenn man es nicht beherrscht, versteht man es auch nicht”.
  • 15:23 Retroaktiv wendet sich direkt an die SZ, wirft ihr ihre “wirren Thesen” vor und wirbt für eine friedliche Koexistenz zwischen Feedreader und Printpresse.
  • 16:15 Püttagoras meint, auch vier bis fünf Leser seien eine relevante Öffentlichkeit.
  • 16:36 “Schulterzuck” ist die erste Reaktion von Robert Basic auf den SZ-Artikel, bevor er dann dann seinerseits einem Teil der Printpresse (besonders dort, wo es um Computer geht) Irrelevanz unterstellt und abschließend der bedrohten Gattung des Journalisten noch ein paar mitfühlende Worte ausspricht.
  • 19:00 Die medienlese berichtet in ihrem Wochenrückblick über den Artikel und lobt das “spitzenmäßige” Wortspiel im Titel des Artikels.
  • 22:29 Neunzehn72 wirft dem Autor vor, das “Medium Internet und speziell die Blogs” gar nicht zu verstehen.
  • Montag, 13. August
  • 1:02 Ich bastle einen kleinen SZ-Ehrenbutton.
  • 6:09 Peter Hogenkamp erklärt in seinem Artikel ein paar Dinge wie den Long Tail der Blogosphäre oder die chronologische Anordnung in Weblogs, die in dem Artikel fehlen bzw. falsch dargestellt werden.
  • 8:27 “Irrevelant und Spaß dabei” wird das Blogmotto für diese Woche, erklärt der Webrocker.
  • irgendwann Der in dem Artikel zitierte Soziologe Jan Schmidt fühlt sich missverstanden und unterscheidet zwischen massenmedialen und persönlichen Öffentlichkeiten.
  • 9:02 Auch Stefan Niggemeier meldet sich jetzt zu Wort und veröffentlicht einen Brief an den Urheber, muss sich aber bemühen, “nicht polemisch zu werden angesichts der Diskrepanz zwischen der Überheblichkeit und Selbstwahrnehmung der „Süddeutschen Zeitung” und der Realität ihrer Berichterstattung im und über das Internet”.
  • 13:52 Thomas Gigold meint in der Blackbox WWW, dass der Artikel ein übliches Beispiel für die deutschen Journalisten sei, die sich immer mal wieder gerne “nach Herzenslust an der kleinen, unbedeutenden Blogwelt Deutschlands” auslassen.
  • 14:42 Frank Schrillmeier schweigt wortgewandt, “weil Relevanz zeigt, dass man gewisse Dinge, die generalisiert sind, nicht verhandeln muss.”

Konzertankündigungen (Manu Chao, Rufus Wainwright, Patrick Watson, The Editors, The Stars, Büro am Strand)

1 comment August 8th, 2007

mc.PNGWenn man aus dem Fenster schaut, könnte man fast meinen, er wäre schon da: der Herbst. Aber den richtigen Herbst erkennt man dieses Jahr mal wieder daran, dass es wummert, klingelt und scheppert in den deutschen Konzerthallen und -sälen. Zum Beispiel, wenn Manu Chao und sein Radio Bemba sich die Ehre geben (Karten jeweils 26,50 EUR zzgl. VVK, meine Karte liegt schon im Emailfach):

  • 19. Oktober 2007: Hamburg, Sporthalle
  • 21. Oktober 2007: Köln, Palladium
  • 25. Oktober 2007: Frankfurt, Jahrhunderthalle
  • 27. Oktober 2007: Berlin, Arena Treptow
  • 28. Oktober 2007: München, Zenith

Wer’s eher konzertant mag, für den sind vielleicht die Tourdaten von Rufus Wainwright interessant (Karten zwischen 32 und 40 EUR zzgl. VVK):

  • 5. Oktober 2007: Berlin, Volksbühne
  • 6. Oktober 2007: Düsseldorf, Schauspielhaus
  • 26. November 2007: München, Herkulessaal
  • 27. November 2007: Frankfurt, Alte Oper
  • 29. November 2007: Hamburg, Kampnagel

Alle Hamburger sind um ihre Gelegenheit zu beneiden, für nur 10 EUR (zzgl. VVK) dem wunderbaren Patrick Watson zuzuhören:

  • 14. September 2007: Hamburg, Uebel & Gefährlich

Aber auch die schwermütigen Postpopper The Editors kommen nach Deutschland und zwar an diesen Terminen (Karten zwischen 20 und 40 EUR zzgl. VVK):

  • 2. November 2007: Hamburg, Uebel & Gefährlich
  • 3. November 2007: Berlin, Postbahnhof
  • 7. November 2007: München, Elserhalle
  • 8. November 2007: Köln, Live Music Hall

Passend zu unserer Kanadaserie: The Stars:

  • 19. September 2007: Hannover, Cafe Glocksee
  • 20. September 2007: Berlin, Postbahnhof
  • 21. September 2007: Dresden, Scheune
  • 26. September 2007: München, Feierwerk
  • 27. September 2007: Hamburg, Reeperbahn-Festival
  • 27. September 2007: Köln, Gebäude 9
  • 28. September 2007: Hamburg, Reeperbahn Festival

Für die Hiphop-Fraktion gibt’s auch noch einen Leckerbissen, denn MC Winkel und sein Büro am Strand treten am Samstag in München auf (auch der Weltfrieden wird mit von der Partie sein):

  • 11. August 2007: München, Privée

Diese Konzerthinweise sind natürlich alle ohne Gewähr - man weiß ja, wie schnell so eine Tour abgesagt werden kann - und höchst unvollständig. Ich habe vor allem Künstler erwähnt, die auch im POPLOG regelmäßig vorkommen. Abseits dessen gibt es natürlich noch unendlich viel zu entdecken. Auf ins Getümmel!

Cellomaschine (Ulrich Maiss, Lou Reed)

Add comment August 6th, 2007

Ulrich Maiss (aka Cellectric), deutscher Cellist, wird am 24. November in Berlin das 64 Minuten dauernde Stück “CelloMachine” aufführen. Das Stück ist eine Variation über Lou Reeds Metal Machine Music, das seinerzeit (1975) den Beginn des Industrial markierte. Wie im Vorbild soll es auch in Maiss’ Version mit viel Tremolo und Feedback zur Sache gehen: “It is very loud. It is an extreme piece of performing art”. Auch Lou Reed hat gefallen an dem Projekt gefunden: “It’s like a rock approach to the cello - if you thought of the cello as a guitar with a feedback: off you go!”. Maiss’ Vorbereitungen für die Konzerte (ein bisschen ähnelt das Ganze dem Trainingsplan für einen Marathonlauf) dokumentiert er in seinem Podcast und außerdem per Video:

Kurvendiskussion (Curve, Curves)

Add comment July 26th, 2007

Früher war ich von Curve sehr angetan. Nicht nur, weil mir Mathe in der Schule eigentlich immer Spaß gemacht hat, sondern auch weil Doppelgänger einfach ein wirklich gutes Album gewesen ist. Insofern ist es sicher nachvollziehbar, dass ich jetzt etwas verwirrt bin, wenn aus Hamburg plötzlich eine Band hailt, die sich Curves nennt. Also quasi wie die Ur-Curve nur mit einer weiteren um 90° gedrehten Sinuskurve hintendran gehängt. Und dann liegen sie auch musikalisch gar nicht so sehr entfernt von dem Shoegaze-Universum von Spiritualized, The Jesus and Mary Chain und eben Curve. Gar nicht so schlecht, was die Hamburger da abliefern, wenn auch die Produktion noch nicht so ausgereift erscheint (naja, aber man will ja auch nicht so klingen):

Hier noch einmal zum Vergleich die Original-Curves, äh: Curve:

[via Coast is Clear]

Guerillafilm - Theorie und Methode (Thomas Bohns, Stefan Brönneke)

1 comment July 17th, 2007

Sehr vielversprechend sieht Thomas Bohns neue Webseite indie-stars aus, die künftig eine Heimat für all die schönen Independentfilme abgeben will, die wir uns unbedingt anschauen müssten (Tipp: Fuck Me! Fuck You! von Stefan Brönneke):

Auf indie-stars.de kann jeder Filmemacher seine unabhängig produzierten Filme vorstellen. Allerdings: Er muss alle Rechte an seinem Werk besitzen und darf mit seinem Werk nicht staatlich (z.B. Filmhochschulprojekte) oder vom Fernsehen finanziell gefördert worden sein. indie-stars.de prüft die eingehenden Filme auf o.g. Aspekte, und stellt sicher, dass bei ihnen ein Grundmaß an Professionalität gegeben ist.

Später sollen die Indies dann auch noch über Werbeeinnahmen mitfinanziert werden. Gutes Konzept. Nur: Was soll der Slogan “Home of the Brave” bedeuten?

[via Tristesse Deluxe]

Die Grünwalder Republik goes Aggro (Die Stehkrägen)

Add comment July 13th, 2007

Zur Zeit passiert ja einiges im Münchener Nobelvorort Grünwald. Jetzt tauchen auf einmal “Die Stehkrägen” auf und singen von den üblichen Alltagsobjekten der Grünwalder Republik: “Meine Rechnungen begleich ich nur mit schwarzer Express / Hab’ in Münchens Nobel-Läden all area access / Ist kein Wunder, dass die Frau’n bei meinem Anblick toben / Mein Lebensweg zeigt wie mein Kragen steil nach oben.” Ein abwechslungsreiches Kontrastprogramm zu Aggro Berlin? Ein Witz? Intelligente Satire auf die Berliner Szene oder eine neoroyalistische Verschwörung? Medien-Verschwörung? Eine Internet-Schnitzeljagd? Ein wohlstandskritisches Projekt Münchener Studenten? Offensichtlicher Studentenstreich?

Egak.

It had to be Götz (Götz Alsmann)

Add comment July 12th, 2007

alsmann.jpgIch habe heute leider gar keine Zeit zum Bloggen, aber das hier musste einfach sein, schließlich haben wir nicht viele Jazzer hier im Land, die bereits auf Blue Note veröffentlicht haben: Alles Gute zum Fünfzigsten, lieber Götz “Götzimausi” Alsmann!

Kratzer in der Metallmaschine (Zeitkratzer, Lou Reed, Iannis Xenakis)

1 comment July 10th, 2007

Im September gibt es gleich zwei Veröffentlichungen des Berliner Zeitkratzer-Ensembles um Reinhold Friedl auf dem Asphodel-Label. Zum einen die 2002er Aufführung von Metal Machine Music, dem avantgardistischen Noise-Werk von Lou Reed aus dem Jahr 1975, das damals eigentlich nur missverstanden wurde und nach drei Wochen vom Markt genommen wurde. Die überwiegend elektrische MMM wurde nun von den Zeitkratzern in eine Kammermusik-Variante übertragen. Mit der zweiten Veröffentlichung “Xenakis [a]live!” verbeugen sich Friedl und das Zeitkratzer-Ensemble vor dem griechischen Komponisten und Electronica-Pionier Iannis Xenakis (1922-2001). Auch hier bestand die größte Herausforderung darin, die elektronisch erzeugten Studio-Sounds mit den Mitteln klassischer Instrumente neu zu erfinden. Leider konnte ich keine Videos der Stücke finden, stattdessen aber dieser Mittschnitt vom Etnafest im Januar:

Atmosphäre heute (Ulrich Schnauss)

Add comment July 10th, 2007

schnauss.jpgOhne größeren Wirbel zu verursachen, hat der deutsche Popelektroniker Ulrich Schnauss sein neues Album “Goodbye” veröffentlicht. Damit kann die Trilogie, die mit “Far Away Trains Passing By” begonnen hat und mit “A Strangely Isolated Place” fortgeführt wurde, abgeschlossen gelten. Das neue Album hat Schnauss in relativer Abgeschiedenheit in seiner Heimatstadt Kiel aufgenommen. Ein Stilmittel, das er damit perfektioniert hat, ist das Übereinanderschichten von unzähligen Audiospuren um eine gewaltige Orchestralität zu schaffen - Eric Schneider spricht von einer “more-is-more aesthetic”, die sich nicht so sehr an dem Dancefloor, als vielmehr an Shoegazerbands wie My Bloody Valentine, Chapterhouse oder M83. Aber zugleich bewahrt er sich eine Leichtigkeit, so dass man sich dennoch nicht erschlagen fühlt.

Hier gibt’s eine Auswahl der Tracks zum Stop-and-Go-Hören. Wer nicht in Deutschland ist, kann hier das ganze Album streamen.

Tracklist:

  1. Never Be The Same
  2. Shine
  3. Stars
  4. Einfield
  5. In Between The Years
  6. Here Today
  7. Gone Tomorrow
  8. Song About Hope
  9. Medusa
  10. Goodbye
  11. For Good

Leider gibt’s anscheinend noch kein Video dazu, deshalb hier einen anderen Shoegazer-Klassiker:

“Kulturkampf” und “Synkopenstotterei”

Add comment July 8th, 2007

Auf den ersten Blick ist es paradox: die Unterhaltungsindustrie eines totalitären, rassistischen und durchmilitarisierten Landes wie Deutschland es im Dritten Reich gewesen ist, produzierte einen Hit nach dem anderen. Und viele dieser Hits sind auch heute noch, trotz aller Distanzierungen von dem Naziregime, konzert- und hitparadentauglich. Ja, man beschreibt die 30er und 40er Jahre sogar als goldenes Zeitalter der Unterhaltungsmusik. Diesem Spannungsfeld widmete sich Axel Jockwer 2005 in seiner sehr lesenswerten Dissertation “Unterhaltungsmusik im Dritten Reich”, die hier als pdf-Datei heruntergeladen werden kann.

Kopie der Kopie der Kopie (Tocotronic, Walt Disney)

Add comment July 5th, 2007

“In diesem Krieg sind alle Tricks erlaubt” singt Dirk von Lowtzow in dem wundervollen Track “Verschwör dich gegen dich” auf der neuen Platte, die jetzt endlich in das gleißende Licht der Öffentlichkeit getreten ist. Und am allerbesten passt dieser Spruch auf den Krieg formally known as Animationsfilmgeschäft. Wie Selbstzitate auf hohem Niveau aussehen können, wird hier deutlich. Danke für die Aufklärung.

[via BoingBoing]

Mit Bruce Lee und Picasso im Cyberspace (Michel Montecrossa, Heino, Heintje)

1 comment July 3rd, 2007

Heute mal ein kurzer Beitrag aus der Rubrik “Incredibly Strange Music“. Die üblichen Sammlungen seltsamster Musik legen den Schwerpunkt auf die US-amerikanische Popkultur, während die deutsche seltsame Musik meistens auf die üblichen Verdächtigen Heino oder Heintje reduziert wird. Dabei gibt es auch in der Gegenwart in Deutschland wunderbar schräge Musik. Zum Beispiel Michel Montecrossa. In der deutschen Wikipedia findet sich unter dem Lemma Aurobindo schon ein erster Hinweis auf den Musiker: “1969 machte der Künstler, Philosoph und Musiker Michel Montecrossa die Bekanntschaft mit Mira Alfassa, die sich zu einer kreativen Freundschaft entwickelte. Aus dieser Begegnung und den gemeinsamen Gesprächen entwickelten sich, in der Zeit von 1969 bis 1973, die Grundlagen für Mirapuri die Stadt des Friedens und des Zukunftsmenschen in Italien.” Mirapuri gibt es immer noch und dazu noch eine deutsche Dependance in Gauting bei München. Nun zur Musik. Montecrossa ist vielleicht dem ein oder anderen als leidenschaftlicher (”einzig wahrer”) Bob Dylan-Interpret bekannt. Und die Fachpresse zeigt sich immer wieder, na, beeindruckt über diese “alternative interpretations of the master’s work”. Aber seine Musik besteht nicht nur aus Dylan-Covers, sondern auch aus Eigenkompositionen, die Montecrossa selbst als “Cyberrock, futuristic Cyberrock” bezeichnet. Genauer: eine Mischung aus Bruce Lee, was die Musik angeht, und Picasso, was die Songtexte betrifft. Sagt Montecrossa. Und das klingt so:

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