Kanadaserie, Platz 9: Circlesquare
August 7th, 2007
Mit der heutigen Band, dem Platz neun meiner kanadischen Indie Top Ten, geht es weiter in eine Richtung, die auch in einigen Songs von The Most Serene Republic immer wieder anklingt (und die auch aus der drumm-and-bassigen Spielweise des Schlagzeugers herauszuhören ist): mit Circlesquare ab in das Reich der zeitgenössischen elektronischen Musik. Hierzu durchqueren wir das ganze Land von der Niagaragegend bis hin zur ehemaligen Goldgräbersiedlung und heutigen multikulturellen Großstadt Vancouver an der kanadischen Westküste - eine Stadt die zu den drei lebenswertesten Städten der Welt gezählt wird.
Ausgerechnet hier (oder gerade hier?) findet man einen Künstler, der nicht nur einen sehr düsteren Elektrosound produziert, sondern seine Stücke dann auch noch mit endzeitlich-aggressiven Titeln versieht: Die erste EP 1999 hieß “The Distance After”, 2003 folgte dann das Album “Pre-Earthquake Anthem” und 2005 eine weitere EP mit dem Titel “Fight Sounds” - eine Auswahl von vier Songs gibt es wie so oft auf MySpace zum Anhören. Mich erinnern diese militärisch schweren Downbeats und kalten Sprechgesänge (”just how long will these days take waiting for an earthquake” heißt es zum Beispiel auf “7 Minutes”, dem Track, der es immerhin in die US-Serie “Queer as Folk” geschafft hat) sehr an die letzten Veröffentlichungen der Two Lone Swordsmen. Aber die depressiv-paranoiden Synthlinien könnten auch in das klangliche Universum von Joy Division oder vielleicht sogar Depeche Mode passen. Circlesquare wurde 1995 von dem damals 25jährigen Skater Jeremy Shaw alias March 21 ins Leben gerufen, mit der expliziten Intention, Unruhe zu stiften: “Circlesquare’s primary interests lie in inciting slow-motion riots in imaginary suburban landscapes where all the electric buses are white and a nation of detached romantics feel very much at home. Best heard from the floor.” schreibt er über seine Musik. Daneben arbeitet Shaw auch als Multimediakünstler und hat zum Beispiel eine Videoinstallation mit dem Titel “DMT” (eine halluzinogene Droge, die Vorstellungen von “Reisen zu anderen Planeten, mystischen Gotteserfahrungen und außerkörperlichen Erfahrungen”, aber auch Durchfall hervorrufen kann) ausgestellt, die aus acht Videos von Personen, die sich gerade auf ebendieser Droge befinden, besteht.
Besonders eindrucksvoll finde ich das Video zu “Fight Songs Pt. 1″ (”Baby turn the lights down / This is strictly fight sounds”). Der Film ist schlicht, gar minimalistisch in Schwarz-Weiß gehalten und verzichtet weitgehend auf äußere Handlung oder eine Kulisse. Man sieht nur eine Person (vermutlich Jeremy Shaw) das Lied singen und sich zur Musik bewegen in wechselndem Licht und Schatten. Das Zusammenspiel des “synchronized stuttering edit to the syncopated beat” (Cliptip) ist hier hervorragend gelungen. Dann plötzlich stehen dort drei, vier Kopien von ihm und singen den stupiden Chorus “Na-na-na. Na-na-na-na”. Mit dem schwebenden Gitarrenteil in der Mitte explodiert dann ein Feuerwerk nach dem anderen auf dem Bildschirm, so dass der Kontrast zum dem folgenden Teil, in dem wieder nur die Person zu sehen ist, umso stärker ausfällt. Wie gesagt: äußerlich passiert nicht viel, aber die Leere einer enttäuschten Freundschaft habe ich selten besser dargestellt gesehen. Oder mit Travis’ Worten: “This is one of those rare occasions when the video actually takes the song to a whole different level” (Big Stereo).
Aber diese düsteren Songs sind nur eine Facette von Circlesquare. Daneben zeigt er immer wieder auch, dass er wunderbare klassische Indiehymnen schreiben kann, die sich ganz in der Nähe der frühen Verve und Sonic Youth bewegen. Dann mischt sich schon einmal die sphärisch verhallte Slidegitarre in den elektronischen Grime (zum Beispiel in “All Sleapers”). Diese Vielseitigkeit hat es mir wirklich angetan und deshalb landet Circlesquare bei mir auf Platz neun.
Entry Filed under: kanada, serie, idm, youtube, electro, 00s, indie, video



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1. Kanadaserie, Platz 8: Bla&hellip | August 18th, 2007 at 5:21 pm
[…] Metropole Vancouver bleiben, der wir einen derart düsteren und sensiblen Künstler wie Circlesquare zu verdanken haben. Heute geht es aber sehr viel lebenslustiger weiter. Obwohl: drogenlastig bleibt […]
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