Wir nennen es Oh-oh-ooh-oh! (Apples in Stereo)
Add comment March 30th, 2007
Im Herzen des Pop ist Leere. Deshalb bleibt ihm nur die Flucht in die Selbstreferentialität. Und das klingt so: Oh-oh-ooh-oh! Turn Up the Stereo-oh! Zu Anfang: Sinuswellen, Vocoder und dann E-Gitarren. Can you feel it - die Musik? Den mehrstimmigen Gesang im Chorus und den Groove der Cowbell? Makes you feel good. Schon der erste Track auf “New Magnetic Wonder”, dem sechsten Album der US-Band Apples in Stereo, zeigt, in welche Richtung es gehen soll. In die richtige.
Allein der Moment in “Can You Feel It”, in dem das erste Gitarrensolo abhebt, ist ein klassischer Alles-ist-klar-Moment. Manche nennen es Erleuchtung, wir nennen es Oh-oh-ooh-oh! Ob das Vibrieren der Lautsprecher oder das Rauschen auf dem FM-Sender - die Musik der Apples handelt, natürlich, von nichts anderem als der Nebensächlichkeit von Musik. Es geht hier nicht um passende Akkorde, neue Hooklines, Kunst oder Kommerz. Gefeiert wird die Musik als Begleitung eines Lebens. Das Album spendet diesem Zweck mit 24 Tracks und gut 50 Minuten Klangkulisse.
You follow the skyway - de-dip-dip-dip-di-dip - hat noch etwas schwer an seinen monotonen Gitarrenriffs und Klavierakkorden zu tragen. Dann aber die erste Single, “Energy”. Hier darf das Roland Space Echo auf dem Gesang von Robert Schneider endlich eine Hauptrolle spielen. Nur noch ein kurzes it’s gonna be alright nach Art der Beach Boys und dann ist da wieder dieses ewige Versprechen des Pop: And we’re gonna see the sunlight, uh uh yeah. Und die Welt ist Elektrizität. Gesungen wie von jemandem, der das erste Mal die Freuden des intimen Beieinanderseins entdeckt: es gibt ein Licht in dir und es gibt ein Licht in mir - Beischlaf-Pop at its best.
Mit “Same Old Drag” und einem dominierenden E-Piano sind wir dann mitten in der Schwedendisko inklusive Ba-ba-bah-Abba-Backgroundgesang. Aber das ist nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft: Joanie don’t you worry, there is so much you have yet to see! Mit dem von Hilarie Sidney, der alten Drummerin der Band, gesungenen “Sundall Song”, einer Mischung aus Barbiegirl und The Only Ones - it’s such a perfect night - erreicht die Platte dann einen ersten Höhepunkt, bei dem sogar der Mond vergessen darf zu scheinen.
Der nächste Track, “Play Tough”, klingt dann ein bisschen so als wäre Roy Orbison endlich bei Pavement eingestiegen. Aber schließlich wurde das Album von Bryce Goggin mitproduziert, der nicht nur Crooked Rain, Crooked Rain gemischt hat, sondern auch auf Range Life, dem besten aller Pavementsongs, Klavier gespielt hat. Saturday is not the ideal day to break up ist dann schließlich doch noch eine alltagstaugliche Wahrheit, die man auf jeden Fall noch mitnehmen kann. Und in der Tat sind die Apples in Stereo wohl eine der untoughsten Bands, die einem spontan einfallen. Aber das Tough-Spielen haben sie drauf.
Doch jetzt endlich: “7 Stars”. 7 Stars? 7 Stars! Mit der wunderbar rollenden Rhythmussektion inmitten eines Meeres aus Overdubs kommt man vielleicht nicht ganz bis zu den Sternen. Aber dennoch ganz schön weit. Und dann ist es kein Problem, wenn man von den Namen der Sternbilder nicht den Hauch einer Ahnung hat. So eine schwebende Einfachheit braucht keine Namen. Und sie bietet Entschädigung für die nicht immer passenden aber dafür halbwegs ironischen Zwischenschnipsel aus Sinuswellen, Vocoder und Fieldrecordings, die Titel wie “Vocoder Ba Ba” oder “Non-Pythagorean Composition 3″ tragen und auf neuartigen, von Schneider erfundenen Tonskalen beruhen, die sich nicht nach der herkömmlichen Algebra richten. Das macht aber nichts.
Gar nichts, denn auf “Sunday Sounds” singt Hilarie wieder und macht den Song zum Geheimfavoriten für die Happy Hours studentischer Indiedancefloors zwischen Bielefeld und Augsburg. “Open Eyes” bringt dann genau die richtige Gitarrenriff- und Tamburin-Kombination, um wie eine vergessene Nummer aus der heißen Phase des Battle of Britpop zu wirken. What do you feel when you are inside a star? Vermutlich ziemlich heiß. Bleibt die Frage, ob das wirklich der richtige Ort ist, an dem man seine Liebe entführen sollte.
Bei “Radiation” zwitschert und fiept es dann wieder ordentlich in der Leitung. Besungen wird die Rückkehr zu einem Ort in your head, an dem man frei sein kann und seine Freunde wiedertreffen kann, ba bap ba, wo sonst. Ins Rollen kommt die Angelegenheit dann wieder mit der ersten von vier Beautiful Machines. Obwohl in Reihenschaltung entfalten sie genug Spannung und Energie - and the world is energy - um dem Schluss des Albums entgegenzumarschieren.
Turn off the bullshit on the FM radio: Wenn Pop tot ist, dann ist das wahrscheinlich die schönste Leiche des Frühjahrs 2007.
The Apples in Stereo: New Magnetic Wonder (Yep Roc Records, 16.02.2007).


