Kanadaserie, Platz 8: Black Mountain
August 8th, 2007
Heute geht es in die dritte Runde unserer virtuellen Kanadareise. Und praktischerweise können wir gleich in der pulsierenden Metropole Vancouver bleiben, der wir einen derart düsteren und sensiblen Künstler wie Circlesquare zu verdanken haben. Heute geht es aber sehr viel lebenslustiger weiter. Obwohl: drogenlastig bleibt es auch weiterhin, denn die heute zu besprechende Band ist nicht nur bekannt für ihren sehr an die 60s und 70s erinnernden Rocksound, sondern sie haben ihrem Debüt mit “Druganaut” auch noch einen recht eindeutigen Titel gegeben (und leiten ihren Bandnamen ab von “a Mountain full of hash”). Interessanterweise ist die Band Black Mountain, die aus Amber Webber (Gesang), Matt Camirand (Bass), Jeremy Schmidt (Keyboards), Joshua Wells (Schlagzeug) und Stephen McBean (Gesang und Gitarre) besteht, nur ein Teil eines viel umfassenderen Musiker- und Künstlerkollektivs, das sich Black Mountain Army nennt und aus dem zum Beispiel auch die avantgardistischen Pink Mountaintops, die Indiefolkband Jerk With A Bomb oder das Duo Amber & Josh hervorgegangen sind. Matt beschreibt die BMA als: “a bunch of drunks in Vancouver who live within two blocks of each other and are creative and try and include each other in their creativity”.
Doch nun zur Musik ihres Albums “Black Mountain” (2005; der Nachfolger soll Anfang 2008 erscheinen). Eines ist klar: wir befinden uns hier ein gutes Stück entfernt von den kalten Großstadtsounds eines Circlesquare oder den unerwarteten Drum-and-Bass-Beats und ausgefeilten rhythmischen Konstellationen von The Most Serene Republic. Bei Black Mountain geht es konservativ zur Sache: der Maßstab sind die großen Rockbands der späten 60er und 70er Jahre. So erinnert “Modern Music” immer wieder an Velvet Underground, leitet dann aber über in einen Bulldozer-schweren Black-Sabbath-Riffrock. Aber der wohl wichtigste Einfluss scheint die Band Ten Years After zu sein, die immer wieder schwebende und leicht bekömmliche Orgelpassagen mit energetischem Bluesrock vermischt haben. Ganz deutlich meine ich diesen Einfluss in “Don’t Run Our Hearts Around” herauszuhören. Manchmal knüpfen sie dann auch an die psychedelische Tradition von Pink Floyd an und reduzieren den Sound nur noch auf leise Orgelklänge im Hintergrund (”Set Us Free”). Trotzdem verwenden sie ein avantgardistisches Element dann doch hin und wieder: ein sehr frei intonierendes Saxophon, mit dem sie zum Beispiel in “No Hits” an den frühen Freejazz des ESP-Labels erinnern. Das erwähnte “Druganaut” (hier als mp3) nimmt dagegen Funk- und Soul-Einflüsse (Curtis Mayfield) in sich auf, die dann mit schrägen Gitarrensoli und nostalgisch aus der Vergangenheit gegriffenen Led Zeppelin-Riffs kombiniert werden. Doch Black Mountain beziehen sich nicht einfach nur auf die Woodstock-Seeligkeit, sondern spielen eine Musik, in der das Altamont-Desaster und die Schattenseiten der Hippieära mitgedacht sind: “The most interesting part of the albums are certain touches that seem un-sinister turned druggy and sinister, such as hand claps and tasteful female backing vocals” (Song of the Day).
Besonders gelungen ist die hauptsächlich von Amber gesungene Gitarrenballade “Heart of Snow” (hier als mp3), die aus mehrmaligen Wechseln zwischen ruhigen Folkpassagen und rockigen Instrumentalteilen besteht. Fast am besten gefällt mir aber immer noch “No Satisfaction”, weil die Idee zunächst allzu frech bei den Rolling Stones geklaut wirkt, dann aber deutlich wird, dass dieser einfach gestrickte Song mit seinem Chorgesang, der etwas schiefen Flötenmelodie, dem hämmernden Klavier und dem stampfenden Beat eine sehr warme, ehrliche und runde Angelegenheit ist. Aber halt, bevor es jetzt Rockismus-Vorwürfe hagelt: in der ersten Nummer zeigen Black Mountain mit ironischen Textzeilen wie “1 2 3 - another pop explosion / 1 2 3 - another hit recording” wie sehr sie sich dann doch trotz aller musikalischen Nähen zum Blut-Schweiß-und-Tränen-Rock der 70er in der Gegenwart verorten und immer die Möglichkeit offen lassen, ihre Songs als Kommentar zu den Erwartungen an eine Rockband im 21. Jahrtausend zu lesen. So etwas weiß ich zu schätzen und setze diese Band deshalb auf Platz acht meiner Top Ten.
Zum Abschluss hier noch das Druganaut-Video (via):
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