Eine der schönsten Hypothesen der Geschichtswissenschaft ist die Erklärung der Entstehung der Schriftlichkeit aus dem Geist der Unterhose. Diese These, zum ersten Mal von Lucien Febvre und Henri-Jean Martin in “L’apparition du livre” beschrieben, dann von James Burke in der vierten Episode von “Connections” (1978) und aktuell wieder von dem niederländischen Historiker Marco Mostert aus Utrecht. Vereinfacht geht es darum, dass mit der Verstädterung und dem zunehmenden Gebrauch von Unterwäsche aus Leinen auch entsprechend viele zerschlissene Leinenreste verfügbar waren, die eine billige Alternative zum Pergament darstellten. Je mehr Unterhosen, desto mehr Bücher. Dass mit der Unterwäsche auch neue Möglichkeiten des Entkleidens möglich wurden, spielt bei Febvre, Burke und Mostert keine große Rolle, aber bei Pulp, die diesem Thema ein ganzes Lied gewidmet haben:
Aus dem Interview mit dem rechtspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Norbert Geis zum Thema präventives Verhaften von “Gefährdern”:
Der Unterschied zu Guantanamo ist jedenfalls, natürlich so, wie ich das kenne, ist ein vernünftiges Verhalten, und dann muss man immer wieder auch prüfen, ist das noch ein Gefährder?
Da weiß man doch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in guten Händen. Oder behauptet da etwa jemand, ein “vernünftiges Verhalten” wäre kein zuverlässiger Schutz vor Totalitarismus, Despotismus und Barbarei?
Im September gibt es gleich zwei Veröffentlichungen des Berliner Zeitkratzer-Ensembles um Reinhold Friedl auf dem Asphodel-Label. Zum einen die 2002er Aufführung von Metal Machine Music, dem avantgardistischen Noise-Werk von Lou Reed aus dem Jahr 1975, das damals eigentlich nur missverstanden wurde und nach drei Wochen vom Markt genommen wurde. Die überwiegend elektrische MMM wurde nun von den Zeitkratzern in eine Kammermusik-Variante übertragen. Mit der zweiten Veröffentlichung “Xenakis [a]live!” verbeugen sich Friedl und das Zeitkratzer-Ensemble vor dem griechischen Komponisten und Electronica-Pionier Iannis Xenakis (1922-2001). Auch hier bestand die größte Herausforderung darin, die elektronisch erzeugten Studio-Sounds mit den Mitteln klassischer Instrumente neu zu erfinden. Leider konnte ich keine Videos der Stücke finden, stattdessen aber dieser Mittschnitt vom Etnafest im Januar:
Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag, Arlo Guthrie! Ich weiß nicht, wie oft ich Alice’s Restaurant gesehen habe, wie oft ich mich über die Lyrics des Motorcycle Songs amüsiert habe oder wie oft ich kurz vor dem Einschlafen mich von der City of New Orleans in den Schlaf schaukeln ließ.
Ohne größeren Wirbel zu verursachen, hat der deutsche Popelektroniker Ulrich Schnauss sein neues Album “Goodbye” veröffentlicht. Damit kann die Trilogie, die mit “Far Away Trains Passing By” begonnen hat und mit “A Strangely Isolated Place” fortgeführt wurde, abgeschlossen gelten. Das neue Album hat Schnauss in relativer Abgeschiedenheit in seiner Heimatstadt Kiel aufgenommen. Ein Stilmittel, das er damit perfektioniert hat, ist das Übereinanderschichten von unzähligen Audiospuren um eine gewaltige Orchestralität zu schaffen - Eric Schneider spricht von einer “more-is-more aesthetic”, die sich nicht so sehr an dem Dancefloor, als vielmehr an Shoegazerbands wie My Bloody Valentine, Chapterhouse oder M83. Aber zugleich bewahrt er sich eine Leichtigkeit, so dass man sich dennoch nicht erschlagen fühlt.