Kanadaserie, Platz 2: Arcade Fire
August 15th, 2007
Bühne frei für den Zweitplatzierten meiner kanadischen Indie-Top-Ten: die phänomenalen Arcade Fire. Wie unsere beiden vorangegangenen Bands stammt auch dieses siebenköpfige Rockorchester - Sänger Win Butler, seine Frau Régine Chassagne, Richard Reed Parry, der Bruder des Sängers William Butler, Tim Kingsbury, Sarah Neufeld und Jeremy Gara - aus Montréal in der französischsprachigen Provinz Québec. Eigentlich gibt es über diese Band gar nicht mehr viel zu erzählen, galten sie doch als Speerspitze der “canadian invasion” und veröffentlichten Anfang März dieses Jahres mit “Neon Bible” das absolute Konsensalbum des modernen Indierock. So zierten sie dann auch die Cover der einschlägigen Musikzeitschriften und erreichten dadurch sogar bei den musikalisch eher unbedarften frappacinoschlürfenden Bahnhofskiosksbesuchern zumindest einen unterbewussten Bekanntheitsgrad.
Die große Leistung von Arcade Fire kann man eigentlich gar nicht genug würdigen, denn sie haben es mit diesem Album geschafft, trotz der hohen Erwartungen, die sich nach dem Vorgänger “Funeral” bei den Kritikern angesammelt hatten, wieder eine Platte herauszubringen, die von einer großen, wirklich überwältigenden Zahl von Rezensenten Lobeshymnen auszulösen. Dazu gehört natürlich auch die immer wieder von der Band demonstrierte Haltung, sich nicht ausverkaufen zu wollen, sondern der U2isierung des Indiepop irgendwie auszuweichen:
I don’t know if U2 started it, or The Stones or Oasis but a lot of bands think in terms of: ‘I’m going to be the biggest band in the world. Fuck all those bands who’ve got no ambition’. I think that’s a total crock of shit. (zitiert nach Intro)
Normalerweise müssten bei solchen Äußerungen spätestens seit der Kommerzialisierung von Kurt Cobain selig die Alarmglocken läuten. Nicht so bei Arcade Fire. Denn ihre Musik ist einfach so brilliant, dass man ihnen wahrscheinlich alles verzeihen würde. Bei anderen Künstlern gibt es manchmal so eine Art Beißhemmung. Man sagt: Klar, die Ablehnung des Kunstbetriebs, die sich hier zeigt, ist genau die raffinierte Version der Ausbeutung durch die Industrie. Aber jemanden, der es so gut meint und selbst nicht die Fähigkeiten hat, seine eigene Situation zu theoretisieren, darf man nicht auch noch in die Pfanne hauen. Genau dieses Muster gilt für Arcade Fire nicht. Aber was ist es dann, was Arcade Fire ausstrahlen, das sie auf diese Weise imprägniert?
Ich glaube, dass es möglicherweise so eine Art “neutrale Zone” ist, die sie mit ihrer Musik schaffen - mit den romantischen Songstrukturen, den an Kammermusikabende erinnernden Streichern, der immer etwas zittrigen Stimme von Win Butler, den Momenten, in denen sie im hämmernden Staccato durch die jüngste Popgeschichte sausen, aber immer wieder zurückfinden in die scheinbare Einfachheit einer gezupften Folkgitarre. In dieser neutralen Zone haben die Kritiker die Möglichkeit, sich für ein paar Songs ihrer gesellschaftlichen Funktion entledigen: müssen nicht mehr Kritiker sein, sondern können gemäß der kommunistischen Utopie auch einmal den Handwerker spielen, der von seinem Tagwerk heimkommt und zum Abschluss des Tages das Radio aufdreht, um sich an dem Zauber des Zusammenspiels der Instrumente zu erfreuen (es kann natürlich auch der frappacinoschlürfende Bahnhofskioskbesucher sein) und zuhört, wie diese Band aus dem fernen Kanada ihre Stücke spielt, bei denen es in immer neuen Variationen um “singularisierte Identitäten in der globalisierten Welt, um Intimes, vorgeführt in einem stets leicht skurrilen Zirkuszelt” (Kai Klintworth in Intro) geht. Entspannung ohne Erschlaffung. Man hat das Gefühl, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, muss sich aber ausnahmesweise einmal nicht dazu überwinden, sie in Worte zu fassen, sondern kann sie dunkel lassen.
Die Musik selbst wechselt immer wieder zwischen nostalgischen Beschwörungen einer unmöglichen Zukunft und der drastischen Darstellung des drohenden Untergangs (”Wenn uns das 21. Jahrhundert schon fressen wird, stolzieren wir eben als Marchingband in seinen schwarzen Rachen”, schreibt Dana Bönisch über das “Endzeit-Manifest” Neon Bible) - das alles aber gegossen in hymnische Formen, bei denen es mich nicht besonders wundern würde, wenn sie in fünfzig Jahren zusammen mit Bach und Buxtehude im Rahmen der Lübecker Kirchenmusikwochen gespielt würden (passend dazu schwört Oliver: “wenn ‘Intervention’ zu Beginn und zum Schluß gespielt wird, gehe ich auch wieder regelmäßig in die Kirche, großes Indianer-Ehrenwort!”). Manchmal sind es nur ganz kleine Verschiebungen, Wechsel zwischen Dur und Moll oder eine Melodie, die auf einmal in einem ganz anderen harmonischen Kontext auftaucht und einen von da an nie mehr loslässt. Um nur ein Beispiel zu geben: mich packt es immer wieder bei der zweite Hälfte des Refrains von “Rebellion (Lies)”, wenn der harmonische Hintergrund der Zeile “Every time you close your eyes” auf einmal nicht mehr auf dem Wechsel von Bb - Eb aufsitzt, sondern nun auf Bbm - Gb - Db - Ab. Die Mittel sind subtil, die Wirkung wundervoll (ein ähnliches Ding, freilich mit ganz anderer Bedeutung, haben die Doors in ihrer “Love Street” unternommen):

Wer keine Lust hat, sich ans Klavier zu setzen und den Refrain nachzuspielen, kann sich hier das Original noch einmal ansehen und anhören (mp3-Stream, noch mehr Streams hier, außerdem einige B-Seiten):
Ach ja, bevor ich’s vergesse: Im August und November sind sie endlich wieder einmal in Deutschland auf Tour, nachdem die letzten Konzerte wegen einer Erkrankung des Sängers abgesagt wurde (Tickets 22-24 EUR zzgl. VVK):
- 22. August 2007: Köln, Palladium (Support: Herman Düne)
- 8. November 2007: Berlin, Columbiahalle
- 11. November 2007: München, TonHalle
Wir sehen uns in der neutralen Zone. (Bild: “Arcade Fire”, Wikipedia)
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1. pretty paracetamol »&hellip | August 23rd, 2007 at 9:12 pm
[…] Endlich. Nach 4 Monaten und 21 Tagen wurde gestern das im April ausgefallene Konzert von Arcade Fire nachgeholt. Nach einigem Hin und Her im Vorfeld bzgl. Rückgabe und Umtausch der Karten mit Eventim war es gut, dass ich gestern vor Ort war. Arcade Fire haben im Palladium in aller Grösse demonstriert, dass sie eine hervorragende Liveband sind. Das Konzert wurde seinerzeit von der Live Music Hall ins Palladium verlegt. Ich vermute nicht nur wegen überragender Vorverkaufszahlen, sondern auch um alle 10 Bandmitglieder plus Instrumente auf der Bühne und mördergrösser Mischpult / Technikinsel so im Saal unterzubringen, das auch noch Zuhörer Platz finden. “Wenn man sein Bett in Nord-Süd Richtung aufstellt, schläft man besser, habe ich heute gelesen. Hat was mit den Magnetströmen der Erde zu tun.” Aha, ein interessantes Gesprächsthema, das dort in der halbstündigen Umbaupause hinter uns als Lückenfüller herhalten durfte. Das Palladium war gut gefüllt, die Vorfreude gross und die Vorband wie ein Geist. Wir haben sie nicht gesehen, nur kurz gehört. Lag aber daran, dass wir erst gegen halb neun ins Palladium kamen, und ihr Auftritt in den letzten Zügen lag. Ins Auge stachen sofort fünf runde, an überdimensionierte Eisenbahnhinweisschilder erinnernde Gebilde,die sich im laufe des Abends als Videoleinwände enttarnen sollten, und die grosse Technikinsel in der Mitte des Palladiums. Ich bin mir sicher, dass sie ausladender war als bei anderen Konzerten dieser Kategorie. Gut, man konnte sich auch ein bischen mehr ausbreiten, weil die Halle nicht ausverkauft war. Vielleicht brauchte man aber auch den Platz, um all das Technikgedönse unterzubringen, das die Bühnenaustattung verlangte. Eine grosse Videoleinwand im Rücken der Band, fünf kleine Leinwände auf der Bühne verteilt, fünf Leuchtsäulen am vorderen Bühnenrand und eine stimmungsvolle Lichtshow, die das Palladium immer wieder in angenehmes rot tauchte. “Das fühlt sich an wie ein best-of Konzert einer alteingesessenen Band “, dachte ich nach zwanzig, dreissig Minuten. Wie schaffen die es bloss mit drei Alben so eine Hitdichte zu produzieren. Und dazu eine so stimmige, ausgeklügelte nie langweilig oder hab-ich-schon-tausendmal-gesehen erscheinende Bühnenshow auf die Beine zu stellen. Hier sind doch noch keine alten Hasen am Werk. Was passiert da? Ist das der Bowie’sche Einfluss? Oder ist es so, weil sie aus Kanada stammen? Ich weiss es nicht, es ist auch egal. Es war ein gandioser Ohr-und Augengenuss. Denn auch der sonst für das Palladium so typisch schlechte Klangerlebnis war diesmal gar nicht so schlecht. Bei Arcade Fire 2007 erinnerte nur noch wenig an den komisch, chaotischen Auftritt vor zwei Jahren auf dem Monsters-of-SPEX Festival. Die Entwicklung in Sachen Bühnenpräsenz und Artwork liess mir spontan “…and you will know us by the trail of death” in den Sinn kommen. Die haben auf ihrer letzten Tour auch ihr Bühnenaussehen modifiziert ohne dabei abzudriften oder befremdlich zu erscheinen. Da fällt mir gerade auf: in der musikalischen Herangehensweise könnte auch eine Verbindung geknüpft werden. Aber mit einem Unterschied: Arcade Fire sind/werden grösser. Ein guter Beginn in die herbstliche Konzertsaison. —— Multimedia: - Fotos: oliver.peel bei flickr - Video: Arcade Fire Fan - Lesenswert: poplog - kanadaserie […]
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