Mit der heutigen Band, dem Platz neun meiner kanadischen Indie Top Ten, geht es weiter in eine Richtung, die auch in einigen Songs von The Most Serene Republic immer wieder anklingt (und die auch aus der drumm-and-bassigen Spielweise des Schlagzeugers herauszuhören ist): mit Circlesquare ab in das Reich der zeitgenössischen elektronischen Musik. Hierzu durchqueren wir das ganze Land von der Niagaragegend bis hin zur ehemaligen Goldgräbersiedlung und heutigen multikulturellen Großstadt Vancouver an der kanadischen Westküste - eine Stadt die zu den drei lebenswertesten Städten der Welt gezählt wird.
Ausgerechnet hier (oder gerade hier?) findet man einen Künstler, der nicht nur einen sehr düsteren Elektrosound produziert, sondern seine Stücke dann auch noch mit endzeitlich-aggressiven Titeln versieht: Die erste EP 1999 hieß “The Distance After”, 2003 folgte dann das Album “Pre-Earthquake Anthem” und 2005 eine weitere EP mit dem Titel “Fight Sounds” - eine Auswahl von vier Songs gibt es wie so oft auf MySpace zum Anhören. Mich erinnern diese militärisch schweren Downbeats und kalten Sprechgesänge (”just how long will these days take waiting for an earthquake” heißt es zum Beispiel auf “7 Minutes”, dem Track, der es immerhin in die US-Serie “Queer as Folk” geschafft hat) sehr an die letzten Veröffentlichungen der Two Lone Swordsmen. Aber die depressiv-paranoiden Synthlinien könnten auch in das klangliche Universum von Joy Division oder vielleicht sogar Depeche Mode passen. Circlesquare wurde 1995 von dem damals 25jährigen Skater Jeremy Shaw alias March 21 ins Leben gerufen, mit der expliziten Intention, Unruhe zu stiften: “Circlesquare’s primary interests lie in inciting slow-motion riots in imaginary suburban landscapes where all the electric buses are white and a nation of detached romantics feel very much at home. Best heard from the floor.” schreibt er über seine Musik. Daneben arbeitet Shaw auch als Multimediakünstler und hat zum Beispiel eine Videoinstallation mit dem Titel “DMT” (eine halluzinogene Droge, die Vorstellungen von “Reisen zu anderen Planeten, mystischen Gotteserfahrungen und außerkörperlichen Erfahrungen”, aber auch Durchfall hervorrufen kann) ausgestellt, die aus acht Videos von Personen, die sich gerade auf ebendieser Droge befinden, besteht.
Besonders eindrucksvoll finde ich das Video zu “Fight Songs Pt. 1″ (”Baby turn the lights down / This is strictly fight sounds”). Der Film ist schlicht, gar minimalistisch in Schwarz-Weiß gehalten und verzichtet weitgehend auf äußere Handlung oder eine Kulisse. Man sieht nur eine Person (vermutlich Jeremy Shaw) das Lied singen und sich zur Musik bewegen in wechselndem Licht und Schatten. Das Zusammenspiel des “synchronized stuttering edit to the syncopated beat” (Cliptip) ist hier hervorragend gelungen. Dann plötzlich stehen dort drei, vier Kopien von ihm und singen den stupiden Chorus “Na-na-na. Na-na-na-na”. Mit dem schwebenden Gitarrenteil in der Mitte explodiert dann ein Feuerwerk nach dem anderen auf dem Bildschirm, so dass der Kontrast zum dem folgenden Teil, in dem wieder nur die Person zu sehen ist, umso stärker ausfällt. Wie gesagt: äußerlich passiert nicht viel, aber die Leere einer enttäuschten Freundschaft habe ich selten besser dargestellt gesehen. Oder mit Travis’ Worten: “This is one of those rare occasions when the video actually takes the song to a whole different level” (Big Stereo).
Aber diese düsteren Songs sind nur eine Facette von Circlesquare. Daneben zeigt er immer wieder auch, dass er wunderbare klassische Indiehymnen schreiben kann, die sich ganz in der Nähe der frühen Verve und Sonic Youth bewegen. Dann mischt sich schon einmal die sphärisch verhallte Slidegitarre in den elektronischen Grime (zum Beispiel in “All Sleapers”). Diese Vielseitigkeit hat es mir wirklich angetan und deshalb landet Circlesquare bei mir auf Platz neun.
Christoph Braun empfiehlt auf spex.de, in die neue Remix-Sammlung Surf Boundaries Addendum des Gitarristen und Laptopkünstlers Christopher Willits aus San Francisco (schon wieder Kalifornien) hineinzuhören, die es hier zum kostenlosen Download gibt. Darauf findet man neben diesen zwei Tracks auch noch drei Videos:
The Dead Texan (Kranky) remix of “Colors Shifting”
To Rococo Rot’s Robert Lippok (Domino) remix of “Yellow Spring”
Ich empfehle, dazu diese, diese und diese Bilder auf sich wirken zu lassen [danke, Urban Desire, information aesthetics, Surveillance Studies]. Und wer mit langsam mäandernden, schwebenden Ambientklängen und Elektrogeraschel nichts am Hut hat, der wird vielleicht bei MC Winkel fündig. Keine Surfmusik, aber immerhin was mit Strand.
Seit 1994 ist der von der Fluxus-Bewegung inspirierte Gintas Kraptavicius (kurz: Gintas K) in der experimentellen Musikszene Litauens zu Hause. Nicht nur war er Mitglied der Litauischen Industrialband “Modus” (zwei Alben gibt es hier und hier zum Download), sondern hatte auch auf dem Radiosender “Kapsai” eine eigene Alternative-Sendung mit dem Titel “The Ways and Mistaken Pathways“. Seit 1999 arbeitet er vor allem als Soundkünstler mit minimalistischen Sounds von der guten alten Sinuswelle bis zu Lärm, digitalen Artefakten (”glitches”), Mikrowellen und Vibrationen. Gerade ist seine achte Veröffentlichung “13 Tracks” auf dem New Yorker Label Percepts erschienen, die (wie sollte es sonst seine) auch 13 Stücke enthält. Das erste Mal präsentiert wurde das Werk auf der Transmediale.07.
Einer der ganz großen Pioniere der elektronischen Musik in Frankreich ist mittlerweile fast in Vergessenheit geraten: Richard Pinhas, der nicht nur mit der Elektrorockgruppe Heldon (vorher: Schizo) eine ganz eigene Musik zwischen Progrock, Krautrock, Ambient und Minimal-Music im Stil von Terry Riley schuf, sondern auch für seine Zusammenarbeit mit dem Philosophen Gilles Deleuze bekannt war (Pinhas führt mit Webdeleuze eine der interessantesten Webseiten über Deleuze). Seine dritte Soloplatte “Iceland” gilt als seine beste, ich höre gerade die Zusammenarbeit mit dem französisch-katalanischen Künstler PascalComelade, “Oblique Sessions II” (1999) mit großem Genuss rauf und runter. Auf dieser Seite gibt’s nicht nur ein Interview mit Pinhas, sondern auch eine mp3-Aufnahme einer seiner Projekte mit Deleuze.
Hier gibt’s ein paar schöne Tracks der christlichen Vorzeigeelektroniker Justice, die sich gerade auf ihrer Welttournee befinden, zum Herunterladen und hier gibt es nochmal dasselbe für die US-Vorzeigebritpopper Voxtrot (Blog):
Im September gibt es gleich zwei Veröffentlichungen des Berliner Zeitkratzer-Ensembles um Reinhold Friedl auf dem Asphodel-Label. Zum einen die 2002er Aufführung von Metal Machine Music, dem avantgardistischen Noise-Werk von Lou Reed aus dem Jahr 1975, das damals eigentlich nur missverstanden wurde und nach drei Wochen vom Markt genommen wurde. Die überwiegend elektrische MMM wurde nun von den Zeitkratzern in eine Kammermusik-Variante übertragen. Mit der zweiten Veröffentlichung “Xenakis [a]live!” verbeugen sich Friedl und das Zeitkratzer-Ensemble vor dem griechischen Komponisten und Electronica-Pionier Iannis Xenakis (1922-2001). Auch hier bestand die größte Herausforderung darin, die elektronisch erzeugten Studio-Sounds mit den Mitteln klassischer Instrumente neu zu erfinden. Leider konnte ich keine Videos der Stücke finden, stattdessen aber dieser Mittschnitt vom Etnafest im Januar:
Ohne größeren Wirbel zu verursachen, hat der deutsche Popelektroniker Ulrich Schnauss sein neues Album “Goodbye” veröffentlicht. Damit kann die Trilogie, die mit “Far Away Trains Passing By” begonnen hat und mit “A Strangely Isolated Place” fortgeführt wurde, abgeschlossen gelten. Das neue Album hat Schnauss in relativer Abgeschiedenheit in seiner Heimatstadt Kiel aufgenommen. Ein Stilmittel, das er damit perfektioniert hat, ist das Übereinanderschichten von unzähligen Audiospuren um eine gewaltige Orchestralität zu schaffen - Eric Schneider spricht von einer “more-is-more aesthetic”, die sich nicht so sehr an dem Dancefloor, als vielmehr an Shoegazerbands wie My Bloody Valentine, Chapterhouse oder M83. Aber zugleich bewahrt er sich eine Leichtigkeit, so dass man sich dennoch nicht erschlagen fühlt.
Der britische Aktionskünstler Genesis P-Orridge (bürgerlich: Neil Andrew Megson) hat nun mit seinem subversiven Voice-Dub-Experiment Thee Majesty (zusammen mit Bryin Dall) eine neue Platte (”Vitruvian Pan“) veröffentlicht. Ein paar (leider viel zu kurze) Ausschnitte können auf Brainwashed angehört werden.
In der 20. Ausgabe (gerade ist übrigens die Doppelnummer 21+22 herausgekommen) des österreichischen Retrocomputing-Magazins Lotek64 ist ein schönes Interview mit Joachim Wijnhofen alias Yogi Bear, der neben Rob Hubbard, Martin Galway, Ben Daglish, Jeroen Tel und Chris Hülsbeck wohl zu den Meistern der klassischen 8bit-SID-Musik gehört. Über das “illustre Banana Team”, seine erste Szenegruppe sagt er heute:
Das waren wirklich Lamer-Zeiten. Abgekackte Demos haben wir gemacht: ein Koala-Bild, ’ne gerippte Musik drunter und ein Border-Effekt, und das haben wir wirklich toll gefunden! Wir wussten noch nicht mal, was Crunching ist, da wurde ein PRG von 170 Blocks draus!
Zwar ist dieser Clip zu Röyksopps “Remind Me” schon etwas älter, gehört für mich aber nach wie vor zu den schönsten Antworten auf die Frage “In welcher Welt leben wir eigentlich?”
Manchmal ist es schwer, die feine Linie zwischen Incredibly Strange Music und Kunst zu ziehen. Bei den unter CC-Lizenz veröffentlichten akusmatischen Werken der “Aural Initiative, die sich selbst als “schizophrenic collective” bezeichnet (”The Adventures of Al Babaloo Along the Sonic Highway”, “ni aga de nots” und dem gerade frisch veröffentlichten “circle of strangers”) bin ich da noch zu keinem Ergebnis gekommen. Es klingt auf jeden Fall weird. Sehr weird. Für “Sonic Narcotics”-Einsteiger noch eine kurze Warnung: die Stücke auf der Seite sind ganz normal verlinkt, obwohl man das nicht sieht. Einfach draufklicken was das Zeug hält. Und dann bitte ein kurzes Statement an mich, ob Kunst oder Freakshow.