Tay did it again! Nicht dieser buddhistische Mönch ist gemeint, sondern der sympathische, virale, aber nach wie vor rätselhafte fünfundzwanzigjährige TayZonday. Im April erlangte er mit seinem “original song” Chocolate Rain diese neue Art von Warholscher Berühmtheit, die man mit MySpace, YouTube und Technorati erlangen kann in Verbindung mit der realen Gefahr, den Song nach mehrmaligem Hören tatsächlich nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen (dagegen ist dashier eher harmlos). Die ersten Parodien des Songs sind schon auf ihrem Weg ins Netz. Danach kam ein Song über unser aller Lieblingstechnologie (”Man, this internet is somethin’ else”). Und jetzt der absolute Knüller: Tay singt Rick. Genau, Rick Astley und seinen Überhit “Never Gonna Give You Up”. Ich habe das originale Video wahrscheinlich vor 20 Jahren das letzte Mal gesehen (hey, das war geraten, aber der Song feiert tatsächlich gerade seinen 20. Geburtstag). Dass das Video so unglaublich furchtbar ist, hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Aber jetzt in Verbindung mit Tays schräger und tiefer Stimme ist es wirklich … hmm … somethin’ else, oder?
Die Songs sind übrigens alle unter einer CC-Lizenz veröffentlicht. Danke!
Pop oder Anti-Pop? Oder auch nur eine äußerst unterhaltsame und seltsame Demonstration einer Ästhetik des Scheußlichen? Egal, das “Buttons”-Video der australischen Popsängerin Sia (Furler), die zuvor auch schon für Crisp und Zero 7 gesungen hatte, ist sehenswert. Der oder die ein oder andere kennt Sia vielleicht schon im Spiderman-Kostüm, aber was sie hier mit ihrem Gesicht (viel mehr ist in dem Video nicht zu sehen) anstellt, ist beeindruckend (oder: “a bit mental“. Wer noch mehr will, kann auf ihrer Homepage noch einige weitere Songs und Gymnastikübungen ansehen. So muss Pop aussehen.
Früher war ich von Curve sehr angetan. Nicht nur, weil mir Mathe in der Schule eigentlich immer Spaß gemacht hat, sondern auch weil Doppelgänger einfach ein wirklich gutes Album gewesen ist. Insofern ist es sicher nachvollziehbar, dass ich jetzt etwas verwirrt bin, wenn aus Hamburg plötzlich eine Band hailt, die sich Curves nennt. Also quasi wie die Ur-Curve nur mit einer weiteren um 90° gedrehten Sinuskurve hintendran gehängt. Und dann liegen sie auch musikalisch gar nicht so sehr entfernt von dem Shoegaze-Universum von Spiritualized, The Jesus and Mary Chain und eben Curve. Gar nicht so schlecht, was die Hamburger da abliefern, wenn auch die Produktion noch nicht so ausgereift erscheint (naja, aber man will ja auch nicht so klingen):
Wer dieses Wochenende in München weilt, sollte sich überlegen, ob er nicht einmal im Institut für Soziologie vorbeischauen will. Denn dort findet von Samstag, 28. bis Sonntag, 29. Juli im Rahmen der Sommeruni 2007 eine spannende popkulturtheoretische Veranstaltung statt: “talk about: popmuzic. Was macht die Popmusik mit uns?” Das Programm beginnt am Samstag, 10:00 mit einer Einführung von Paul-Philipp Hanske (Zündfunk, Spex) zum Thema “Die Theoretisierung von Pop und die Verpoppung von Theorie”. Am Nachmittag geht es dann um 14:00 weiter mit dem Vortrag “Was die Popmusik mit uns macht” von Filmemacher und Autor Markus Heidingsfelder (Autor, Filmemacher) und ab 22:00 schließt sich dann an die theoretischen Überlegungen eine praktische Evaluierung in der Favorit-Bar an.
Der Sonntag wird zu sehr verträglicher Stunde (11:30) mit einem Vortrag von Slobodan Karamanic (Prelom-Herausgeber) über “Ideological Struggle in Pop-Culture: Universal and Particular Aspects of a Phenomenon called Turbo-Folk” eröffnet, mittags (12:45) mit einem vielversprechend klingenden Vortrag von Katrin Triebswetter zum Thema “Babes in Boyland. Musikerinnen zwischen Selbstvermarktung und Identitätspolitik” fortgesetzt, bis die Sommeruni dann um 15:30 mit einem hochkarätig besetzten runden Tisch mit Eckhard Schumacher (Mitherausgeber der Anthologie “POP seit 1964“), Thomas Meinecke (Autor, DJ, Musiker) und Markus Heidingsfelder ihren Abschluss findet.
Apropos “findet”: Mich findet ihr auch auf dieser Veranstaltung, am Sonntag auf jeden Fall; ob ich es auch am Samstag schaffe, weiß ich noch nicht.
Genau ein Jahr ist es her, dass die Sängerin der schwedischen Indieband The Concrete sich enttäuscht und frustiert von ihrer Band getrennt hat und sich unter dem Namen “Taken By Trees” auf das Abenteuer Solokarriere eingelassen hat. Nach ein paar vielversprechenden Demosongs ist jetzt endlich die Platte “Open Fields” fertig und wurde von Victoria Bergsman mit diesen Worten in die sommerliche Freiheit entlassen:
Here we are at the verge of summer, letting the soft air stroke our skin and the verdure caress our minds. I honestly couldn’t think of a more beautiful moment for finally setting Open Field free. It feels solemn and kind of bittersweet. I am now handing it over to you all to have and to hold.
Bittersüß klingt auch die Musik, die sich zwischen Country, Folk, durchorchestrierten Instrumentalnummern und Songwriterpop bewegt und vor allem durch die mit “Young Folks” von Peter Bjorn and John fast schon zum Allgemeingut gewordene, aber in der spärlichen, klaren Atmosphäre fast noch hinreißendere Stimme von Bergsman überzeugt. Besonders hervorzuheben ist auch der “Scandanavian way she pronounces Julia”, wie Mark bemerkt. Den schönsten Vergleich bring aber David Kastrup (spex), den Victoria an ein “verlassenes Reh auf einer Waldlichtung” erinnert.
Tracklist (vier der Song können hier vorgehört werden):
Christoph Braun empfiehlt auf spex.de, in die neue Remix-Sammlung Surf Boundaries Addendum des Gitarristen und Laptopkünstlers Christopher Willits aus San Francisco (schon wieder Kalifornien) hineinzuhören, die es hier zum kostenlosen Download gibt. Darauf findet man neben diesen zwei Tracks auch noch drei Videos:
The Dead Texan (Kranky) remix of “Colors Shifting”
To Rococo Rot’s Robert Lippok (Domino) remix of “Yellow Spring”
Ich empfehle, dazu diese, diese und diese Bilder auf sich wirken zu lassen [danke, Urban Desire, information aesthetics, Surveillance Studies]. Und wer mit langsam mäandernden, schwebenden Ambientklängen und Elektrogeraschel nichts am Hut hat, der wird vielleicht bei MC Winkel fündig. Keine Surfmusik, aber immerhin was mit Strand.
Seit 1994 ist der von der Fluxus-Bewegung inspirierte Gintas Kraptavicius (kurz: Gintas K) in der experimentellen Musikszene Litauens zu Hause. Nicht nur war er Mitglied der Litauischen Industrialband “Modus” (zwei Alben gibt es hier und hier zum Download), sondern hatte auch auf dem Radiosender “Kapsai” eine eigene Alternative-Sendung mit dem Titel “The Ways and Mistaken Pathways“. Seit 1999 arbeitet er vor allem als Soundkünstler mit minimalistischen Sounds von der guten alten Sinuswelle bis zu Lärm, digitalen Artefakten (”glitches”), Mikrowellen und Vibrationen. Gerade ist seine achte Veröffentlichung “13 Tracks” auf dem New Yorker Label Percepts erschienen, die (wie sollte es sonst seine) auch 13 Stücke enthält. Das erste Mal präsentiert wurde das Werk auf der Transmediale.07.
Dass die Russen unter dem Nordpol eine Flagge setzen wollen, um ihren Gebietsanspruch zu untermauern, kann man ja aus geopolitischen Erwägungen (Hint: Rohstoffe) vielleicht noch verstehen. Aber warum wollen diese quecksilberglänzenden Herren in dem neuen Caribou-Video zu “Melody Day” (Album: Andorra) in Gotland eine weiße Fahne hissen? Schon wiedereineKapitulation? Sachdienliche Hinweise bitte in die Kommentare.
Irgendwie ist es kein Wunder, dass sich die Musikindustrie in der Krise befindet. Wenn CDs auf einmal so produziert werden, dass der Durchschnittsunklehörer nicht dazu in der Lage ist, diese zu öffnen (hier gibt es die offizielle Anleitung), werden sich digitale Vertriebswege legaler wie illegaler Art wohl in Zukunft nur noch weiter durchsetzen. Leichter zu öffnen, wenn auch musikalisch einigermaßen anspruchsvoll, ist die jüngste EP-Veröffentlichung des Leaf Labels, auf der sich acht Tracks zwischen ungarischer, serbischer, rumänischer Folklore und Klezmer von A Hawk and a Hacksaw befinden, auf denen neben dem Hun Hangár Ensemble (natürlich: aus Ungarn) auch Beirut-Musikanten mitwirken (Hörbeispiele gibt’s hier). In der New York Times äußert sich Jeff Tweedy (Wilco) sehr positiv über die Band, die er schon länger verfolgt (überhaupt: guter Musikgeschmack). Ach, und live sieht das dann in etwa so aus:
Langsam aber sicher kündigt sich ein Shoegazer-Revival in der Indieszene an. Klar ist auch nach dem Ende von My Bloody Valentine (und später dann auch von Slowdive) einiges passiert, aber einen Bewegungscharakter wie um 1990 herum hat diese Musikrichtung trotz Highlights wie Godspeed You! Black Emperor bis in die jüngste Gegenwart nicht mehr erreicht. Zu stark war wohl in den letzten Jahren der Postpunk-Trend von Bands wie Franz Ferdinand, Interpol oder der Libertines. Jetzt scheint es wieder soweit zu sein. Lasst uns die Second Wave of Shoegazing einläuten.
Und auf welche Bands muss man jetzt achtgeben? Zum Beispiel auf die Sky Drops aus dem “Ersten Staat der USA” Delaware (Hauptstadt? Dover!), der mir bislang nicht durch seine besonders intensive Musikszene aufgefallen ist (nicht verwechseln mit der norwegischen Band des gleichen Namens), vielleicht mit Ausnahme der Adult-Popgröße “Bullette”. Nein, die Sky Drops die ich meine (und die Peter meint) machen interessanten Noisepop, der die verzerrten Gitarren von Slowdive als Stilelement aufnimmt (z.B. hier), dabei aber sehr viel trockener klingt.
Als zweites hätte ich (danke, CIC) eine Kapelle mit dem schönen Namen “Citizens Here and Abroad” im Angebot, die aus genau dem entgegengesetzten Teil der Staaten kommen: aus San Francisco nämlich. Klar, dass das sehr viel blumiger und mehr nach Weltraum klingt als in dem “First State”. Der Ferne Osten ist schließlich um die Ecke. Aber die Lärmteppichebekommen sie auch wunderbar hin (ganz ohne Lou Reeds geheimes “Ostrich Tuning”.
Der dritte Hinweis geht in Richtung Asobi Seksu, die US-japanische Band aus Brooklyn, New York, die eine bonbonsüße Spielart des Shoegaze abliefern: klingende Gitarren und dazu der helle Kindersopran von Sängerin Yuki Chikudate (manche finden sie verführerisch oder möchten ihr dafür gleich einen Antrag machen), aber immer mit den typischen konstanten Gitarrenflächen und vor allem durch Bassbewegungen variierten harmonischen Grundlagen (z.B. in Thursday oder New Years).
Aber auch in Europa wird wieder fleißig auf die Schuhe geguckt beim Gitarrenmusizieren. Bestes Beispiel dafür sind die Norweger Serena Maneesh, die eine angefolkte Version des Ganzen anbieten. Aber dann immer wieder mit sehr viel Melancholie und geisterhaft langsam umherziehenden Stimmen à la Ride (nach uliuli wird hier “gezerrt, gewabert, gespaced, gefeedbackt, gehauen und gemelodiert”), vielleicht steckt das ja hinter ihrem merkwürdigen MySpace-Spruch: “URGH URP URK WHAT A WONDERFÜL WORLD”.
Und zum Schluss darf natürlich der Hinweis auf die Dokumentation “Beautiful Noise” nicht fehlen, bei der allerdings noch unklar ist, wann und ob wir sie in Old Europe zu sehen bekommen. Aber die in dem Film von Eric Green und Sarah Ogletree vorkommenden Namen klingen schon einmal vielversprechend:
Kevin Shields und Debbie Googe von My Bloody Valentine, Jim Reid und Douglas Hart von The Jesus And Mary Chain, Cocteau Twins, Robert Smith (The Cure), Bobby Gillespie (Primal Scream), David Pearce (Flying Saucer Attack), Ian Masters (Pale Saints), Martin Carr (Boo Radleys), Produzent Alan Moulder und Creation-Chef Alan McGee. Shoegaze-Fans wie Billy Corgan, Trent Reznor und Wayne Coyne von The Flaming Lips (nach Intro).
Ganz zum Schluss, quasi als Nachspeise, noch einen absoluten Klassiker: “Shine” von Slowdives 1991er EP “Hold Your Breath”:
Nachdem ich bereits in diesen Kurzmitteilungen auf das Video zum Song “Nothing Changes Around Here” der Thrills hingewiesen habe; einer Band aus Irland, die nicht nur (aber auch) deshalb überzeugen, weil sie einen Sänger haben, der wie Rod Steward aus der Faces-Zeit klingt und dabei aussieht wie Matt Dillon in Rumble Fish. Jetzt gibt’s auf dieser Seite noch einen weiteren schlagenden Beweis dafür, dass das kommende Album (ich würde sogar sagen: Konzeptalbum) “Teenager” eine Wucht wirdist (dass sie großartige Singles produzieren können, haben sie mit “Big Sur” oder “Whatever Happened to Corey Haim?” bereits deutlich unter Beweis gestellt). “And I know, this year could be our year!”
Hier noch einmal das wunderbare “Big Sur” zur Erinnerung:
Nachdem ich in diesem Beitrag aus damals gegebenem Anlass das Thema “Paraskavedekatriaphobie” (Angst-vor-Freitag-dem-Dreizehnten) angesprochen habe, hier nur noch ein kurzer Hinweis auf einen Fall ihrer kleinen Schwester, der “Triskaidekaphobie” (Angst-vor-Dreizehn). Es geht um Arnold Schönberg, den wichtigen kompositionstechnischen Erneuerer des frühen 20. Jahrhunderts. In dieser Abhandlung kann man mehr darüber lesen, zum Beispiel Folgendes:
In Autographen wurden Fehler, die Schönberg auf Seite 13 entdeckte, mit dieser notorischen Unglückszahl in Verbindung gebracht, im Opernfragment Moses und Aron entzog er letzterem den Doppelvokal, um einem Titel mit 13 Buchstaben zu entgehen usf. Auch lebensweltlich finden sich zahlreiche Dokumente dieser Schönbergschen Triskaidekaphobie. Bspw. die fatalistische Rechnung, die er in einem Brief an Webern für sein 52. ( = 4 x 13) Lebensjahr 1926 (26 = 2 x 13) aufmachte, oder Zahlenoperationen, mit denen er in einer Notiz 1928 seine Berliner Adresse und Telephonnummer ihrer Schicksalhaftigkeit überführte. Übrigens wurde Schönberg an einem 13. geboren und starb, wovor er – wie seine Frau berichtete – “große Angst” hatte, am Freitag, den 13. Juli 1951.
Übrigens wurde Arnolds Sohn Rudolf Ronald an einem 26. geboren. Vom Arnold Schönberg-Centrum gibt’s auf YouTube zahlreiche Dokumentationen, unter anderem diese hier (man beschte Gertrud Schönbergs Brille!):