Ist der Song “What My Baby Said” in Wirklichkeit eine Interpol-Persiflage? Oder doch nur der Versuch, sich an den Erfolg der New Yorker Pathosgruppe zu hängen? Auf jeden Fall klingt “Did I Tell You What My Baby Said?” von Murder Mystery (ebenfalls aus New York) dem Interpol-Hit “The Heinrich Maneuver” zunächst in Rhythmus und Harmonie sehr ähnlich, statt den bedeutungsschwangeren Zeilen von Paul Banks gibt es hier jedoch flockigste Girl-meets-Boy-Rock’n'Roll-Lyrik. Auch die anderen Songs des kommenden Debüts “Are You Ready For The Heartache Cause Here It Comes” sind hörenswert: die entfernt an die Inspiral Carpets erinnernde Synthnummer “Love Astronaut” (mp3) sowie das swingende “Honey Come Home” (mp3).
Wenn es einen Preis für das weirdeste Bandfoto gäbe, ich würde sofort die Bodies of Water vorschlagen. Wann hat man das letzt Mal eine Band gesehen, die sich im ausgewaschenen “Barcelona 1992″-Tee oder in einem roten Synthetikbody, der noch aus dem Grundschulsportunterricht zu stammen scheint, präsentiert? Die vier Musiker aus Kalifornien würden in der Vorabendserie “Unterwegs mit den Hartz-IV-Kontrolleuren” nicht besonders auffallen: “Diese große Geige da mit den acht Schnüren drauf. Gehört die Ihnen? Spielen Sie überhaupt Geige? Oder hat die Ihre Freundin hier vergessen? Sie leben doch gar nicht getrennt, oder?” Aber irgendwie passt das Äußere der Band recht gut zu ihrer verschrobenen Musik zwischen 60er-Jahre-Spaghettiwestern (Aah-aah-aah-aah-aah-aah) mit Dancing Queen-Einflüssen in “Doves Circle the Sky” (mp3) den merkwürdigen Mischungen aus hymnischen Pop und 60s Folk in “We Are Co Existors” (mp3) oder dem Abba-Gospelsong “These Are The Eyes” (mp3). Eine schöne Folge von Songs über “peace, love, and pop music“. Was ich allerdings nicht ganz nachvollziehen kann: die Vergleiche dieser Gospelrocker mit Arcade Fire. Auf ihrer Homepage gibt es einige Skurilitäten zu sehen: von Davids beruflichem Werdegang über geschmackvolle Animationen bis hin zu diversen Familienfotos. Bislang beschränkt sich ihr Aktionsradius leider auf Kalifornien (sie spielen dort unter anderem zusammen mit Karl Blau und John Vanderslice), aber die Platte “Ears Will Pop and Eyes Will Blink” ist in den üblichen Musikportalen bereits verfügbar. Und hier sind sie live (via):
Schon wieder eine siebenköpfige Neohippiekommune? Wird das Wir-sind-ein-Kollektiv-Denken (eine Gruppe von “old friends, lovers and ex-lovers“) langsam zur Masche? Das könnte man zumindest denken, wenn man auf die Homepage der Chicagoer Band The 1900s (Myspace) blickt. Die Einzelbeschreibungen der Bandmitglieder wirken leider ein bisschen billig. Da steht dann zum Beispiel über den Schlagzeuger: “Banging things since ‘77, moved to drums in ‘89″. Vielleicht ist das aber auch nur ein ganz merkwürdiger Humor. Dafür klingen ihre Songs aber wirklich nett, zum Beispiel “Bring the Good Boys Home” (mp3) von ihrer ersten EP “Plume Delivery” oder “When I Say Go” (mp3) von ihrem Debütalbum “Cold & Kind”, das am 2. Oktober 2007 erscheinen wird. Stereogum hat noch zwei weitere Songs auf Lager, darunter “Two Ways”, einem schönen Velvet Underground-Rocker mit Vintage-Hammond-Sound, Federhall und feinem mehrstimmigen Gesang (einen weiteren Song gibt’s hier). Noch sind sie noch nicht dort angekommen, aber die “1900’s are a group which can develop into something magical like Galaxie 500 did back in the 80’s, so if you have the patience to watch them develop, I think you will be pleasantly surprised in the outcome”, meint A Beef Sandwich.
Als ich heute meinen Broken Social Scene-Beitrag fertiggeschrieben habe, bin ich über den Bandnamen Len gestolpert (Broken Social Scenes Brendan Canning hatte damit etwas zu tun). Da war doch irgendetwas, oder? Diesmal kein Ehepaar, sondern Geschwister: Marc und Sharon Constanzo, genau. Langsam ist dann die Erinnerung zurückgekehrt, schließlich ist “Steal My Sunshine” (1999) nach wie vor einer der Sommersongs überhaupt (wenn man nicht im Sinne eines Freudschen Verhörers den Refrain als “still bisexual” missversteht). Vielleicht traut sich der Sommer tatsächlich noch einmal her, wenn wir alle nur laut genug singen:
I know it's up for me
If you steal my sunshine
Making sure I'm not in too deep
If you steal my sunshine
Keeping versed and on my feet
Nach einer kurzen Verschnaufpause findet die sommerliche Kanadaserie nun ihren Abschluss mit dem Spitzenreiter meiner Top Ten: Broken Social Scene. Im Vergleich zu den bisherigen Musikerkollektiven haben wir es mit dieser Supergruppe aus Toronto mit der “mother of them all” zu tun. Kaum vorstellbar, dass die Band einmal als Duo begann: 2001 nahmen Kevin Drew (zuvor bei KC Accidental) und Brendan Canning (aktiv unter anderem in den Bands By Divine Right, Blurtonia, Valley of the Giants, hHead und Len), allerdings mit zahlreichen Gastmusikern wie Justin Peroff (Junior Blue) oder Charles Spearin (Do Make Say Think, KC Accidental und Valley of the Giants), die später in Broken Social Scene eingemeindet werden sollten, ihr Debüt “Feel Good Lost” auf. Auf dem Album wird nur selten gesungen (”Passport Radio”) oder gesprochen (”Stomach Song”), es dominieren orchestrale Flächen, kunstvoll miteinander verwobende Jingle-Jangle-Gitarrenmelodien, Drones und ab und zu einmal ein Beat.
Um dieses Werk live aufführen zu können, holten sich die beiden weitere Musiker wie Andrew Whiteman (Que Vida und Apostle of Hustle), Jason Collett (Andrew Cash Band und Bird), Leslie Feist (Feist) und Emily Haines (Metric). Später kamen dann auch noch James Shaw (Metric), Evan Cranley (Stars und Gypsy Sol), Justin Peroff, John Crossingham, Amy Millan (Stars), Ohad Benchetrit (Do Make Say Think und The Hidden Camera, Sphyr), Martin Davis Kinack (Hayden und Transistor Sound & Lighting Co.), Jo-Ann Goldsmith, Torquil Campbell (Stars, Memphis), John Crossingham (Raising the Fawn), Lisa Lobsinger (Reverie Sound Revue) und Julie Penner (The FemBots, Do Make Say Think, Hylozoists und The Weakerthans) dazu und fertig war die 19-köpfige Unternehmung, die den kanadischen Indiepop mit dem Nachfolgewerk “You Forgot It in People” (2002/2003) eine neue Bedeutung geben sollte.
Wahrlich eine merkwürdige Dialektik, die hier am Werk ist: zunächst entsteht ein brilliantes und glasklares Album des Duos. Danach holen sie sich eine ganze Meute von Musikern, um die Stücke aufzuführen und stehen in diesem Moment vor dem ganz neuen Problem, wie man mit einem derart großen und multiinstrumentalischen Kollektiv umgeht, wie man es in die verhältnismäßig simplen und verständlichen Formen presst, die nach wie vor das Grundgerüst der Popmusik sind. An dieser Herausforderung sind Broken Social Scene gewachsen (und wachsen weiter), woraus dann letztlich ihre seltsame populär-avantgardistische Rolle entstanden ist. Klangschicht über Klangschicht sind in diesen Songs aufgetürmt, so dass der Hörer zum einen herausgefordert ist, will er die dahinterliegenden und sinngebenden Strukturen entschlüsseln, zum anderen wirkt diese muntere Genremischung dennoch an keiner Stelle gesucht oder allzu verkopft.
Das zweite Album der Band bedeutete den Durchbruch der Band, sowohl in den Augen der Kritiker als auch, was die Vermarktung betrifft. Nicht nur wurde es von vielen Kritikern als Album des Jahres gesehen, sondern es ist einer der seltenen Belege für einen plötzlichen Entwicklungssprung - nicht nur einer Band, sondern der Popmusik selbst. In dieser Hinsicht gehört dieses Album in eine Reihe mit Radioheads “OK Computer”, Pavements “Crooked Rain Crooked Rain” oder Sonic Youths “Daydream Nation”. Dass hier musikalisch eine echte Entwicklung geschehen ist, wird spätestens dann deutlich, wenn man versucht, die Musik von “You Forgot It in People” zu beschreiben: Folkiger Progrock? Athmosphärischer Postrock? Hippiesque Postelectronica? Experimenteller Dronepop? Krautrockiger Easy Listening-Sound? Charakteristisch für diese Musik sind nicht nur die langen Instrumentalpassagen, die feinen Bläserarrangements oder das pulsierende Schlagzeug, sondern ebenso der sphärische, oftmals unverständlich gelassene Gesang, dessen primäre Aufgabe nicht darin zu liegen scheint, dem Zuhörer die Songtexte zu vermitteln, sondern eher eine ganz spezifische Stimmung zu evozieren. Das Besondere an diesem Album ist, dass die Band nun einen Weg gefunden hat, das, was sie in ihrem Debüt an experimentellen Visionen skizziert hatte, mit den Mitteln des (mehr oder weniger) klassischen Songwritings und Orchestrierens auf eine ganz neue Weise ausdrücken. Eine Synthese, die überzeugt.
Mittlerweile haben sie mit ihrem dritte Album “Broken Social Scene” (2005) eindrucksvoll demonstriert, dass sie nicht zu denjenigen Bands gehören, die aus dem Nichts heraus eine geniale Platte zaubern und dann ebenso schnell wieder verglühen - dass sie auf ihren Tourneen nicht auseinandergefallen sind, will bei dieser Gruppengröße wirklich etwas bedeuten. Aber was sag ich, selbst übertroffen haben sie sich mit diesem Album. Schon wieder. Nicht nur die RezensentIn in der Spex ist sich “so sicher wie selten, eine bedeutsame Platte gehört zu haben, dass ich es kaum in Worte fassen kann”, sondern auch Martin Büsser (vgl. auch seine interessante Analyse des neuen Kollektivdenkens in der Independent-Musik) erwähnt schwärmerisch “magische Momente, wie man sie vielleicht nur von einer Band wie Can her kennt, nämlich Passagen, bei denen man wesentlich mehr zu hören glaubt, als es tatsächlich zu hören gibt, bei denen sich die Summe aller Teile eben nicht mehr auf jene reduzieren lässt” bevor er zu seinem Gesamturteil kommt: “Faszinierende Platte”. Auch die Blogosphäre lobt dieses “FANTASTIC, yes, FANTASTIC, chaotic, beautiful, swirling, production-wise absolutely-spot-on, self-titled album” und Konzertbesucher wundern sich, dass “not even the magnitude of that show prepared me for how great this album is”. Und damit ist noch gar nichts gesagt über die diversen Soloprojekte der Bandmitglieder, die Zusammenarbeit mit anderen Musikgrößen wie J. Mascis oder über kunstvollen Neuinterpretationen von Kinderliedern.
Ich muss sagen, ich habe richtig Angst vor dem nächsten Album der Broken Social Scene. Wenn man die bisherige Entwicklung interpoliert, kann nicht weniger dabei herauskommen als eine Grenouillesche Musik, die so schön und gelungen ist, dass man sie gar nicht mehr anhören kann. Weil es lange nicht mehr vorgekommen ist, dass mir eine Band Angst macht, ist es mir nicht schwergefallen, diese Gruppe auf den ersten Platz zu setzen.
Die Weisheit der Massen (oder Ameisenintelligenz) sieht so aus:
Das ist nur ein Ausschnitt aus der Weltkarte, die Christian Lange im Rahmen des “Radical Maps”-Seminars aus den Daten von Googles Zeitgeist erstellt hat (via). Besonders schön ist seine Schlussfolgerung:
Die Suchthemen der unterschiedlichen Kulturen und Bewohner der heutigen Welt scheinen im Zeitalter des World Wide Webs für den hier untersuchten Augenblick relativ homogen zu sein. Kritisch betrachtet zeigt sich im Kontext eine gewisse Gleichschaltung westlicher Interessen und Lebensentwürfe. Bezeichnend ist eine bestimmte Vorliebe für Themen rund um Popkultur, Prominente und Berichterstattungen.
Einzig allein die Norweger interessierten sich im April mehr für »Love« als der Rest der Welt.
Es ist ein wichtiges Datum im immerwährenden Popkalender, so wichtig, dass es auch an den diversen Werbeleinwänden in den U-Bahnhöfen immer wieder eingeblendet wird: heute vor 30 Jahren ist Elvis Aaron Presley in Memphis gestorben. Jenseits der üblichen hochkulturellen Würdigungen des zweiten großen Popstars nach Enrico Caruso - die Tagesschau skizziert die verschiedenen Elvis-Fantypen, die FAZ sieht Elvis eher als ersten Punk denn als Messias, die Welt lobt die “deutsche” Elvis-Comicanthologie von Reinhard Kleist und Titus Ackermann und die taz widmet sich dem philippinischen Elvis sowie den chinesischen Vorbehalte gegen den obszönen Amerikaner - wird Elvis aber auch in der Blogosphäre gefeiert: So erinnert sich zum Beispiel Diddy Wah daran, wie er Elvis auf einer Klassenfahrt in Australien kennengelernt und als echte Alternative zu den New Kids on the Block empfunden hat. Zur Feier des Tages stellt er außerdem sechs Elvis-Interviews vor. 500Beine ruft sich die Fahrt im grün-weißen Bus zum Heartbreak-Hotel ins Gedächtnis, während René einen Quarter in die YouTubebox wirft und für uns alle Elvis mit seiner Version von “My Way” spielt. The Big Leather Couch postet ein paar Elvis-Songs und außerdem eine Liste all seiner Veröffentlichungen. Nur 11 Songs nennt Roman. Aber die haben es in sich, denn es sind Lieder, “welche ad hoc die Liebe zu diesem Künstler auszulösen vermögen”. Eine Elvis-Miniserie gibt es beim Schockwellenreiter (”Elvis lebt”, siehe auch hier) und hier ein original Elvis-Piano zum Ersteigern (Anfangsgebot 250.000 USD). Lokale Elvis-Veranstaltungshinweise hat der Münchenblogger. Besonders hervorzuheben ist das Gedenkangebot von Julia, die sich die Mühe gemacht hat, einige Elvissongs ins Deutsche zu übersetzen. Außerdem gibt es, wie sollte es anders sein, eine Blogparade zum Thema Elvis. Fröhliches Gedenken! (Bild: “Elvis Presley”, Wikipedia)
Wer hat es auf den ersten Platz meiner kanadischen Indie-Top-Ten geschafft? In wenigen Stunden wird dieses Rätsel aufgelöst (komme jetzt leider nicht mehr dazu). Aber zuvor möchte ich noch einmal kurz auf die vielen anderen kanadischen Indie-Bands hinweisen, die ebenfalls sehr hörenswerte Musik machen, es aber wegen der Beschränkung auf zehn Bands nicht in meine Liste geschafft haben. Da wären zum Beispiel:
The Besnard Lakes, eine wundervolle Neo-Shoegazer-Band, denen mit “The Besnard Lakes are the Dark Horse” nicht nur ein sehr fantasievoller Albumtitel eingefallen ist, sondern die mit “Disaster” einen der düstersten Beach-Boys-Tracks aller Zeiten produziert haben. Auch diese Band gruppiert sich um ein Ehepaar: Jace Lasek und Olga Goreas. Und auch hier sind zahllose Verbindungen zu Bands wie den Stars, den Dears oder Godspeed You! Black Emperor auszumachen, die allesamt auch auf dem Album mitgespielt haben.
Young Galaxy, eine weitere Band aus dem Stars-Umfeld, die mit “Swing Your Heartache” eine großartige Kombination aus Herzschmerzcountry und Spacepop à la Air geschaffen haben (die restlichen Songs ihres Debüt-Albums “Young Galaxy” sind gut, aber nicht überragend). Im Mittelpunkt steht wieder ein Paar: Stephen Ramsay und Catherine McCandless und auch hier haben Musiker aus anderen Bands wie etwa den Besnard Lakes mitgewirkt.
The Dears, deren Musikstil mit dem Titel ihrer ersten EP aus dem Jahr 1995 ganz gut umschrieben ist: “Orchestral Pop Noir Romantique” und die wie so viele kanadische Bands eine schwer zu durchschauende und immer wieder wechselnde Mitgliederliste besitzen.
Death from Above 1979, einer der härteren Bands aus Toronto, die weniger orchestral und romantisch klingen, sondern stattdessen eine wilde Mischung aus Dancefloor und Postpunk spielen. Leider haben sich DFA1979 vor ziemlich genau einem Jahr aufgelöst.
Aber das sind noch längst nicht alle interessanten Bands der canadian invasion, sondern es gibt auch noch Malajube, You Say Party! We Say Die!, Final Fantasy oder Metric.
Soviel erstmal für den Moment, morgen gibt es dann wie versprochen die Nummer 1! Wahrscheinlich wisst ihr sowieso schon, wer das sein wird. Oder?
Bühne frei für den Zweitplatzierten meiner kanadischen Indie-Top-Ten: die phänomenalen Arcade Fire. Wie unsere beidenvorangegangenen Bands stammt auch dieses siebenköpfige Rockorchester - Sänger Win Butler, seine Frau Régine Chassagne, Richard Reed Parry, der Bruder des Sängers William Butler, Tim Kingsbury, Sarah Neufeld und Jeremy Gara - aus Montréal in der französischsprachigen Provinz Québec. Eigentlich gibt es über diese Band gar nicht mehr viel zu erzählen, galten sie doch als Speerspitze der “canadian invasion” und veröffentlichten Anfang März dieses Jahres mit “Neon Bible” das absolute Konsensalbum des modernen Indierock. So zierten sie dann auch die Cover der einschlägigen Musikzeitschriften und erreichten dadurch sogar bei den musikalisch eher unbedarften frappacinoschlürfenden Bahnhofskiosksbesuchern zumindest einen unterbewussten Bekanntheitsgrad.
Die große Leistung von Arcade Fire kann man eigentlich gar nicht genug würdigen, denn sie haben es mit diesem Album geschafft, trotz der hohen Erwartungen, die sich nach dem Vorgänger “Funeral” bei den Kritikern angesammelt hatten, wieder eine Platte herauszubringen, die von einer großen, wirklichüberwältigendenZahl von RezensentenLobeshymnen auszulösen. Dazu gehört natürlich auch die immer wieder von der Band demonstrierte Haltung, sich nicht ausverkaufen zu wollen, sondern der U2isierung des Indiepop irgendwie auszuweichen:
I don’t know if U2 started it, or The Stones or Oasis but a lot of bands think in terms of: ‘I’m going to be the biggest band in the world. Fuck all those bands who’ve got no ambition’. I think that’s a total crock of shit. (zitiert nach Intro)
Normalerweise müssten bei solchen Äußerungen spätestens seit der Kommerzialisierung von Kurt Cobain selig die Alarmglocken läuten. Nicht so bei Arcade Fire. Denn ihre Musik ist einfach so brilliant, dass man ihnen wahrscheinlich alles verzeihen würde. Bei anderen Künstlern gibt es manchmal so eine Art Beißhemmung. Man sagt: Klar, die Ablehnung des Kunstbetriebs, die sich hier zeigt, ist genau die raffinierte Version der Ausbeutung durch die Industrie. Aber jemanden, der es so gut meint und selbst nicht die Fähigkeiten hat, seine eigene Situation zu theoretisieren, darf man nicht auch noch in die Pfanne hauen. Genau dieses Muster gilt für Arcade Fire nicht. Aber was ist es dann, was Arcade Fire ausstrahlen, das sie auf diese Weise imprägniert?
Ich glaube, dass es möglicherweise so eine Art “neutrale Zone” ist, die sie mit ihrer Musik schaffen - mit den romantischen Songstrukturen, den an Kammermusikabende erinnernden Streichern, der immer etwas zittrigen Stimme von Win Butler, den Momenten, in denen sie im hämmernden Staccato durch die jüngste Popgeschichte sausen, aber immer wieder zurückfinden in die scheinbare Einfachheit einer gezupften Folkgitarre. In dieser neutralen Zone haben die Kritiker die Möglichkeit, sich für ein paar Songs ihrer gesellschaftlichen Funktion entledigen: müssen nicht mehr Kritiker sein, sondern können gemäß der kommunistischen Utopie auch einmal den Handwerker spielen, der von seinem Tagwerk heimkommt und zum Abschluss des Tages das Radio aufdreht, um sich an dem Zauber des Zusammenspiels der Instrumente zu erfreuen (es kann natürlich auch der frappacinoschlürfende Bahnhofskioskbesucher sein) und zuhört, wie diese Band aus dem fernen Kanada ihre Stücke spielt, bei denen es in immer neuen Variationen um “singularisierte Identitäten in der globalisierten Welt, um Intimes, vorgeführt in einem stets leicht skurrilen Zirkuszelt” (Kai Klintworth in Intro) geht. Entspannung ohne Erschlaffung. Man hat das Gefühl, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, muss sich aber ausnahmesweise einmal nicht dazu überwinden, sie in Worte zu fassen, sondern kann sie dunkel lassen.
Die Musik selbst wechselt immer wieder zwischen nostalgischen Beschwörungen einer unmöglichen Zukunft und der drastischen Darstellung des drohenden Untergangs (”Wenn uns das 21. Jahrhundert schon fressen wird, stolzieren wir eben als Marchingband in seinen schwarzen Rachen”, schreibt Dana Bönisch über das “Endzeit-Manifest” Neon Bible) - das alles aber gegossen in hymnische Formen, bei denen es mich nicht besonders wundern würde, wenn sie in fünfzig Jahren zusammen mit Bach und Buxtehude im Rahmen der Lübecker Kirchenmusikwochen gespielt würden (passend dazu schwört Oliver: “wenn ‘Intervention’ zu Beginn und zum Schluß gespielt wird, gehe ich auch wieder regelmäßig in die Kirche, großes Indianer-Ehrenwort!”). Manchmal sind es nur ganz kleine Verschiebungen, Wechsel zwischen Dur und Moll oder eine Melodie, die auf einmal in einem ganz anderen harmonischen Kontext auftaucht und einen von da an nie mehr loslässt. Um nur ein Beispiel zu geben: mich packt es immer wieder bei der zweite Hälfte des Refrains von “Rebellion (Lies)”, wenn der harmonische Hintergrund der Zeile “Every time you close your eyes” auf einmal nicht mehr auf dem Wechsel von Bb - Eb aufsitzt, sondern nun auf Bbm - Gb - Db - Ab. Die Mittel sind subtil, die Wirkung wundervoll (ein ähnliches Ding, freilich mit ganz anderer Bedeutung, haben die Doors in ihrer “Love Street” unternommen):
Wer keine Lust hat, sich ans Klavier zu setzen und den Refrain nachzuspielen, kann sich hier das Original noch einmal ansehen und anhören (mp3-Stream, noch mehr Streams hier, außerdem einige B-Seiten):
Ach ja, bevor ich’s vergesse: Im August und November sind sie endlich wieder einmal in Deutschland auf Tour, nachdem die letzten Konzerte wegen einer Erkrankung des Sängers abgesagt wurde (Tickets 22-24 EUR zzgl. VVK):
22. August 2007: Köln, Palladium (Support: Herman Düne)
8. November 2007: Berlin, Columbiahalle
11. November 2007: München, TonHalle
Wir sehen uns in der neutralen Zone. (Bild: “Arcade Fire”, Wikipedia)
Die Alternative-Rock-Ikone Perry Farrell (Psi Com, Jane’s Addiction, Porno for Pyros, Satellite Party) wurde von Jim DeRogatis gefragt, ob es nicht etwas undemokratisch sei, dass es auf dem Lollapalooza Festivals neben den normalen Stehplätze auch Luxuszelte für die Besserverdienenden gibt. Seine Antwort darauf:
Democracy is based on capitalism, and if you don’t have capitalism, you have communism. And capitalism is going to help the world beat these assholes, because you have the right to take the money out of your pocket and say, ‘I don’t agree with you, I don’t like foreign oil and I’m not going to use it.
Letzten Freitag waren die Besnard Lakes aus Montréal in der Sendung “Sound Opinion” des Chicagoer Radiosenders “Public Radio” zu Gast. Bevor die Band um das Ehepaar Jace Lasek und Olga Goreas zu hören ist (unter anderem mit drei Liveaufnahmen) werden in dieser unterhaltsamen Show unter anderem folgende Themen abgehandelt: die Kommerzialisierung der großen Festivals, der Lollapalooza-Auftritt von Iggy Pop an der Grenze zum Chaos, Adolf Hitlers Schallplattensammlung sowie Marilyn Mansons Großeinkauf von Nazidevotionalien, Präparaten und einem Skelett. Musikalisch wird das Ganze von LCD Soundsystem, den Stooges, Marilyn Manson, den Wiener Philharmonikern, Elton John, Nancy Sinatra, Lee Hazlewood, Daft Punk, De La Soul, Silverchair, Tal Wilkenfeld, den Effigies sowie natürlich den Besnard Lakes begleitet:
The Besnard Lakes, “Cedric’s War,” The Besnard Lakes Are the Dark Horse, 2007
The Besnard Lakes, “On Bedford and Grand,” The Besnard Lakes Are the Dark Horse, 2007 Live in Studio (anhören)
The Besnard Lakes, “Devastation,” The Besnard Lakes Are the Dark Horse, 2007 Live in Studio (anhören, bei GvB als mp3)
The Besnard Lakes, “For Agent,” The Besnard Lakes Are the Dark Horse, 2007
The Besnard Lakes, “Rides the Rails,” The Besnard Lakes Are the Dark Horse, 2007
The Besnard Lakes, “Disaster,” The Besnard Lakes Are the Dark Horse, 2007 Live in Studio (anhören)
Außerdem: The Besnard Lakes, “You Lied to Me” (anhören)
“I can’t listen to it now without getting all dewy-eyed. And if I play it on the radio, I have to segue it into the front of another record because I can’t speak after I’ve heard it” sagte der großartige John Peel. Jetzt ist Feargal Sharkey, der vor knapp dreißig Jahren mit seinen Undertones den Song “Teenage Kicks” aufgenommen hat, 49 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch (via).