Kanadaserie, Platz 1: Broken Social Scene

August 16th, 2007

kanada_11.pngNach einer kurzen Verschnaufpause findet die sommerliche Kanadaserie nun ihren Abschluss mit dem Spitzenreiter meiner Top Ten: Broken Social Scene. Im Vergleich zu den bisherigen Musikerkollektiven haben wir es mit dieser Supergruppe aus Toronto mit der “mother of them all” zu tun. Kaum vorstellbar, dass die Band einmal als Duo begann: 2001 nahmen Kevin Drew (zuvor bei KC Accidental) und Brendan Canning (aktiv unter anderem in den Bands By Divine Right, Blurtonia, Valley of the Giants, hHead und Len), allerdings mit zahlreichen Gastmusikern wie Justin Peroff (Junior Blue) oder Charles Spearin (Do Make Say Think, KC Accidental und Valley of the Giants), die später in Broken Social Scene eingemeindet werden sollten, ihr Debüt “Feel Good Lost” auf. Auf dem Album wird nur selten gesungen (”Passport Radio”) oder gesprochen (”Stomach Song”), es dominieren orchestrale Flächen, kunstvoll miteinander verwobende Jingle-Jangle-Gitarrenmelodien, Drones und ab und zu einmal ein Beat.

Um dieses Werk live aufführen zu können, holten sich die beiden weitere Musiker wie Andrew Whiteman (Que Vida und Apostle of Hustle), Jason Collett (Andrew Cash Band und Bird), Leslie Feist (Feist) und Emily Haines (Metric). Später kamen dann auch noch James Shaw (Metric), Evan Cranley (Stars und Gypsy Sol), Justin Peroff, John Crossingham, Amy Millan (Stars), Ohad Benchetrit (Do Make Say Think und The Hidden Camera, Sphyr), Martin Davis Kinack (Hayden und Transistor Sound & Lighting Co.), Jo-Ann Goldsmith, Torquil Campbell (Stars, Memphis), John Crossingham (Raising the Fawn), Lisa Lobsinger (Reverie Sound Revue) und Julie Penner (The FemBots, Do Make Say Think, Hylozoists und The Weakerthans) dazu und fertig war die 19-köpfige Unternehmung, die den kanadischen Indiepop mit dem Nachfolgewerk “You Forgot It in People” (2002/2003) eine neue Bedeutung geben sollte.

Wahrlich eine merkwürdige Dialektik, die hier am Werk ist: zunächst entsteht ein brilliantes und glasklares Album des Duos. Danach holen sie sich eine ganze Meute von Musikern, um die Stücke aufzuführen und stehen in diesem Moment vor dem ganz neuen Problem, wie man mit einem derart großen und multiinstrumentalischen Kollektiv umgeht, wie man es in die verhältnismäßig simplen und verständlichen Formen presst, die nach wie vor das Grundgerüst der Popmusik sind. An dieser Herausforderung sind Broken Social Scene gewachsen (und wachsen weiter), woraus dann letztlich ihre seltsame populär-avantgardistische Rolle entstanden ist. Klangschicht über Klangschicht sind in diesen Songs aufgetürmt, so dass der Hörer zum einen herausgefordert ist, will er die dahinterliegenden und sinngebenden Strukturen entschlüsseln, zum anderen wirkt diese muntere Genremischung dennoch an keiner Stelle gesucht oder allzu verkopft.

forgot.pngDas zweite Album der Band bedeutete den Durchbruch der Band, sowohl in den Augen der Kritiker als auch, was die Vermarktung betrifft. Nicht nur wurde es von vielen Kritikern als Album des Jahres gesehen, sondern es ist einer der seltenen Belege für einen plötzlichen Entwicklungssprung - nicht nur einer Band, sondern der Popmusik selbst. In dieser Hinsicht gehört dieses Album in eine Reihe mit Radioheads “OK Computer”, Pavements “Crooked Rain Crooked Rain” oder Sonic Youths “Daydream Nation”. Dass hier musikalisch eine echte Entwicklung geschehen ist, wird spätestens dann deutlich, wenn man versucht, die Musik von “You Forgot It in People” zu beschreiben: Folkiger Progrock? Athmosphärischer Postrock? Hippiesque Postelectronica? Experimenteller Dronepop? Krautrockiger Easy Listening-Sound? Charakteristisch für diese Musik sind nicht nur die langen Instrumentalpassagen, die feinen Bläserarrangements oder das pulsierende Schlagzeug, sondern ebenso der sphärische, oftmals unverständlich gelassene Gesang, dessen primäre Aufgabe nicht darin zu liegen scheint, dem Zuhörer die Songtexte zu vermitteln, sondern eher eine ganz spezifische Stimmung zu evozieren. Das Besondere an diesem Album ist, dass die Band nun einen Weg gefunden hat, das, was sie in ihrem Debüt an experimentellen Visionen skizziert hatte, mit den Mitteln des (mehr oder weniger) klassischen Songwritings und Orchestrierens auf eine ganz neue Weise ausdrücken. Eine Synthese, die überzeugt.

bss2.pngMittlerweile haben sie mit ihrem dritte Album “Broken Social Scene” (2005) eindrucksvoll demonstriert, dass sie nicht zu denjenigen Bands gehören, die aus dem Nichts heraus eine geniale Platte zaubern und dann ebenso schnell wieder verglühen - dass sie auf ihren Tourneen nicht auseinandergefallen sind, will bei dieser Gruppengröße wirklich etwas bedeuten. Aber was sag ich, selbst übertroffen haben sie sich mit diesem Album. Schon wieder. Nicht nur die RezensentIn in der Spex ist sich “so sicher wie selten, eine bedeutsame Platte gehört zu haben, dass ich es kaum in Worte fassen kann”, sondern auch Martin Büsser (vgl. auch seine interessante Analyse des neuen Kollektivdenkens in der Independent-Musik) erwähnt schwärmerisch “magische Momente, wie man sie vielleicht nur von einer Band wie Can her kennt, nämlich Passagen, bei denen man wesentlich mehr zu hören glaubt, als es tatsächlich zu hören gibt, bei denen sich die Summe aller Teile eben nicht mehr auf jene reduzieren lässt” bevor er zu seinem Gesamturteil kommt: “Faszinierende Platte”. Auch die Blogosphäre lobt dieses “FANTASTIC, yes, FANTASTIC, chaotic, beautiful, swirling, production-wise absolutely-spot-on, self-titled album” und Konzertbesucher wundern sich, dass “not even the magnitude of that show prepared me for how great this album is”. Und damit ist noch gar nichts gesagt über die diversen Soloprojekte der Bandmitglieder, die Zusammenarbeit mit anderen Musikgrößen wie J. Mascis oder über kunstvollen Neuinterpretationen von Kinderliedern.

Ich muss sagen, ich habe richtig Angst vor dem nächsten Album der Broken Social Scene. Wenn man die bisherige Entwicklung interpoliert, kann nicht weniger dabei herauskommen als eine Grenouillesche Musik, die so schön und gelungen ist, dass man sie gar nicht mehr anhören kann. Weil es lange nicht mehr vorgekommen ist, dass mir eine Band Angst macht, ist es mir nicht schwergefallen, diese Gruppe auf den ersten Platz zu setzen.

The End

Entry Filed under: kanada, serie, pop, folk, indie, 00s

3 Kommentare Kommentieren

  • 1. pasQualle  |  August 16th, 2007 at 10:07 pm

    Ich kann es nicht glauben, dass hier noch niemand kommentiert hat. Meine Begeisterung für deine großartige Arbeit in der gesamten Kanada-Serie lässt sich kaum in Worte fassen.
    Chapeau!

  • 2. juliaL49  |  August 17th, 2007 at 9:55 am

    War ja sowas von klar :-) Werde mir gleich noch mal die Songs anhören…

  • 3. benedikt  |  August 17th, 2007 at 6:39 pm

    @pasQualle: errötenden Dank!

    @Julia: dann mal viel Vergnügen dabei!

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