Dass die Russen unter dem Nordpol eine Flagge setzen wollen, um ihren Gebietsanspruch zu untermauern, kann man ja aus geopolitischen Erwägungen (Hint: Rohstoffe) vielleicht noch verstehen. Aber warum wollen diese quecksilberglänzenden Herren in dem neuen Caribou-Video zu “Melody Day” (Album: Andorra) in Gotland eine weiße Fahne hissen? Schon wiedereineKapitulation? Sachdienliche Hinweise bitte in die Kommentare.
Irgendwie ist es kein Wunder, dass sich die Musikindustrie in der Krise befindet. Wenn CDs auf einmal so produziert werden, dass der Durchschnittsunklehörer nicht dazu in der Lage ist, diese zu öffnen (hier gibt es die offizielle Anleitung), werden sich digitale Vertriebswege legaler wie illegaler Art wohl in Zukunft nur noch weiter durchsetzen. Leichter zu öffnen, wenn auch musikalisch einigermaßen anspruchsvoll, ist die jüngste EP-Veröffentlichung des Leaf Labels, auf der sich acht Tracks zwischen ungarischer, serbischer, rumänischer Folklore und Klezmer von A Hawk and a Hacksaw befinden, auf denen neben dem Hun Hangár Ensemble (natürlich: aus Ungarn) auch Beirut-Musikanten mitwirken (Hörbeispiele gibt’s hier). In der New York Times äußert sich Jeff Tweedy (Wilco) sehr positiv über die Band, die er schon länger verfolgt (überhaupt: guter Musikgeschmack). Ach, und live sieht das dann in etwa so aus:
Langsam aber sicher kündigt sich ein Shoegazer-Revival in der Indieszene an. Klar ist auch nach dem Ende von My Bloody Valentine (und später dann auch von Slowdive) einiges passiert, aber einen Bewegungscharakter wie um 1990 herum hat diese Musikrichtung trotz Highlights wie Godspeed You! Black Emperor bis in die jüngste Gegenwart nicht mehr erreicht. Zu stark war wohl in den letzten Jahren der Postpunk-Trend von Bands wie Franz Ferdinand, Interpol oder der Libertines. Jetzt scheint es wieder soweit zu sein. Lasst uns die Second Wave of Shoegazing einläuten.
Und auf welche Bands muss man jetzt achtgeben? Zum Beispiel auf die Sky Drops aus dem “Ersten Staat der USA” Delaware (Hauptstadt? Dover!), der mir bislang nicht durch seine besonders intensive Musikszene aufgefallen ist (nicht verwechseln mit der norwegischen Band des gleichen Namens), vielleicht mit Ausnahme der Adult-Popgröße “Bullette”. Nein, die Sky Drops die ich meine (und die Peter meint) machen interessanten Noisepop, der die verzerrten Gitarren von Slowdive als Stilelement aufnimmt (z.B. hier), dabei aber sehr viel trockener klingt.
Als zweites hätte ich (danke, CIC) eine Kapelle mit dem schönen Namen “Citizens Here and Abroad” im Angebot, die aus genau dem entgegengesetzten Teil der Staaten kommen: aus San Francisco nämlich. Klar, dass das sehr viel blumiger und mehr nach Weltraum klingt als in dem “First State”. Der Ferne Osten ist schließlich um die Ecke. Aber die Lärmteppichebekommen sie auch wunderbar hin (ganz ohne Lou Reeds geheimes “Ostrich Tuning”.
Der dritte Hinweis geht in Richtung Asobi Seksu, die US-japanische Band aus Brooklyn, New York, die eine bonbonsüße Spielart des Shoegaze abliefern: klingende Gitarren und dazu der helle Kindersopran von Sängerin Yuki Chikudate (manche finden sie verführerisch oder möchten ihr dafür gleich einen Antrag machen), aber immer mit den typischen konstanten Gitarrenflächen und vor allem durch Bassbewegungen variierten harmonischen Grundlagen (z.B. in Thursday oder New Years).
Aber auch in Europa wird wieder fleißig auf die Schuhe geguckt beim Gitarrenmusizieren. Bestes Beispiel dafür sind die Norweger Serena Maneesh, die eine angefolkte Version des Ganzen anbieten. Aber dann immer wieder mit sehr viel Melancholie und geisterhaft langsam umherziehenden Stimmen à la Ride (nach uliuli wird hier “gezerrt, gewabert, gespaced, gefeedbackt, gehauen und gemelodiert”), vielleicht steckt das ja hinter ihrem merkwürdigen MySpace-Spruch: “URGH URP URK WHAT A WONDERFÜL WORLD”.
Und zum Schluss darf natürlich der Hinweis auf die Dokumentation “Beautiful Noise” nicht fehlen, bei der allerdings noch unklar ist, wann und ob wir sie in Old Europe zu sehen bekommen. Aber die in dem Film von Eric Green und Sarah Ogletree vorkommenden Namen klingen schon einmal vielversprechend:
Kevin Shields und Debbie Googe von My Bloody Valentine, Jim Reid und Douglas Hart von The Jesus And Mary Chain, Cocteau Twins, Robert Smith (The Cure), Bobby Gillespie (Primal Scream), David Pearce (Flying Saucer Attack), Ian Masters (Pale Saints), Martin Carr (Boo Radleys), Produzent Alan Moulder und Creation-Chef Alan McGee. Shoegaze-Fans wie Billy Corgan, Trent Reznor und Wayne Coyne von The Flaming Lips (nach Intro).
Ganz zum Schluss, quasi als Nachspeise, noch einen absoluten Klassiker: “Shine” von Slowdives 1991er EP “Hold Your Breath”: