Kanadaserie, Platz 4: Stars
August 13th, 2007
Langsam wird die Luft dünner, bald kommen die Top Three dieser höchst subjektiven Top Ten-Liste der kanadischen Independentbands. Für die heutige Band müssen wir die Route des letzten Tages wieder zurückfahren, obwohl die im Folgenden zu behandelnde Band mehrmals ihren Standort gewechselt hat: angefangen haben sie in Toronto, dann war die Band eine Zeit lang in New York zu Hause, bis sie dann wieder nach Kanada, diesmal nach Montréal gezogen sind. Die Rede ist, natürlich, von den Stars (MySpace). Auch hier sind die Grenzen zu anderen Bands wieder fließend, denn Mitglieder der Stars sind bzw. waren unter anderem auch aktiv in den folgenden Bands: Broken Social Scene, Memphis, Gypsy Sol, Young Galaxy (vgl. auch meine ausführliche Rezension dazu) - ganz abgesehen von weiteren Soloprojekten.
Im Mittelpunkt der Band steht sicherlich Sänger, Trompetenspieler und Schauspieler (unter anderem bei Sex and the City) Torquil Campbell, der in Wirklichkeit gar kein Kanadier ist, sondern die Britisch-US-amerikanische Doppelstaatsangehörigkeit besitzt. Zusammen mit Keyboarder Chris Seligman bildete er den historischen Kern der Stars, aus dem 2001 das erste Album “Night Songs” hervorging. Bei der nächsten Platte, “Heart“, die 2003 erschien, waren Sängerin und Gitarristin Amy Millan sowie Bassist Evan Cranley als feste Mitglieder zur Band gestoßen. Und die Platte, mit der Stars zu einer der wichtigsten Indiebands Kanadas wurden, “Set Yourself on Fire” (2004), haben sie dann endlich auch einen richtigen Schlagzeuger in ihren Reihen: Pat McGee.
Was genau macht die Musik der Stars aus? Welche Koordinaten der musikalischen Welt dieser Band sind trotz aller Veränderungen (der Band wie auch ihres Kontextes) seit dem ersten Album beibehalten worden?
- der abwechselnde Gesang zwischen Torquil Campbell und Amy Millan sowie immer wieder auch im Duett gesungene Refrains
- das stellenweise orchestrale Arrangement mit Streichern (sehr viel auf den Nightsongs), anfangs auch noch mit Trompete
- die Verwendung von Drumcomputer und samplebasierten (Hiphop-)Beats (vor allem in der Zeit, bevor Pat McGee in die Band kam)
- die Jingle-Jangle-Gitarren, die am Anfang stellenweise nach Ibiza oder nach folkiger Ambientmusik à la Dan Ar Braz klingen
- das große Gefühlskino, das dafür sorgt, dass die Lieder niemals vollständig fröhlich wirken, sondern immer etwas nach Regentagen klingen
- atmosphärisch schwebende Stimmen und gehauchte Passagen
- Songtexte, die zwar gerne von Nacht und Sterne handeln, aber niemals Naturlyrik sind, sondern von Natur als Projektionsfläche für menschliche Wünsche, Gefühle und Ängste erzählen
- auf den ersten Blick sehr zugängliche Songstrukturen und einfache Pop-Harmonien anstelle von Indie-Lärm und -Missklängen (”schwelgerischer Pop, der leicht klingt aber nicht leicht ist“)
Daneben gab es natürlich auch Veränderungen zu beobachten. Während die erste Platte im Grunde eine Electropopangelegenheit gewesen ist, klingt die Musik mittlerweile viel stärker nach (Rock-)Band. Außerdem ist der Gesang, der am Anfang sehr reduziert, erzählend und überwiegend gehaucht gewesen ist, über die Zeit energievoller und impulsiver geworden. Obwohl die Stars auch auf ihrer aktuellen Platte “In Our Bedroom After the War” (mp3 der Vorabsingle “The Night Starts Here”, via) nach wie vor eine der besten Indiebands sind, haben sie im Vergleich mit ihrem Erstling “Nightsongs” eine Sache verloren: dieses Album war vor allem von einer fast schon unheimlichen “Zeitgemäßheit” geprägt. Ich halte es für die präziseste Antwort auf die Frage, wie sich Indiepop am Anfang des 21. Jahrhunderts anhören musste und auch tatsächlich anhörte. Diese Aktualisierung der Synthpoptradition mit Hiphopbeats, Folkgitarren und romantischen Blechbläsern bringt das Ende der postmodernen Epoche in der Popularmusik wunderbar auf den Punkt. Zugleich sind Songs wie “My Radio” eine letzte Würdigung der Radio-Ära, in der nicht die selbst- oder computerselektierte Playlist des iPods den Soundtrack zum eigenen Leben abgibt, sondern der FM/AM-Kasten auf dem Badehandtuch am Seeufer: “All I want is my radio … He speaks in a voice I know / Sounds like sand when the tide is low / We kissed to that voice each night / Bathed in bare reactor light” (My Radio).
Da sie mit dem monumentalen, “Set Yourself on Fire” nicht nur großen Erfolg, sondern einen “career defining moment” erlebten (gerade eben erschien unter dem Titel “Do You Trust Your Friends?” sogar eine Remix-Version, in denen andere kanadische Künstler die Songs des Albums neu interpretierten), sind natürlich die Rezeptionsbedingungen für ihr neuestes Album ganz andere als 2001. Wiesengrund hat Recht: hier kann man tatsächlich davon sprechen, dass die kanadische Invasion vorbei ist. Der Sound hat sich durchgesetzt, ist zum Allgemeinen geworden. Nicht nur im unmittelbaren Umfeld von Bands wie den Stars (aber dies gilt auch für die gestern besprochene Leslie Feist) gibt es zahllose Epigonen, für die diese musikalische Sprache zur Normalität geworden ist und die gar nicht mehr bewusst erkennen können, an wem sie sich da bei jedem zweiten Akkordwechsel orientieren oder vergreifen. Aber die Stars gehen mit dieser Problematik mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit um (gehen sogar einige Risiken ein), was aber nicht allzu sehr überrascht, wenn man sich den Text ihres 2001er Songs “Write What You Know” näher betrachtet, der sich über die Rezepthaftigkeit der kulturellen Produktion mokiert: “Write what you know / Keep that story funny / Have a happy ending / Make the female sexy … This ending is so sexy”.
Auch wenn “In Our Bedroom after the War” hoffentlich noch nicht das Ende der Stars einläutet, in puncto Sexappeal kann den Stars kaum jemand etwas vormachen. So sexy wie in “Take Me to the Riot” war die Revolution wahrscheinlich seit Che Guevara nicht mehr, und bei den Sprechgesängen in der düsteren Hooligan-Lovestory “Barricade” bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut: “”Oh, how could anyone not love the terrible things you do? / Oh, how could anyone not love your cold black heart / I’ll be at the barricade, the love died but the hate can’t fade.” (Bild: “Stars (band)”, Wikipedia)



2 Kommentare Kommentieren
1. Kanadaserie, Platz 2: Arc&hellip | August 15th, 2007 at 1:29 am
[…] den Zweitplatzierten meiner kanadischen Indie-Top-Ten: die phänomenalen Arcade Fire. Wie unsere beiden vorangegangenen Bands stammt auch dieses siebenköpfige Rockorchester - Sänger Win Butler, seine […]
2. nekrothar | September 21st, 2007 at 9:06 pm
schöner und interessanter Text über eine der besten kanadischen Bands…
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