Eine der spannendsten Filmkritiken hat Uwe Nettelbeck mit “Titanic Revisited” verfasst. Der ganze Text richtet die Aufmerksamkeit nur auf die Rolle der Hände in dem Film. Wer den Text einmal durchgelesen hat, kann sich Titanic nie mehr ansehen, ohne auf krumme Hände, gerade Hände, junge Hände, alte Hände, flehende Hände, helfende Hände, liebende Hände usw. zu achten. Etwas ähnliches könnte passieren, wenn man mit den “fünfzig besten Brüsten der Filmgeschichte” in “dieser Serie” (gedacht als Beitrag zum National Breast Cancer Awareness Month) durch ist. Von Mae West, mit der die weiblichen Kurven auf die Leinwand kamen, über Jane Mansfields “beeindruckendes 40D-Profil” bis zu “Double Agent 73″ Chesty Morgan.
(Abbildung: Hans von Aachen, “Allegorie von Friede, Kunst und Reichtum”, 1602, Detail, Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)
Gefragt danach, wo denn die psychedelische Rockmusik der 1960er und 1970er Jahre ihren Anfang genommen hat, würden wohl die meisten ohne mit der Wimper zu zucken antworten: San Francisco, Height/Ashbury. Tatsächlich waren es jedoch die 13th Floor Elevators aus dem texanischen Austin, die begonnen haben, Popmusik mit Drogenerfahrungen aller Art zu kreuzen und diesen Hybriden namens Psychedelic Rock heranzuzüchten, mit dem Bands wie die Grateful Dead, die Byrds oder Jefferson Airplane in den 1960ern auf diversen Hippiegatherings hausieren gingen. Die Elevators waren sogar die ersten, die ihre Musik als “psychedelisch” bezeichnet haben: Ihr erstes Album aus dem Jahr 1966 hieß “The Psychedelic Sounds Of The 13th Floor Elevators”.
Die Band schaffte es nur bis 1969, da ihre Bandleader, der geniale Roky Erickson, nach einer Verhaftung als psychisch krank (Diagnose: Schizophrenie) im Rusk State Mental Hospital wiederfand. Doch nach seiner Entlassung rappelte Roky sich wieder auf und erfand nebenbei mit dem Punk Rock ein neues Musikgenre. Über die Geschichte dieses Musikers hat Keven McAlester eine Dokumentation mit Titel “You’re Gonna Miss Me” gedreht. Hier der Trailer des Films sowie ein wundervoller Elevators-Song, der 1999 in der Cover-Version von Primal Scream eine Renaissance des Psychedelic Rock eingeleitet hat.
Auf den Tag genau vor zwei Jahren gewann Ang Lee mit “Brokeback Mountain” in Venedig den Goldenen Löwen. Der Film führte einem Millionenpublikum die jahrelang verdrängte Wahrheit vor Augen, dass das Genre seit seiner Anfangszeit in seiner zum Klischee geronnenen hypervirilen Frontierstereophonie (Pat Garrett und Billy the Kid, Ethan Edwards und Martin Pawley oder Benjamin Trane und Joe Erin, um nur willkürlich drei Pärchen herauszugreifen) immer (mehr oder weniger deutlich erkennbare) queere Spuren aufweist. Folgerichtig sieht man diese Spuren auch dort, wo es um die last frontier geht:
Hmm, vielleicht doch zu billig und blöd, dieses Video. Deshalb hier lieber noch einmal der Originaltrailer:
Für die heutige Band, die ich auf den dritten Platz meiner Kanada-Top-Ten gesetzt habe, bleiben wir noch einmal in Montréal. Wahrscheinlich ist es von allen in dieser Liste aufgeführten Bands diejenige, deren Einfluss am weitesten reicht. Nicht nur Nordamerika steht unter ihrem Einfluss, sondern auch in Europa, Australien und Asien gibt es Bands, die sich dieser Schule zurechnen würden. Trotz dieser enormen Reichweite ist sie fast überall eine Art Geheimtipp geblieben; ein Name, den man sich hinter vorgehaltener Hand zuraunt, wenn eine Band besonders abgefahrene Feedback- und Droneorgien veranstaltet: Godspeed You! Black Emperor.
Hier haben wir es mit einer Band der Extreme zu tun. Nicht nur sind ihre Songs mitunter so lang, dass gerade einer davon auf eine LP-Seite passt, sondern es kann bei ihnen schon einmal vorkommen, dass sie einen Songtext von Iron Maidens “Virus” zitieren. Und gegen die Verästelungen und den Gestaltwandel, der einem hier begegnet, sind die bisher beschriebenen Musikerkollektive kleine Wanderzirkusse. Aber zunächst ein kurzer Rückblick auf 10 Jahre Godspeed. Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er Jahre, als sich Efrim, Mauro und Mike Moya zusammentun und als Trio eine Kassette aufnehmen. Von der ursprünglichen Auflage von 33 Stück ist Gerüchten zufolge noch das ein oder andere zu bekommen: wer also eine handbeschriftete Godspeed-Kassette auf dem Flohmarkt findet, sollte auf jeden Fall zuschlagen. In den Jahren 1995 bis 1996 erweiterte die Band sich dann zeitweise zu einem 14köpfigen Indie-Progrockorchester, bis sie 1998 einen stabilen Zustand mit neun ständigen Mitglieder erreichten: die beiden Schlagzeuger Aidan Girt und Bruce Cawdron, die beiden Bassisten Thierry Amar und Mauro Pezzente, die drei Gitarristen Efrim Menuck, David Bryant und Roger-Tellier Craig, die Cellistin Norsola Johnson und die Violinistin Sophie Trudeau. Eigentlich müsst man auch noch den ein oder anderen 16mm-Projektor mit dazu rechnen, denn die Visuals sind von Anfang an ein wichtiger Bestandteil ihrer Shows gewesen.
Wenn man sich die Veröffentlichungsliste dieser Band ansieht, könnte man zunächst der Täuschung erliegen, dass diese Band für ihre Größe in den knapp zehn Jahren ihres Bestehens (1994 bis 2003) nicht besonders produktiv gewesen sei. Insgesamt wurden nur 12 Songs der Band jemals auf Vinyl gepresst. Das Debüt “F#A# ∞“, das drei Tracks enthält, hat die Band 1997 auf einem gemieteten 16-Spurgerät aufgenommen und später noch mit Fieldrecordings ergänzt. Darauf folgte 1999 die EP “Slow Riot For New Zero Kanada“, auf der sich zwei Songs befinden - einer von den beiden mit dem erwähnten Iron Maiden-Text. 2000 erschien dann das Doppelalbum “Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“, das insgesamt nur vier “Songs” enthält, mit denen die Band nun aber auch in einer etwas breiteren Indie-Öffentlichkeit international bekannt wurde. Außerdem enthält dieses Album mit “Storm” einen Track, der sich in epischer Breite in himmlische Sphären hocharbeitet und meiner Ansicht nach zu einem der besten Indieinstrumentals gehört, die je geschrieben wurden (ähnlicher Meinung ist Robosexual, der diesen Song zun zweitbesten Opener aller Zeiten zählt). Das letzte Album, Godspeed düsteres Spätwerk “Yanqui U.X.O.” (produziert von Steve Albini), erschien 2002. Im darauf folgenden Jahr erklärte die Band zwar nicht ihr Ende, aber eine Ruhepause von unbestimmter Dauer und die neun Musiker arbeiteten in ihren diversen irrealen Neben- und Soloprojekten weiter, darunter: Gybe!, Silver Mt. Zion/Tra La La Band, Bottleskup Flenkenkenmike, Bakunin’s Bum, 1-Speed Bike, Exhaust, Fly Pan Am, Et Sans, Set Fire to Flames, Hrsta, Molasses, Esmerine, Balai Mécanique, ‘Gypt Gore, Sam Shalabi und Shalabi Effect.
Leider wird allzu oft der politische Gehalt von Godspeed ausgeblendet, obwohl es sich dabei um einen der spannendsten Aspekte der Band handelt. Die langen, hypnotischen Songs der Artrockband sollen schließlich nicht allein dem Geschmack der Indieszene entsprechen, sondern immer wieder auch als Kommentare zur aktuellen Lage in Wirtschaft und Politik gelesen werden - wenn nicht gar als Aufforderung zum Widerstand gegen den neoliberalen Kapitalismus. Wahrscheinlich sind Godspeed außerdem eine der ganz wenigen Pop-Bands in der Tradition zum Beispiel der Fugs, die darauf zielen, Gesellschaftskritik und die Vision einer besseren Welt allein mit musikalischen Mitteln auszudrücken (sieht man einmal von den eindeutigen Referenzen auf anarchosyndikalistisches Denken im Artwork der Band ab, also von dem Molotovcocktail auf “Slow Riot”, dem Bomber auf dem Cover von “Yanqui” oder der Skizze der Verflechtungen zwischen den großen Musik- und Medienkonzernenauf der Rückseite). Denn bis auf Sprachsamples aus Alltagssituationen oder obskuren Filmen besteht das Werk der Band allein aus Instrumentalstücken. DJErnesto (Intro) stellt dazu fest: “Zwischen den Tönen schimmern Nuancen von einer besseren Welt, erzählt der getragene Gestus mit einer Gänsehaut fabrizierenden Eindringlichkeit von den Möglichkeiten der individuellen Handhabe und auch von Gesellschaft”.
Genau in diesem Schweigen der Worte kann allerdings auch eine unvermutete Stärke liegen. So vermutet etwa der Independent in seiner Rezension von “Lift Your Skinny Fists …”, dass “their wordlessness embodies a greater political statement than all the proselyti sing of Gillespie or Bono”. Der NME dagegen vermisst eine optimistische Vision und zeichnet Godspeed als tragische Idealisten, deren mythische (oder nach Felix Klopotek kryptisch-dumpfe) Vision einer anderen Welt zwangsläufig in depressiven, wenn nicht sogar apokalyptischen Tönen untergeht (vor denen man dann schon einmal “ehrfürchtig niederknien” oder gar eine Gotteserfahrung haben kann). Brad Weslake befasst sich in einem längeren lesenswerten Essay mit dem politischen Gehalt der Band und beschreibt dieselbe Beobachtung als nahezu zwangsläufig sich ergebendes Dilemma der anarchistischen Politik des Chaos. Möglicherweise liegt jedoch gerade in diesem merkwürdigen Untergangsoptimismus der Godspeed-spezifische Ausweg aus der Zwickmühle “of creating a positive force that doesn’t reproduce the structures (and therefore failings) of the institutions that are being opposed”: hinter dem Chaos die Hoffnung. Doch es ist nicht nur (Bakunin’sche) Theorie, was von der Band kommt, denn sie sind auch auf Grassrootsebene als Aktivisten tätig, ob es um den G7-Protest geht oder um die Bekämpfung der Armut vor Ort.
Glücklicherweise existieren mittlerweile auch digitale Versionen der ursprünglich nur auf Vinyl veröffentlichten Alben und EPs. Und einige Stücke und Livekonzerte sind im Netz verfügbar, so dass ich abschließend noch ein paar Links auflisten kann, die das Erlebnis Godspeed et al. zumindest akustisch spürbar machen:
Willkommen im Poplog-Nachtprogramm. Sexszenen gab es in dem Filmrätsel, das jetzt schon einige Tage durch die Blogosphäre tobt, bislang noch nicht. Dabei sind sie es doch, die häufig darüber entscheiden, ob ein Film als Skandal in die Geschichte eingehen wird (man denke an Donald Sutherland und Julie Christies Sexszene in “Wenn die Gondeln Trauer tragen” von Nicolas Roeg) oder nicht. Für Leute die von Sexszenen nicht genug bekommen können, hat IFC News in Kooperation mit Nerve jetzt eine Hitliste der 50 besten davon erstellt. Von 1896 bis 2006. Und woran erkennt man eine gute filmische Sexszene? Die Autoren drücken es nach vielen “durchgearbeiteten Nächten” so aus: “we just know it when we see it, whether it shocks us, titillates us, turns us on, breaks our hearts or confounds our expectations.” Hier gibt’s die Plätze 50-46, 45-41, 40-36, 35-31, 30-26, 25-21, 20-16, 15-11, 10-6, 5-1. Ein beachtlicher Teil davon sogar mit Videoausschnitten. Was ist eure Nummer eins? (via)
Es war ein heißes Finish, eine echte Massenankunft. Da zählt jeder Tropfen Eigenblutdoping auf den letzten Zentimetern. Da die letzte Etappe an mich ging - zwar geraten, aber ich werde mir den Film anschauen, versprochen! - gibt es an dieser Stelle nun auch ein kleines Quiz.
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Wer das errät (heute aber eher nicht mehr, ich bin müde), kann das Filmrätselstöckchen mitnehmen und die laaaaaaaaange Kette fortsetzen.
UPDATE: Dass es sich hier um die Winterreise (toller Film) handelt, hat Norman erraten. Deshalb bitte ich alle Filmrätselfreunde, dem Stöckchen hierhin zu folgen. Und wer sich in den nächsten Tagen mal einen Afrika-Film ansehen will, wird in den Kommentaren hier sicher fündig werden.
Ich geb’s zu: die Überschrift “Strandträume” ist Kitsch. Da sind wir uns wahrscheinlich alle einig. Aber sie passt so wunderbar zu der Band, auf die ich nun hinweisen will: Die australischen Surf-Legenden “Tim Gaze Band” (Homepage 1996). Gerade ist die Platte “Band on the Run” aus dem Jahr 1979 (damals der Soundtrack zu einem eher weniger erfolgreichen Surf-Film mit Rabbit Bartholomew) wieder aufgelegt worden und auf iTunes oder Napster verfügbar. Und es lohnt sich wirklich, da einmal hineinzuhören. Zwar ist der Chorus auf den Gitarren etwas zu dick aufgetragen und die die Mischung aus Westcoast und Softsoul ist nicht mehr zeitgemäß, aber dennoch eine interessante Mischung aus der Leichtigkeit der Surfmusik (z.B. “Rivers” mit seinen Anklängen an “Hotel California” von den Eagles), langen psychedelischen Songs à la Pink Floyd (”Bermuda”, “Oceans”) und tanzbaren Discosongs (”Brothers and Sisters”, “Mauritius”). Am besten sind sie in den Liedern, die einfach nur Popsongs sein wollen und nichts mehr (”Lazy Day Fever”, ein wirklich runder Song!) Tim Gaze, der zuvor bei “Tamam Shud” spielte, ist an der Leadgitarre zu hören, Robbie France-Shaw am Schlagzeug, Harry Curtis am Bass, Peter Bolton am Synthesizer und Annette Henery singt die Hintergrundstimme. Hier kann man einen zweiminütigen Ausschnitt aus jedem Song anhören. Und hier ist der sehr stimmungsvolle Anfang einer Dokumentation über australische Surfmusik, in der auch Tim Gaze vorkommt. Leider bricht der Film (bei mir) nach der Hälfte ab:
Sehr vielversprechend sieht Thomas Bohns neue Webseite indie-stars aus, die künftig eine Heimat für all die schönen Independentfilme abgeben will, die wir uns unbedingt anschauen müssten (Tipp: Fuck Me! Fuck You! von Stefan Brönneke):
Auf indie-stars.de kann jeder Filmemacher seine unabhängig produzierten Filme vorstellen. Allerdings: Er muss alle Rechte an seinem Werk besitzen und darf mit seinem Werk nicht staatlich (z.B. Filmhochschulprojekte) oder vom Fernsehen finanziell gefördert worden sein. indie-stars.de prüft die eingehenden Filme auf o.g. Aspekte, und stellt sicher, dass bei ihnen ein Grundmaß an Professionalität gegeben ist.
Später sollen die Indies dann auch noch über Werbeeinnahmen mitfinanziert werden. Gutes Konzept. Nur: Was soll der Slogan “Home of the Brave” bedeuten?
Wenn immer mehr Atomkraftwerke (klingt irgendwie dramatischer als Kernkraftwerke) Inkontinenzprobleme haben (danke, fefe) ist es an der Zeit, sich in die Sommerpause zu verabschieden. Meint zumindest Rainald Goetz. Man könnte allerdings auch eines der feinen Sommerfestivals besuchen wie zum Beispiel das MusikfestBerlin 07 mit den großen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts Ives, Debussy und Varèse oder das Internetfilmfestival (klingt fast so schön wie Atomkraftwerk) webcuts.07. Oder man schnallt sich sein Baby an den Bauch und spielt ein paar Takte Rockmusik vor johlendem Publikum. So geschehen auf dem Citysol-Festival in NYC (Wer war’s? Syd Butler, Bassist von Les Savy Fav.)
Anfangs hat es doch einigeein bisschen verwirrt, dass Cate Blanchett eine der Bob-Dylan-Rollen in seiner filmischen Biographie “I’m Not There” übernehmen sollte. Wenn man die ersten Ausschnitte daraus sieht, merkt man, dass hier wirklich eine passende Schauspielerin gefunden wurde.
Erotik, Sex, Vampire, Parties, spanische bis japanische Musik, geheimnisvolle Frauen - die Kurzzusammenfassung eines Quentin Tarantino-Films? In diesem Fall nicht. Stattdessen geht es um das berühmt-berüchtigte Transgender-Frühwerk “FlamingCreatures” (download) des US-amerikanischen Off-Regisseurs Jack Smith (1932-1989). Dieser Film wurde so ziemlich überall dort, wo er gezeigt wurde, sofort verboten (und dürfte es in den USA sogar immer noch sein). Dank ubuweb können wir nun nachvollziehen, warum Smith als einer der Begründer der Camp-Ästhetik gilt. Faszinierend ist auch sein Einsatz von Musik in der langen Schlussszene des Films, wo der Soundtrack eines alten Hollywood-Ali-Baba-Films gleichzeitig mit zeitgenössischer Radiopopmusik läuft - ein verstörender Effekt. Zu den Bewunderern von Smiths Arbeiten gehören unter anderem Laurie Anderson, Robert Wilson und John Waters.