Reifeprüfung (Kanye West)
September 11th, 2007
Hier nun der zweite Teil des Hiphop-Doppels, das an dieser Stelle begonnen hatte. Nach dem misslungenen Werk von 50 Cent geht es jetzt um Kanye Wests drittes Studioalbum “Graduation”, das, um es schon einmal vorweg zu sagen, rundum überzeugt. In diesem Album schafft es West, wirklich weirde Einflüsse zu einer ganz eigenen Art von Hiphop - “zwischen cool und progressiv” - zu formen, die vermutlich in den nächsten Jahren Schule machen wird. Die verarbeiteten Samples reichen dabei von Daft Punks “Harder, Better, Faster, Stronger” über “Long Red” von Mountain und “Kid Charlemagne” von Steely Dan bis hin zu “Sing Swan Song” aus dem Werk der deutschen Krautrocker Can. Diese Breite und Virtuosität zu überbieten, dürfte schwerfallen.
Der erste Song “Good Morning” ist mit seiner ultrapoppigen Melodieführung und Harmonik der perfekte Opener und legt den Grundstein für eine ganze musikalische Welt. Der Track wird dominiert von der schmachtenden, an die Beach Boys erinnernden Gesangslinie, die aus Elton Johns “Someone Saved My Life Tonight” entliehen wurde. Während sie bei Elton John ein kurzes Zwischenspiel darstellt, klingt sie bei West ambivalenter. Nicht mehr reine Essenz von Fröhlichkeit, sondern ein Ausflug in Dur-Harmoniken in einem ansonsten in Moll gehaltenen Track.
Der Text ist ein weiteres wundervolles Beispiel für die Selbstreflexivität von Kanye West. Diese Haltung ist eine der zentralen Ursachen dafür, dass zwischen ihm und 50 Cent Welten liegen. Viele mögen Wests Musterschüler- oder Strebereinstellung nicht. Immer wieder hat er zu öffentlichen Anlässen gezeigt, wie ehrgeizig er ist und wie schnell er frustriert ist, wenn er einmal nicht auf dem ersten Platz steht. Ich erinnere nur an die spektakuläre Aktion, mit der er auf der MTV Europe Music Awards-Feier gegen die Preisvergabe an Justice und Simian protestierte. Das Schöne an Wests Musik ist jedoch, dass er immer wieder offen und selbstkritisch, aber mit einem ausgeprägten Gespür für humoristische Distanz auf seine Fehler eingeht. Gerade in der Welt des Hiphop, die sich schon längst an die übertriebenen Aggrobiographien der Gangsta-Selbstdarsteller gewöhnt hat, überrascht diese ambivalente Haltung: “Kanye West is following his own awkward path to super-stardom; his “ego” may get the attention, but he’s laughing all the way to the bank” (popmatters).
Wenn Hiphop das CNN der Black Community ist, könnte man Kanye West als den Blogger der Black Community bezeichnen. Und weil’s so viel über Kanye West aussagt, hier noch einmal das alternative Video von Zach Galifianakis und Will Oldham zu “Can’t Tell Me Nothing”:
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2 Kommentare Kommentieren
1. Johannes | September 11th, 2007 at 12:08 pm
Ha! Das Video ist ja mal n Brüller
So, jetzt verlink ich den Artikel auch noch. Wie es sich gehört!
2. Vielohrsophen » Blo&hellip | September 11th, 2007 at 12:10 pm
[…] Plattenkritik beim POPLOG […]
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