Archive for August 13th, 2007

Kanadaserie, Platz 3: Godspeed You! Black Emperor

3 comments August 13th, 2007

kanada_3.pngFür die heutige Band, die ich auf den dritten Platz meiner Kanada-Top-Ten gesetzt habe, bleiben wir noch einmal in Montréal. Wahrscheinlich ist es von allen in dieser Liste aufgeführten Bands diejenige, deren Einfluss am weitesten reicht. Nicht nur Nordamerika steht unter ihrem Einfluss, sondern auch in Europa, Australien und Asien gibt es Bands, die sich dieser Schule zurechnen würden. Trotz dieser enormen Reichweite ist sie fast überall eine Art Geheimtipp geblieben; ein Name, den man sich hinter vorgehaltener Hand zuraunt, wenn eine Band besonders abgefahrene Feedback- und Droneorgien veranstaltet: Godspeed You! Black Emperor.

skinny.pngHier haben wir es mit einer Band der Extreme zu tun. Nicht nur sind ihre Songs mitunter so lang, dass gerade einer davon auf eine LP-Seite passt, sondern es kann bei ihnen schon einmal vorkommen, dass sie einen Songtext von Iron Maidens “Virus” zitieren. Und gegen die Verästelungen und den Gestaltwandel, der einem hier begegnet, sind die bisher beschriebenen Musikerkollektive kleine Wanderzirkusse. Aber zunächst ein kurzer Rückblick auf 10 Jahre Godspeed. Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er Jahre, als sich Efrim, Mauro und Mike Moya zusammentun und als Trio eine Kassette aufnehmen. Von der ursprünglichen Auflage von 33 Stück ist Gerüchten zufolge noch das ein oder andere zu bekommen: wer also eine handbeschriftete Godspeed-Kassette auf dem Flohmarkt findet, sollte auf jeden Fall zuschlagen. In den Jahren 1995 bis 1996 erweiterte die Band sich dann zeitweise zu einem 14köpfigen Indie-Progrockorchester, bis sie 1998 einen stabilen Zustand mit neun ständigen Mitglieder erreichten: die beiden Schlagzeuger Aidan Girt und Bruce Cawdron, die beiden Bassisten Thierry Amar und Mauro Pezzente, die drei Gitarristen Efrim Menuck, David Bryant und Roger-Tellier Craig, die Cellistin Norsola Johnson und die Violinistin Sophie Trudeau. Eigentlich müsst man auch noch den ein oder anderen 16mm-Projektor mit dazu rechnen, denn die Visuals sind von Anfang an ein wichtiger Bestandteil ihrer Shows gewesen.

Wenn man sich die Veröffentlichungsliste dieser Band ansieht, könnte man zunächst der Täuschung erliegen, dass diese Band für ihre Größe in den knapp zehn Jahren ihres Bestehens (1994 bis 2003) nicht besonders produktiv gewesen sei. Insgesamt wurden nur 12 Songs der Band jemals auf Vinyl gepresst. Das Debüt “F#A# ∞“, das drei Tracks enthält, hat die Band 1997 auf einem gemieteten 16-Spurgerät aufgenommen und später noch mit Fieldrecordings ergänzt. Darauf folgte 1999 die EP “Slow Riot For New Zero Kanada“, auf der sich zwei Songs befinden - einer von den beiden mit dem erwähnten Iron Maiden-Text. 2000 erschien dann das Doppelalbum “Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“, das insgesamt nur vier “Songs” enthält, mit denen die Band nun aber auch in einer etwas breiteren Indie-Öffentlichkeit international bekannt wurde. Außerdem enthält dieses Album mit “Storm” einen Track, der sich in epischer Breite in himmlische Sphären hocharbeitet und meiner Ansicht nach zu einem der besten Indieinstrumentals gehört, die je geschrieben wurden (ähnlicher Meinung ist Robosexual, der diesen Song zun zweitbesten Opener aller Zeiten zählt). Das letzte Album, Godspeed düsteres Spätwerk “Yanqui U.X.O.” (produziert von Steve Albini), erschien 2002. Im darauf folgenden Jahr erklärte die Band zwar nicht ihr Ende, aber eine Ruhepause von unbestimmter Dauer und die neun Musiker arbeiteten in ihren diversen irrealen Neben- und Soloprojekten weiter, darunter: Gybe!, Silver Mt. Zion/Tra La La Band, Bottleskup Flenkenkenmike, Bakunin’s Bum, 1-Speed Bike, Exhaust, Fly Pan Am, Et Sans, Set Fire to Flames, Hrsta, Molasses, Esmerine, Balai Mécanique, ‘Gypt Gore, Sam Shalabi und Shalabi Effect.

slow.pngLeider wird allzu oft der politische Gehalt von Godspeed ausgeblendet, obwohl es sich dabei um einen der spannendsten Aspekte der Band handelt. Die langen, hypnotischen Songs der Artrockband sollen schließlich nicht allein dem Geschmack der Indieszene entsprechen, sondern immer wieder auch als Kommentare zur aktuellen Lage in Wirtschaft und Politik gelesen werden - wenn nicht gar als Aufforderung zum Widerstand gegen den neoliberalen Kapitalismus. Wahrscheinlich sind Godspeed außerdem eine der ganz wenigen Pop-Bands in der Tradition zum Beispiel der Fugs, die darauf zielen, Gesellschaftskritik und die Vision einer besseren Welt allein mit musikalischen Mitteln auszudrücken (sieht man einmal von den eindeutigen Referenzen auf anarchosyndikalistisches Denken im Artwork der Band ab, also von dem Molotovcocktail auf “Slow Riot”, dem Bomber auf dem Cover von “Yanqui” oder der Skizze der Verflechtungen zwischen den großen Musik- und Medienkonzernenauf der Rückseite). Denn bis auf Sprachsamples aus Alltagssituationen oder obskuren Filmen besteht das Werk der Band allein aus Instrumentalstücken. DJErnesto (Intro) stellt dazu fest: “Zwischen den Tönen schimmern Nuancen von einer besseren Welt, erzählt der getragene Gestus mit einer Gänsehaut fabrizierenden Eindringlichkeit von den Möglichkeiten der individuellen Handhabe und auch von Gesellschaft”.

Genau in diesem Schweigen der Worte kann allerdings auch eine unvermutete Stärke liegen. So vermutet etwa der Independent in seiner Rezension von “Lift Your Skinny Fists …”, dass “their wordlessness embodies a greater political statement than all the proselyti sing of Gillespie or Bono”. Der NME dagegen vermisst eine optimistische Vision und zeichnet Godspeed als tragische Idealisten, deren mythische (oder nach Felix Klopotek kryptisch-dumpfe) Vision einer anderen Welt zwangsläufig in depressiven, wenn nicht sogar apokalyptischen Tönen untergeht (vor denen man dann schon einmal “ehrfürchtig niederknien” oder gar eine Gotteserfahrung haben kann). Brad Weslake befasst sich in einem längeren lesenswerten Essay mit dem politischen Gehalt der Band und beschreibt dieselbe Beobachtung als nahezu zwangsläufig sich ergebendes Dilemma der anarchistischen Politik des Chaos. Möglicherweise liegt jedoch gerade in diesem merkwürdigen Untergangsoptimismus der Godspeed-spezifische Ausweg aus der Zwickmühle “of creating a positive force that doesn’t reproduce the structures (and therefore failings) of the institutions that are being opposed”: hinter dem Chaos die Hoffnung. Doch es ist nicht nur (Bakunin’sche) Theorie, was von der Band kommt, denn sie sind auch auf Grassrootsebene als Aktivisten tätig, ob es um den G7-Protest geht oder um die Bekämpfung der Armut vor Ort.

Glücklicherweise existieren mittlerweile auch digitale Versionen der ursprünglich nur auf Vinyl veröffentlichten Alben und EPs. Und einige Stücke und Livekonzerte sind im Netz verfügbar, so dass ich abschließend noch ein paar Links auflisten kann, die das Erlebnis Godspeed et al. zumindest akustisch spürbar machen:

Irrelevanz und Selbstreferentialität - Chronologie einer Debatte

13 comments August 13th, 2007

Es ist eines der Gesetze der Blogosphäre: Wenn alte und neue Medien aufeinander losgehen, ist gute Unterhaltung garantiert. Das war schon in der Klowand-Affäre so und ist auch heute noch der Fall, wenn zum Beispiel ein Autor in der SZ über die Irrelevanz der Weblogszene extemporiert (siehe auch hier). Für alle, die erst jetzt hineinschalten, hier eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Geschehens:

  • Samstag, 11. August
  • irgendwann Julie Paradise gibt bekannt, dass ihre FriseurIn-meets-WLan-Anekdote zum Aufhänger für einen SZ-Artikel geworden ist.
  • 9:46 Dorin Popa schimpft über den “typischen halbgaren Artikel, in denen Old-media-Autoren die Blogger zerfleischen”, der zu dieser Zeit noch gar nicht online verfügbar war.
  • morgens Christian zufolge hat der Autor “nicht im geringsten verstanden, worum es in der Blogosphäre geht: Der Leser ist heute nicht mehr auf ein umfassendes Nachrichtenangebot wie sueddeutsche.de angewiesen.”
  • Sonntag, 12. August
  • 12:41 Das Trierer Medienblog kann der Kritik grundsätzlich zustimmen, wehrt sich aber dagegen, die deutsche Blogosphäre auf die “100 prägenden Netztagebücher” zu reduzieren.
  • irgendwann Maingold rät der Süddeutschen, ihr “Top 100 Hitparadendenken” aufzugeben und mal wieder nachzuschlagen, was der Begriff “Subkultur” bedeutet.
  • ebenfalls irgendwann Die Thüringer Blogzentrale wirft ein schönes Zitat von Paul Klee in den Ring, nach dem es mit der Kunst wie mit dem Arabischen sei: “wenn man es nicht beherrscht, versteht man es auch nicht”.
  • 15:23 Retroaktiv wendet sich direkt an die SZ, wirft ihr ihre “wirren Thesen” vor und wirbt für eine friedliche Koexistenz zwischen Feedreader und Printpresse.
  • 16:15 Püttagoras meint, auch vier bis fünf Leser seien eine relevante Öffentlichkeit.
  • 16:36 “Schulterzuck” ist die erste Reaktion von Robert Basic auf den SZ-Artikel, bevor er dann dann seinerseits einem Teil der Printpresse (besonders dort, wo es um Computer geht) Irrelevanz unterstellt und abschließend der bedrohten Gattung des Journalisten noch ein paar mitfühlende Worte ausspricht.
  • 19:00 Die medienlese berichtet in ihrem Wochenrückblick über den Artikel und lobt das “spitzenmäßige” Wortspiel im Titel des Artikels.
  • 22:29 Neunzehn72 wirft dem Autor vor, das “Medium Internet und speziell die Blogs” gar nicht zu verstehen.
  • Montag, 13. August
  • 1:02 Ich bastle einen kleinen SZ-Ehrenbutton.
  • 6:09 Peter Hogenkamp erklärt in seinem Artikel ein paar Dinge wie den Long Tail der Blogosphäre oder die chronologische Anordnung in Weblogs, die in dem Artikel fehlen bzw. falsch dargestellt werden.
  • 8:27 “Irrevelant und Spaß dabei” wird das Blogmotto für diese Woche, erklärt der Webrocker.
  • irgendwann Der in dem Artikel zitierte Soziologe Jan Schmidt fühlt sich missverstanden und unterscheidet zwischen massenmedialen und persönlichen Öffentlichkeiten.
  • 9:02 Auch Stefan Niggemeier meldet sich jetzt zu Wort und veröffentlicht einen Brief an den Urheber, muss sich aber bemühen, “nicht polemisch zu werden angesichts der Diskrepanz zwischen der Überheblichkeit und Selbstwahrnehmung der „Süddeutschen Zeitung” und der Realität ihrer Berichterstattung im und über das Internet”.
  • 13:52 Thomas Gigold meint in der Blackbox WWW, dass der Artikel ein übliches Beispiel für die deutschen Journalisten sei, die sich immer mal wieder gerne “nach Herzenslust an der kleinen, unbedeutenden Blogwelt Deutschlands” auslassen.
  • 14:42 Frank Schrillmeier schweigt wortgewandt, “weil Relevanz zeigt, dass man gewisse Dinge, die generalisiert sind, nicht verhandeln muss.”

SZ-Ehrenbutton

12 comments August 13th, 2007

Die Süddeutsche Zeitung hat es in dem ArtikelAbgebloggt” mal wieder geschafft, uns BloggerInnen gnadenlos zu durchschauen und unsere tiefsten Wünsche aufzuspüren:

Die deutsche Blog-Szene will eine Alternative zu den etablierten Medien werden.

So eine Meisterleistung muss entsprechend gewürdigt werden, am Besten in Gestalt eines selbstreferentiellen SZ-Ehrenbuttons:

Ich will eine Alternative zu den etablierten Medien werden

Wer sich diesen Button auf sein Blog klebt, bekennt sich zu diesen acht Grundprinzipien des Bloggens:

  1. Mein Blog bewegt weniger als man denkt
  2. In meinem Blog kommt hin und wieder auch mal eine Friseurin vor
  3. Meinem Blog fehlt jegliche gesellschaftliche Relevanz
  4. Mein Ziel ist die Vergrößerung des abgeschlossenen Zirkels
  5. Ich spreche intern stolz von “Blogosphäre”
  6. Ich beobachte jeglichen Schritt in Richtung Professionalisierung kritisch
  7. Ich verstehe die “anderen Spielregeln” der Blogosphäre selbst nicht
  8. Ich will eine Alternative zu den etablierten Medien werden

Kanadaserie, Platz 4: Stars

2 comments August 13th, 2007

kanada_4.pngLangsam wird die Luft dünner, bald kommen die Top Three dieser höchst subjektiven Top Ten-Liste der kanadischen Independentbands. Für die heutige Band müssen wir die Route des letzten Tages wieder zurückfahren, obwohl die im Folgenden zu behandelnde Band mehrmals ihren Standort gewechselt hat: angefangen haben sie in Toronto, dann war die Band eine Zeit lang in New York zu Hause, bis sie dann wieder nach Kanada, diesmal nach Montréal gezogen sind. Die Rede ist, natürlich, von den Stars (MySpace). Auch hier sind die Grenzen zu anderen Bands wieder fließend, denn Mitglieder der Stars sind bzw. waren unter anderem auch aktiv in den folgenden Bands: Broken Social Scene, Memphis, Gypsy Sol, Young Galaxy (vgl. auch meine ausführliche Rezension dazu) - ganz abgesehen von weiteren Soloprojekten.

stars1.pngIm Mittelpunkt der Band steht sicherlich Sänger, Trompetenspieler und Schauspieler (unter anderem bei Sex and the City) Torquil Campbell, der in Wirklichkeit gar kein Kanadier ist, sondern die Britisch-US-amerikanische Doppelstaatsangehörigkeit besitzt. Zusammen mit Keyboarder Chris Seligman bildete er den historischen Kern der Stars, aus dem 2001 das erste Album “Night Songs” hervorging. Bei der nächsten Platte, “Heart“, die 2003 erschien, waren Sängerin und Gitarristin Amy Millan sowie Bassist Evan Cranley als feste Mitglieder zur Band gestoßen. Und die Platte, mit der Stars zu einer der wichtigsten Indiebands Kanadas wurden, “Set Yourself on Fire” (2004), haben sie dann endlich auch einen richtigen Schlagzeuger in ihren Reihen: Pat McGee.

Was genau macht die Musik der Stars aus? Welche Koordinaten der musikalischen Welt dieser Band sind trotz aller Veränderungen (der Band wie auch ihres Kontextes) seit dem ersten Album beibehalten worden?

  • der abwechselnde Gesang zwischen Torquil Campbell und Amy Millan sowie immer wieder auch im Duett gesungene Refrains
  • das stellenweise orchestrale Arrangement mit Streichern (sehr viel auf den Nightsongs), anfangs auch noch mit Trompete
  • die Verwendung von Drumcomputer und samplebasierten (Hiphop-)Beats (vor allem in der Zeit, bevor Pat McGee in die Band kam)
  • die Jingle-Jangle-Gitarren, die am Anfang stellenweise nach Ibiza oder nach folkiger Ambientmusik à la Dan Ar Braz klingen
  • das große Gefühlskino, das dafür sorgt, dass die Lieder niemals vollständig fröhlich wirken, sondern immer etwas nach Regentagen klingen
  • atmosphärisch schwebende Stimmen und gehauchte Passagen
  • Songtexte, die zwar gerne von Nacht und Sterne handeln, aber niemals Naturlyrik sind, sondern von Natur als Projektionsfläche für menschliche Wünsche, Gefühle und Ängste erzählen
  • auf den ersten Blick sehr zugängliche Songstrukturen und einfache Pop-Harmonien anstelle von Indie-Lärm und -Missklängen (”schwelgerischer Pop, der leicht klingt aber nicht leicht ist“)

Daneben gab es natürlich auch Veränderungen zu beobachten. Während die erste Platte im Grunde eine Electropopangelegenheit gewesen ist, klingt die Musik mittlerweile viel stärker nach (Rock-)Band. Außerdem ist der Gesang, der am Anfang sehr reduziert, erzählend und überwiegend gehaucht gewesen ist, über die Zeit energievoller und impulsiver geworden. Obwohl die Stars auch auf ihrer aktuellen Platte “In Our Bedroom After the War” (mp3 der Vorabsingle “The Night Starts Here”, via) nach wie vor eine der besten Indiebands sind, haben sie im Vergleich mit ihrem Erstling “Nightsongs” eine Sache verloren: dieses Album war vor allem von einer fast schon unheimlichen “Zeitgemäßheit” geprägt. Ich halte es für die präziseste Antwort auf die Frage, wie sich Indiepop am Anfang des 21. Jahrhunderts anhören musste und auch tatsächlich anhörte. Diese Aktualisierung der Synthpoptradition mit Hiphopbeats, Folkgitarren und romantischen Blechbläsern bringt das Ende der postmodernen Epoche in der Popularmusik wunderbar auf den Punkt. Zugleich sind Songs wie “My Radio” eine letzte Würdigung der Radio-Ära, in der nicht die selbst- oder computerselektierte Playlist des iPods den Soundtrack zum eigenen Leben abgibt, sondern der FM/AM-Kasten auf dem Badehandtuch am Seeufer: “All I want is my radio … He speaks in a voice I know / Sounds like sand when the tide is low / We kissed to that voice each night / Bathed in bare reactor light” (My Radio).

stars.jpgDa sie mit dem monumentalen, “Set Yourself on Fire” nicht nur großen Erfolg, sondern einen “career defining moment” erlebten (gerade eben erschien unter dem Titel “Do You Trust Your Friends?” sogar eine Remix-Version, in denen andere kanadische Künstler die Songs des Albums neu interpretierten), sind natürlich die Rezeptionsbedingungen für ihr neuestes Album ganz andere als 2001. Wiesengrund hat Recht: hier kann man tatsächlich davon sprechen, dass die kanadische Invasion vorbei ist. Der Sound hat sich durchgesetzt, ist zum Allgemeinen geworden. Nicht nur im unmittelbaren Umfeld von Bands wie den Stars (aber dies gilt auch für die gestern besprochene Leslie Feist) gibt es zahllose Epigonen, für die diese musikalische Sprache zur Normalität geworden ist und die gar nicht mehr bewusst erkennen können, an wem sie sich da bei jedem zweiten Akkordwechsel orientieren oder vergreifen. Aber die Stars gehen mit dieser Problematik mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit um (gehen sogar einige Risiken ein), was aber nicht allzu sehr überrascht, wenn man sich den Text ihres 2001er Songs “Write What You Know” näher betrachtet, der sich über die Rezepthaftigkeit der kulturellen Produktion mokiert: “Write what you know / Keep that story funny / Have a happy ending / Make the female sexy … This ending is so sexy”.

Auch wenn “In Our Bedroom after the War” hoffentlich noch nicht das Ende der Stars einläutet, in puncto Sexappeal kann den Stars kaum jemand etwas vormachen. So sexy wie in “Take Me to the Riot” war die Revolution wahrscheinlich seit Che Guevara nicht mehr, und bei den Sprechgesängen in der düsteren Hooligan-Lovestory “Barricade” bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut: “”Oh, how could anyone not love the terrible things you do? / Oh, how could anyone not love your cold black heart / I’ll be at the barricade, the love died but the hate can’t fade.” (Bild: “Stars (band)”, Wikipedia)


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